Große Jungs aus dem kleinen Fußballland Norwegen: Ob Erling Haaland (l.) oder Alexander Sörloth (r.) im Pokalfinale Tore erzielen können? Beim Borussen hängt‘s an der Gesundheit, beim Leipziger am Trainer. © imago / Bildbyran
DFB-Pokalfinale

BVB gegen Leipzig: Haaland und Sörloth – was die Norweger eint und unterscheidet

Zwei Sturmriesen, viele Parallelen und große Unterschiede: Was BVB-Torjäger Erling Haaland und Leipzig-Stürmer Alexander Sörloth eint - und was sie voneinander unterscheidet.

Erling Haaland (20) hob den Kopf nicht mehr hoch. Nordirlands Abwehr enteilte er mit seinen bekannten langen, schnellen Schritten, im passenden Moment legte er den Ball quer in den Lauf von Alexander Sörloth (25), Tor. Der Treffer zum 4:1 der Norweger in der Nations League im vergangenen September (Endstand: 5:1) berauschte die Skandinavier. Flugs schwärmten sie von einem neuen „Traum-Duo“ in ihrer Nationalmannschaft. Ein Sturm aus dem Norden. Es gibt erstaunlich viele Parallelen zwischen den beiden Angreifern Haaland und Sörloth. Und noch mehr große Unterschiede.

Sörloth über BVB-Stürmer Haaland: „Wir verstehen uns“

„Wir verstehen uns und wissen, in welche Räume der andere geht“, berichtete Sörloth nach dem erfolgreichen Auftritt damals und verwies auf das oben beschriebene Tor und die Vorbereitung von Haaland. „Er schaut gar nicht, er weiß, dass ich da bin. Es ist ziemlich selten, eine solche Verbindung zu haben.“ Borussia Dortmunds Mittelstürmer ergänzte, als beide im roten Trikot vor der Kamera grinsten: „Wir sprechen auf dem Platz dieselbe Sprache, und alle Stürmer bei der Nationalmannschaft bringen die nötige Spielintelligenz mit. Wir verstehen uns und arbeiten sehr gut zusammen.“

Im Einsatz fürs Vaterland stürmen die beiden Norweger Seite an Seite, auch wenn es mit der erhofften EM-Qualifikation letztlich nicht gepasst hat. Im DFB-Pokalfinale zwischen RB Leipzig und dem BVB (20.45 Uhr, live in der ARD und bei Sky) könnten beide aufeinandertreffen. Wenn Haaland trotz seiner muskulären Beschwerden im Oberschenkel rechtzeitig fit ist. Und wenn Sörloth das Vertrauen seines Trainers bekommt. Alle Norweger sind gespannt. „Ich freue mich auf das Spiel“, sagte Vater Alf-Inge Haaland vor dem Duell der Torjäger. „Ich hoffe natürlich, Erling und der BVB werden mehr Tore erzielen als Alex und Leipzig.“

Sörloth hat in Leipzig die Erwartungen nicht erfüllt

In die Fußstapfen des deutschen Nationalspielers Timo Werner (28 Saisontore) sollte bei den Sachsen eigentlich Sörloth treten, den RB-Sportdirektor Markus Krösche kurz vor dem Ende der Transferperiode im Herbst 2020 für stolze 20 Millionen Euro feste Ablöse nach Leipzig lotste – ausnahmsweise nicht vom Farmteam RB Salzburg, sondern von Trabzonspor aus der Türkei, wo er Torschützenkönig geworden war. Dorthin war der baumlange Angreifer von Crystal Palace ausgeliehen worden, zu seinen zahlreichen internationalen Stationen gehören auch noch FC Groningen, FC Midtjylland oder KAA Gent.

Die vielen Stationen lassen es erahnen: Haalands Kumpel hat bewegte Jahre hinter sich, mit höchst unterschiedlichem Erfolg – und in Leipzig längst nicht das geliefert, was man sich von ihm erhofft hatte. Er hat bisher ein Tor in der Champions League erzielt, fünf in der Bundesliga. Zu wenig.

Die ständigen Vergleiche mit BVB-Torjäger Haaland machen es Sörloth schwer

Sein Trainer Julian Nagelsmann sagte im Dezember über seinen Flop-Stürmer aus Norwegen: „Er muss den Kopf ein bisschen freikriegen. Er wirkt schon sehr verkopft und nicht ganz frei in der Rübe.“ Sörloth war zeitweise nur die dritte oder vierte Option fürs Sturmzentrum beim Tabellenzweiten. Nagelsmann: „Du kommst irgendwohin und stellst es dir natürlich ein bisschen anders vor, was die Torquote und vielleicht auch die Spielzeit angeht.“

Skandinavische Fußballprofis unter sich: Leipzigs Yussuf Poulsen (l.) und Alexander Sörloth (M.) im Gespräch mit BVB-Profi Erling Haaland nach dem Aufeinandertreffen beider Mannschaften im Januar. © imago / Picture Point LE © imago / Picture Point LE

Torjäger in der Türkei, Leidhammel in Leipzig – die hohe Aufmerksamkeit für die fehlende Durchschlagskraft von Sörloth mag auch an den ständigen Vergleichen mit seinem jüngeren, aber ungleich stärkeren Landsmann liegen. „Es ist und bleibt schwer für ihn, als teurer Norweger nach Deutschland zu kommen, wo die permanenten Vergleiche mit Haaland unvermeidlich sind“, sagt Sigve Kvamme, Sportreporter des norwegischen Fernsehsenders TV2, gegenüber den Ruhr Nachrichten. Er vermutet: „Sörloth kann dieser Gegenüberstellung nicht gerecht werden.“

BVB-Stürmer Haaland gehört mit 20 Jahren bereits zur Weltklasse

Sörloth sei zwar der bessere Kopfballspieler, analysiert Kvamme, aber Haaland eben schneller, geschmeidiger, er besitze mehr Killerinstinkt und einen Überfluss an Selbstvertrauen. Ein Punkt, an dem es Sörloth mangele. „Wenn er für eine Weile nicht getroffen hat, wie jetzt in Leipzig und zuvor in Groningen oder bei Crystal Palace, sinkt sein Selbstbewusstsein in den Keller.“ Haaland hingegen mit seiner „unwirklichen Monster-Mentalität“ werde unter Druck eher noch stärker. „Er hat sich auf jeder größeren Bühne sofort zurechtgefunden. Von der dritten in die erste Liga in Norwegen. Dann in Salzburg, jetzt in Dortmund.“ Und wenn Haaland eine Chance verpasse, werde er sich niemals verstecken, sondern die nächste Gelegenheit suchen. Eben anders als Sörloth.

37 Tore und elf Vorlagen in wettbewerbsübergreifend 38 Spielen hat der BVB-Angreifer in dieser Saison erzielt, er gehört mit 20 Jahren bereits zur Weltklasse. Ein Top-Stürmer, der mit zehn Treffern wohl auch in der Champions League als treffsicherster Schützte ausgezeichnet werden wird. „Wenn Haaland entgegenkommt, den Ball ablegt und dann in die Tiefe sprintet, muss man sehr wachsam sein und Kontakt haben, sonst kann man ihn mit seinem Tempo nicht ausschalten“, sagte Nagelsmann. Dynamik, Torgefahr, Ausstrahlung, Instinkt – keine Frage, welcher Norweger den besseren Lauf hat.

Haaland gelingt der perfekte Einstand in Dortmund

Auf Augenhöhe treffen sich Haaland und Sörloth derzeit also nur körperlich: Beide sind 1,94 Meter groß, physisch stark, „eine ähnliche Statur auf derselben Position, beide haben einen wuchtigen Körper und guten Speed“, so Nagelsmann weiter. Während bei den Schwarzgelben das Spiel auf Haaland zugeschnitten ist, setzen die Roten Bullen nach dem Abgang von Werner und Patrick Schick mehr aufs Kollektiv. Gezwungenermaßen. Auch, weil Sörloth nicht zündet. BVB-Cheftrainer Edin Terzic hat registriert: „Leipzig hat es geschafft, die vielen Tore und Assists von Timo Werner auf verschiedene Schultern zu verteilen. Sie sind variabler geworden und schwerer ausrechenbar.“ Einen Knipser wie zuvor Werner haben sie allerdings nicht mehr.

Neben dem Plus an Talent und Mentalität profitiert Haaland, sagt zumindest Nagelsmann, auch vom gelungenen Einstand beim BVB, als er seit Januar 2020 von Beginn an quasi nach Belieben Tore erzielt hat. „Erling hatte einen nahezu perfekten Start in Dortmund, das war außergewöhnlich. Er hat keine Zeit gebraucht, um Fuß zu fassen in der Bundesliga.“ Sörloth spielt bei den Leipzigern nur eine untergeordnete Rolle. Was man von Haaland in Dortmund wahrlich nicht behaupten kann. Ohne ihn haben die Borussen zuletzt auch in zwei Partien acht Treffer erzielt. Aber mit ihm auf dem Feld hat der BVB noch stärkere Waffen.

„Für uns wird es tendenziell nicht leichter, wenn er spielt“, sagt Nagelsmann über Haaland. „Mit ihm haben sie noch mal eine extrem dynamische Komponente vorne.“

  • Erling Haaland (10 Länderspiele/6 Tore) und Alexander Sörloth (30/11) sind Teamkollegen in der norwegischen Nationalmannschaft – so wie einst ihre Väter Alf Inge und Göran, die ihre Heimat bei der WM 1994 in den USA vertraten.
  • Beim 1:3 im Bundesliga-Hinspiel trafen beide erstmals aufeinander – Haaland hatte mit zwei Treffern das bessere Ende, dem eingewechselten Sörloth gelang nur der Anschlusstreffer.
  • Beim 3:2 am Samstag fehlte Haaland verletzt, Sörloth saß 90 Minuten auf der Bank.
Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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