BVB-Gegner im Fokus: So anders ist der Neu-Bundesligist Union Berlin

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Der BVB tritt am Samstag bei Union Berlin an, einem Klub der sich der Fußball-Romantik verschrieben hat. Einigen Fans kam selbst der Aufstieg lange Zeit ungelegen.

von Christopher Stolz

Berlin

, 30.08.2019, 17:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es sind Momente wie diese, die die Fanherzen des 1. FC Union Berlin höherschlagen lassen. Da verliert das eigene Team das erste Bundesliga-Spiel der Vereinsgeschichte gegen die verhassten Rasenballsportler aus Leipzig krachend mit 0:4 – und wer steht in der bierduftdurchfluteten, vollgepackten S-Bahn aus Richtung Köpenick? Neuzugang Neven Subotic.

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Bilder vom sichtlich geknickt dreinblickenden Innenverteidiger verbreiteten sich ungefähr so schnell wie die Union-Fans auf dem Rasen nach dem Schlusspfiff des Relegationsrückspiels gegen den VfB Stuttgart, der die erstmalige Erstklassigkeit besiegelte.

Die Anhänger sehen diesen Moment mal wieder als Symbol dafür, wie „anders“ ihr Klub doch sei – gerade im Vergleich zum Stadtrivalen Hertha BSC. Nur gibt es nicht mehr nur im Berliner Westen, der ganz in blau-weißer Hand ist, immer mehr Stimmen, denen dieser betonte Wunsch nach nie endender Fußball-Romantik gehörig auf den Senkel geht. Gerade jetzt, wo die Berliner Ost- und Westklubs erstmals gemeinsam in der Bundesliga spielen. Wobei dieser Umstand bis vor nicht allzu langer Zeit auch beidseitig ungewollt war.

Darum wollten einige Union-Fans den Aufstieg nicht

Als der 1. FC Union in den vergangenen Jahren immer wieder nur knapp am Aufstieg scheiterte, freuten sich nicht wenige Fans. Sie verbanden den Sprung in die höchste deutsche Spielklasse als den unumkehrbaren Schritt in die durchkommerzialisierte große Fußballwelt. Für sie ein Gegensatz zur beschaulichen Alten Försterei Berlin-Köpenicks.

BVB-Gegner im Fokus: So anders ist der Neu-Bundesligist Union Berlin

Kult und Tradition: Das Stadion der Eisernen an der Alten Försterei. © imago

Sie sahen die Gefahr, dass durch neue, internationale Spieler ein Stück Identität genommen wird und die Leidenschaft der bloßen Erfüllung des Jobs als Profifußballer weicht. Einen großen Verfechter hatten die Fans an der Vereinsspitze mit Dirk Zingler. Der Präsident, selbst vielleicht der größte Fan der Eisernen, wie sie in Berlin genannt werden.

Euphorie des Aufstiegs hält bis heute an

Als die Aufstiegschance in der vergangenen Saison allerdings so konkret wie noch nie wurde, schwanden die eisernen Zweifel immer mehr. „Es verändert sich nichts – dann müssten wir uns ja verändern“, sagte Zingler und sprach den Berlinern, die es mit dem rot-weißen Ostklub halten, aus der Seele. Die Euphorie des Aufstiegs hält bis heute an – obwohl sich dann doch einiges verändert hat.

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Zur neuen Saison ziert der Schriftzug des neuen Hauptsponsors „Aroundtown“ die Trikotbrust der Unioner. Ein Immobilienkonzern. Also eine Art Unternehmen, die in Berlin per se schon mit zusammengekniffenen Augen betrachtet wird – und dann auch noch bei den ganz anderen Berlinern des 1. FC Union? Die Fans reagierten wie erwartet mit Unverständnis, die ganz große Unruhe kam allerdings nicht auf. Der Vertrauensvorschuss in die sportliche Führung ist durch das neue Projekt Bundesliga anscheinend groß genug.

Union Berlin holt elf neue Spieler

Eben solches Vertrauen genossen die Spieler, die den Verein dorthin geführt hatten, allerdings nicht mehr. Eine komplette Mannschaft – stolze elf Spieler abzüglich derer, die schon in der vergangenen Saison auf Leihbasis in Berlin spielten – hat Union sich geleistet. Damit ging der Verein einen komplett anderen Weg als Mitaufsteiger Paderborn, der hofft, mit bewährtem Personal die Klasse zu halten. Gleich sechs der Neuen kamen im ersten Bundesliga-Spiel auch zum Einsatz. Das 0:4 gegen Leipzig daran festzumachen, greift zwar kurz. Doch nährte diese Entwicklung die Skepsis im Union-Fanlager wieder etwas.

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Was das Spiel gegen Leipzig, bei dem die Fans durch den Stimmungsboykott gegen den Brausekonzern hinter den Roten Bullen lange Zeit mehr mit sich als dem Spiel beschäftigt waren, aber auch zeigte: Wie schwer der Weg der Berliner in der Bundesliga werden könnte, wenn sie „die Kompaktheit“, die „die Mannschaft stark gemacht über die Jahre“ nicht zeigt. So formuliert es Stürmer Sebastian Polter.

Wertvolle Erfahrung von Gentner und Subotic

Im zweiten Spiel, als Polter in Augsburg die Vorlage zum ersten Bundesligator der Vereinsgeschichte von Sebastian Andersson gab, lief das schon viel besser. Denn das Tor führte zum 1:1. Und das 1:1 zum ersten Bundesliga-Punkt der Vereinsgeschichte. Besonders wichtig, um in der Liga Fuß zu fassen, ist für Polter die Erfahrung und Ruhe von erfahrenen Spielern wie Christian Gentner und Neven Subotic.

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Letzterer, der vor seiner S-Bahnfahrt gegen Leipzig noch nicht zum Einsatz gekommen war, wird wie in Augsburg auch gegen den BVB beginnen. Von ihm erhoffen sie sich neben Erfahrung und Ruhe eben diese angesprochene Kompaktheit. „Wichtig ist es, so viele Spiele wie möglich zu machen, dass man ein viel besseres Gefühl für die Mannschaft entwickelt, dass wir uns weiterentwickeln können“, sagt Subotic, dessen Aufgabe beim BVB-Heimspiel es sein wird, „den Spielern ein bisschen was mitzugeben, die das erste Mal gegen sie spielen“. Für ihn als Unioner gehe es darum, jetzt auf eine Überraschung hinzuarbeiten.

Subotic beim BVB „Mitglied im Herzen“

Sätze wie diese sind es, die bei den Fans ankommen. Zwar sagt Subotic, „Mitglied im Herzen“ bei Borussia Dortmund zu sein, „zu hundert Prozent“. Doch nennt er sich eben auch bereits Unioner, identifiziert sich nach nur wenigen Wochen mit dem Verein. Und genau das ist es letztlich, was den Verein ausmacht – und letztlich auch die Spieler, die das Trikot dieses Vereins tragen, ausmachen muss.

Auf und neben dem Platz Leidenschaft zeigen, mit den Fans kommunizieren, sich Zeit nehmen, nahbar sein. Und näher an den Fans als in der S-Bahn aus Richtung Köpenick konnte Subotic bisher zumindest nicht sein.

Christopher Stolz ist für den Tagesspiegel in Berlin Union-Berichterstatter.
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