Borussia Dortmund

BVB-Nationalspieler setzen ein Zeichen – BVB-Fans fordern Katar-Boykott

BVB-Nationalspieler machen sich für Menschenrechte stark. Der Fanklub „Totale Offensive“ fordert sogar einen Boykott der WM in Katar. Er ist nicht allein.
Die WM in Katar ist wegen zahlreicher Menschenrechtsverletzungen umstritten. © picture alliance/dpa/FIFA

Seit die Fußball-Weltmeisterschaft nach Katar vergeben worden ist, wird über diese Entscheidung der Fifa diskutiert – vor allem aber über die Menschenrechtsverletzungen im Land. Ende Februar berichtete die britische Tageszeitung The Guardian, dass mindestens 6.500 Arbeitsmigranten auf den WM-Baustellen gestorben sind.

BVB-Fanklub „Totale Offensive“ appelliert an Borussia Dortmund für einen Boykott der WM in Katar

Diese Zahl sorgte auch beim BVB-Fanklub „Totale Offensive“ für Fassungslosigkeit. Der Fanklub richtete sich in einem offenen Brief an Borussia Dortmunds Präsidenten Reinhard Rauball.

Arbeitsmigranten vor allem aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch, Sri Lanka, den Philippinen und Kenia arbeiten auf den WM-Baustellen im Wüstenstaat. Die Temperaturen erreichen bis zu 50 Grad Celsius. 6.500 Menschen sind wegen der Hitze oder aufgrund von Unfällen gestorben. © picture alliance/dpa/AP © picture alliance/dpa/AP

„Seit langem sind die menschrechtsverletzenden Umstände bekannt, unter denen im Rahmen der WM-Vorbereitung in Katar gearbeitet wird“, beginnt der kurze Brief, in dem der Fanklub schnell seine Forderung formuliert: „Wir würden uns freuen, wenn auch der BVB seine gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnimmt und sich beim DFB dafür einsetzt, die WM 2022 zu boykottieren.“

BVB-Nationalspieler setzen sich für Menschenrechte ein

Im Fanklub habe man sich schon länger mit der WM in Katar beschäftigt, sagt Oliver Römer, zweiter Vorsitzender der „Totalen Offensive“, der Bericht des Guardians sei aber die „Initialzündung“ gewesen, selbst tätig zu werden. Ermutigt habe sie auch der Vorstoß norwegischer Vereine, die sich bei ihrem Verband für einen Boykott aussprachen. Auch die norwegische Nationalmannschaft setzte am Mittwochabend vor dem Spiel gegen Gibraltar ein Zeichen. Das DFB-Team rund um BVB-Nationalspieler Emre Can machte sich vor dem Spiel gegen Island am Donnerstag ebenfalls für Menschenrechte stark.


„Wir haben beim BVB einen Präsidenten, bei dem wir den Eindruck haben, dass er ein Herz für ein solches Thema und außerdem die nötigen Kontakte hat“, begründet Oliver Römer das Schreiben an Reinhard Rauball. „Wenn einer das kann, dann Herr Rauball“, glaubt Römer und ist der Meinung, dass die Initiative mehr Gewicht habe, wenn sie über Borussia Dortmund beim DFB vorgetragen würde. Der BVB-Präsident habe bereits seine Bereitschaft zu einem Gespräch mit dem Fanklub signalisiert.

„Wenn ein Verein in Deutschland etwas bewegen kann, dann Borussia Dortmund“, findet Römer. Beim FC Bayern München hat er aufgrund des Sponsors Qatar Airways wenig Hoffnung. „Wir sind natürlich nicht die einzigen, die auf dieses Thema aufmerksam machen, wir wollen aber ebenfalls den Finger heben und etwas verändern.“

„Ich werde kein einziges Spiel schauen“

Er selbst gehe seit 1977 ins Stadion, sagt der 50-Jährige und habe den Wandel des Fußballs miterlebt. „Die Entwicklung zeigt sich seit Jahren. Viele sagen: ,Das ist nicht mehr mein Fußball‘. Man überdenkt auch sein eigenes Verhalten und seine Verantwortung“, sagt Römer. „Ich werde kein einziges Spiel schauen. Ich kann mich nicht mit einem Bier, einer Bratwurst oder einer Tüte Chips vor den Fernseher setzen in dem Bewusstsein, dass für diese WM tausende Menschen gestorben sind.“

(Archiv) Bauarbeiter arbeiten am 2015 auf einer Baustelle in Doha (Katar). Neben den Stadien bauen sie auch die Infrastruktur im Land auf. © picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa © picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa

Für diese Weltmeisterschaft würden alle eigentlichen Werte des Fußballs verkauft. Dass Profis an der WM teilnehmen wollen, verstehe er aus sportlicher Sicht. „Die Chance bietet sich nun mal nur alle vier Jahre.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich zu einem Boykott kommen könnte, beziffert Römer auf 30 Prozent. „Damit das geschieht, muss ein immenser öffentlicher Druck entstehen.“

BVB-Fans positionieren sich zu einem WM-Boykott deutlich

Einen Beitrag dazu liefern andere BVB-Fans und Fanklubs. Etwa 420 Unterzeichner, darunter 35 Fanklubs, setzten ihre Namen, die der Redaktion bekannt sind, ebenfalls unter den offenen Brief. Einige bekräftigten ihre Unterschrift mit einem kurzen Text. Eine Auswahl dieser Texte geben wir an dieser Stelle wieder:

„Bälle sollt Ihr mit Füßen treten, nicht die Menschenwürde! Wer den Unterschied nicht begreift, hat keine WM verdient!“ – ein BVB-Fan

„Menschen sterben und die Welt spielt Fußball und feiert das? Kann doch wohl echt nicht wahr sein! Wo bleibt da die Menschlichkeit? So etwas kann man doch nicht auch noch unterstützen! Pfui! Man sollte den Menschen gedenken und sich weit von Katar fernhalten!“ – ein BVB-Fanklub

(Archiv) Bauarbeiter warten 2013 auf einer Baustelle in Doha (Katar) vor den Bussen zur Rückfahrt in ihr Camp. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

„Es kann und darf nicht sein, dass so viel unfassbares Leid für ein wenig Unterhaltung in Kauf genommen wird!“ – eine BVB-Anhängerin

„Fußball darf niemals wichtiger als Menschenrechte sein!“ – eine BVB-Anhängerin

„Eine WM unter menschenverachtenden Zuständen – bei der Geld wichtiger ist als Menschenleben? Nicht mit uns!“ – ein BVB-Fanklub

„Es ist nur Fußball. Stoppt den Wahnsinn des höher, schneller, weiter und vor allem reicher… Reine Geldgier treibt den Fußball weg von denen, die für den Fußball leben und durch die der Fußball lebt.“ – ein BVB-Fan

„Der Fußball verliert seine Werte, wenn der Kommerz über der Menschlichkeit steht. Der DFB muss seiner sozialen Verantwortung sowie seiner Vorbildfunktion gerecht werden und muss die WM 2022 in Katar boykottieren, um seine Glaubwürdigkeit nicht vollends zu verlieren.“ – ein BVB-Fanklub

„Die allgemeine Entwicklung des Profifußballs ist nur noch ekelerregend. Die WM in Katar ist dafür die perverse Krönung.“ – ein BVB-Fan

„Wenn Deutschland teilnähme, käme das einem Verrat unserer Grundrechte gleich.“ – ein BVB-Fan

„Der BVB steht für Fairness und Menschlichkeit. Die Arbeitsumstände der Arbeiter, die die WM in Katar vorbereiten, sind das genaue Gegenteil. Wir sollten Ausbeutung und Erniedrigung niemals(!) unterstützen. Bitte boykottieren Sie die WM in Katar.“ – eine BVB-Anhängerin

„Es kann und darf einfach nicht sein, dass eine WM auf den Gräbern hunderter, ja sogar tausender Menschen stattfindet. Dagegen muss man vorgehen, sonst macht man sich selber schuldig.“ – ein BVB-Fan

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