BVB-Profi Emre Can am Ball. © imago images/Moritz Müller
Borussia Dortmund

BVB-Grenzgänger Emre Can: Zwischen Genie und Wahnsinn

An BVB-Profi Emre Can scheiden sich die Geister. Mit seiner Energie und seinem Einsatzwillen ist er ein Vorbild, seine Fehler führten zuletzt aber zu Gegentoren. Eine Bestandsaufnahme.

Emre Can registrierte den Elfmeterpfiff mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck. Dortmunds Sechser schlug die Hände vors Gesicht, er verstand die Welt nicht mehr. Dieser Pfiff und das folgende Gegentor zum 1:1, das war die einhellige Meinung am späten Mittwochabend, veränderte das Spiel gegen Manchester City. Cans Intervention bei Schiedsrichter Carlos del Cerro Grande war flehentlich, beschwörend redete der 27-Jährige auf den Spanier ein – der aber ließ sich nicht erweichen.

Handregel wird BVB-Profi Emre Can zum Verhängnis

Einen Vorwurf an Can gab es nach der Szene nicht. Der Elfmeterpfiff war diskussionswürdig, von Emre Cans Kopf ging der Ball an seinen Arm, der allerdings sehr weit vom Körper abgespreizt war. „In den Regeln steht, dass es keine Hand ist“, haderte Can später bei Sky. „Deswegen einen Elfmeter gegen uns bekommen zu haben und vielleicht deswegen das Spiel verloren zu haben, ist bitter.“ In die gleiche Kerbe schlugen viele Dortmunder, Sportdirektor Michael Zorc prangerte nicht zum ersten Mal die aktuellen Hand-Regeln als „fußballfremd“ an.

Und dennoch passte die Szene irgendwie ins Bild einer Entwicklung, die Emre Can zu denken geben müsste. Auffällig oft ist der ehemalige Turiner an strittigen Szenen zum Nachteil seiner Borussia beteiligt. In Manchester ertönte der Elfmeterpfiff nach einem Zweikampf mit Rodrigo, der Video-Assist kassierte diese Entscheidung zwar zu Recht ein. Dennoch bringt sich Can zuletzt häufiger in knifflige Situationen. So wie auch beim Achtelfinal-Rückspiel gegen Sevilla, als Dortmund schon 2:0 führte und der BVB-Defensivallrounder die Spanier mit einem Stoßen gegen den eingewechselten de Jong zum Elfmeterpunkt brachte und die Partie damit wieder spannend wurde.

BVB-Profi Emre Can wandelt auf einem schmalen Grat

Mit seiner Art zu spielen wandelt der energische Zweikämpfer auf einem schmalen Grat. Kämpferisch will Can Vorbild sein und ist es in vielen Partien auch. In Sevilla war ein Schlüssel zum Dortmunder 3:2, dass Emre Can Ivan Rakitic mit einer unnachgiebigen Zweikampfführung zum Statisten degradierte. Beim Sieg in Hoffenheim (1:0) gewann er herausragende 82 Prozent seiner direkten Duelle. Das ist die eine Seite von Emre Can, die, die dem Dortmunder Spiel guttut.

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Doch es gibt auch die andere. Die, in der er bisweilen übers Ziel hinausschießt. Sei es, weil er seine Energie nicht kanalisieren kann. Nur Thomas Delaney (36) foult im Team der Borussia öfter als Can (28). Delaneys Foulspiele unterbinden allerdings oft Gegenstöße und passieren deutlich weiter vorne auf dem Spielfeld. Can hat oft Innenverteidiger gespielt, Foulspiele bringen den Gegner so automatisch in eine gute Position für eine Standardsituation.

Fouls von Emre Can treffen den BVB oft hart

So leitete sein rüdes und mit Elfmeter bestraftes Foul beim 1:5 gegen Stuttgart eine der empfindlichsten Pleiten der Borussia in den vergangenen Jahren ein, auch in Augsburg führte ein Can-Foul in direkter Folge (durch einen Freistoß) zu einem Gegentor. In München ließ sich ausgerechnet er vom Federgewicht Leroy Sané abkochen, forderte vergeblich Freistoß und sah, wie Bayern das vorentscheidende 3:2 machte.

Die Fehlerhäufigkeit hat bei Emre Can in den vergangenen Wochen zugenommen. In Manchester patzte er schwer vor dem 0:1, gegen Frankfurt verlor er gegen Kostic folgenschwer den Ball. Eine Folge der hohen Belastung? Can ist einer der Vielspieler der Borussia, Pausen waren ihm nur selten vergönnt. Ein vermeintlicher Vorteil hat sich da zu einem ausgewachsenen Problem entwickelt: Weil er auf vielen Positionen einsetzbar ist, musste Emre Can etliche Male Löcher stopfen, die sich durch Verletzungen von Mitspielern aufgetan hatten. So spielte er 18 Mal als Innenverteidiger, elf Mal auf der Sechs im zentralen defensiven Mittelfeld, drei Mal bot ihn BVB-Coach Edin Terzic gar als Rechtsverteidiger auf. Auch in diesem Punkt lässt sich spekulieren: Ist es dem Ausbilden von Automatismen zuträglich, auf dem Feld hin- und hergeschoben zu werden?

BVB-Profi Emre Can ist ein Grenzgänger

In seinem Spiel offenbart sich Can immer öfter als Grenzgänger. Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander. Zur Wahrheit gehört, dass er mit 65 Prozent gewonnener Duelle zweitbester Zweikämpfer der Borussia ist, nur Hummels gewinnt mehr Duelle. In der Luft gehören seine 72 Prozent gewonnener Duelle ligaweit zu den Top-Werten, niemand in Dortmund führt mehr Zweikämpfe pro 90 Minuten (22). Damit ist er Vorbild und ein wichtiger Faktor. Seine Energie stellt der 27-Jährige immer in den Dienst der Mannschaft.

Manchmal aber will Can zu viel – und macht mehr, als eigentlich in seinem Stammbuch steht. Es ehrt ihn, dass er auf dem Platz immer Verantwortung übernimmt. Das führt allerdings auch dazu, dass er Dinge macht, die nicht zu seinen Kernkompetenzen zählen. Gegen City leitete ein langer Ball von Emre Can zwar das Dortmunder 1:0 mit ein, doch das ist eher die Ausnahme. In der Bundesliga kommen von diesen langen Bällen nur die Hälfte an – das ist deutlich weniger als der Dortmunder Mannschaftsschnitt und bringt den Gegner zu schnell wieder in Ballbesitz.

Borussia Dortmund benötigt einen Emre Can ohne Fehler

Das Malheur gegen Manchester wirkte auch bei Emre Can nach. „Es tut weh“, bekannte er bei „Sky“. Spätestens mit dem Anpfiff am Sonntag wird er den Frust hoffentlich ablegen. Denn Borussia Dortmund braucht im Endspurt einen Emre Can, der frei ist im Kopf.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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