Emre Can kann beim BVB auf vielen Position helfen. © picture alliance/dpa
Borussia Dortmund

BVB-Profi Emre Can: Mit taktischer Flexibilität zurück in die Startelf?

Emre Can kommt beim BVB mal hier und mal dort zum Einsatz. Seine taktische Flexibilität ist sein Trumpf im Kampf um einen Startelf-Einsatz. Dem neuen Trainer bleibt das nicht verborgen.

Erst respektierter Sechser, dann Innenverteidiger, nun wieder Sechser: Emre Can lernt in seinen ersten zwölf Monaten bei Borussia Dortmund, dass taktische Flexibilität ein hohes Gut ist, will man zu regelmäßigen Einsatzzeiten kommen. Für seinen Kaltstart gegen Leipzig hat er dafür auch noch mal eine extra Portion Lob von seinem Trainer bekommen.

Kaltstart in Leipzig: BVB-Coach Terzic lobt Emre Can

Weil es unterzugehen drohte angesichts der Brillanz eines Erling Haaland, der erkennbaren Steigerung bei Jadon Sancho und auch den sichtbaren Fortschritten bei Kapitän Marco Reus, beeilte sich Edin Terzic nach dem 3:1 in Leipzig mit dem Lob für einen, der selten filigran agiert, sich dafür aber nicht scheut, seinen Körper in jede Schlacht zu werfen. Emre Can, sagte Terzic daher, habe als Ersatz für den schon nach 30 Minuten verletzt ausgeschiedenen Axel Witsel ein „sehr, sehr gutes Spiel gemacht.“

Von der kalten Bank direkt auf Betriebstemperatur. Das war kein Problem für Can, der in dem Moment, als Terzic ihm das Zeichen zur Einwechslung gab, vielleicht auch erkannte, dass sich da eine große Chance auftun könnte. Denn es war eine Saison für den ehemaligen Turiner Can, die sehr merkwürdig verlief. Lucien Favre sah ihn ausschließlich nur noch als Innenverteidiger, weil ihm einige Ballverluste des 26-Jährigen im Spielaufbau nicht gefallen hatten und ihm auch Cans Bereitschaft, in der Zentrale mit Ball mal in gefährliche Dribblings zu gehen, eher Sorgen als Freude bereiteten. Für die laufintensive Position vor der Abwehr fehlte Can in den Augen seines Trainers zudem die nötige Spritzigkeit im Antritt.

Emre Can wäre fast ein Verlierer des BVB-Trainerwechsels geworden

Edin Terzic dann setzte Can wieder im defensiven Mittelfeld ein, allerdings in nur einem seiner fünf als Cheftrainer zu verantwortenden Pflichtspiele auch von Beginn an. Beim Terzic-Debüt in Bremen (10 Minuten) und beim 2:0 gegen Wolfsburg (5) reichte es für den Ex-Frankfurter nur zu zwei späten und taktisch bedingten Einwechslungen, beim Pokalsieg in Braunschweig spielte er gar nicht. Can, so der allgemeine Eindruck, war auf dem Weg, ein prominenter Verlierer des Dortmunder Trainerwechsels zu werden.

Vollzieht sich nun der nächste Richtungswechsel? Can wäre zumindest darauf vorbereitet. Denn in seinen nun zwölf Monaten BVB hat Emre Can schon einige kuriose Wendungen erlebt. Ausschlaggebend für seinen Wechsel zur Borussia im Winter 2019/20 waren zu geringe Einsatzzeiten bei Juventus Turin und ein nicht mehr existentes Verhältnis zum damaligen Trainer Maurizio Sarri. In Dortmund sollte er eine Führungsrolle einnehmen. Als jemand, der immer mit vorbildlichem Einsatz vorausgeht. Und auch als jemand, der als Alternative der instabilen Abwehr zu mehr Sicherheit verhelfen könnte. Ohne sich öffentlich darauf festzulegen, liebäugelte auch Can selbst mit der zentralen Position in der Abwehrkette, weil er dort für sich größere Chancen auf eine tragende Rolle im Europameisterschaftskader von Bundestrainer Joachim Löw sah.

BVB-Profi Emre Can ist Mittelfeldspieler und Innenverteidiger gleichzeitig

Zu weit im Voraus sollte man nicht planen, das konnte Emre Can als Leitsatz aus seinen ersten sechs BVB-Monaten mitnehmen. Die EM wurde bekanntlich coronabedingt verschoben, und im schwarzgelben Trikot spielte Emre Can bis zum Ende der Saison nur vier Mal in der Innenverteidigung. Dafür aber zehn Partien auf seiner eigentlich angestammten Position im defensiven Mittelfeld. Wo er spiele, versicherte er im großen Exklusiv-Interview mit den Ruhr Nachrichten im Sommer-Trainingslager in Bad Ragaz, sei ihm eigentlich auch egal. Es solle nur eine Position im Zentrum sein, „den Rest entscheidet der Trainer.“

Dieser Trainer schien seiner eigenen Entscheidung aus dem Frühjahr allerdings so recht nicht zu trauen. Favre vollzog mit Beginn der aktuellen Saison die Kehrtwende. Im defensiven Mittelfeld spielte Can unter dem Schweizer Trainer nur noch einmal (beim 1:2 gegen den 1. FC Köln). Solange Favre die Dreierkette favorisierte, war Can als rechter Innenverteidiger allerdings eine feste Größe und Stammkraft.

BVB-Allrounder Emre Can kommt auf jeder Position zurecht

Innenverteidigung, rechte Außenbahn, defensive Zentrale – man darf Emre Can zugutehalten, dass er auf jeder Position zurechtkommt und – wie am Samstag – keine lange Anlaufzeit benötigt. In Leipzig kam ihm entgegen, dass vor der Pause ausschließlich Zweikampf- und Wettkampfhärte gefragt waren. Er kam in eine Partie, in die sich der 26-Jährige regelrecht verbeißen konnte. Mit Nebenmann Thomas Delaney hielt er die Leipziger „Bullen“ weitgehend vom Dortmunder Strafraum fern und setzte Zeichen mit seiner Mentalität und Unnachgiebigkeit. Für diese Partie erwies sich die eher defensive Ausrichtung mit zwei weiteren Abfangjägern vor der Viererkette als ideale Taktik.

Schon am Samstag gegen Mainz sind sechs defensiv denkende Spieler hingegen wohl kaum vonnöten, was erneut die Frage nach dem Einsatzgebiet für Emre Can aufwirft. Möglich, dass er aus taktischen Gründen für einen zusätzlichen Offensivspieler Platz machen muss. Aber der bullige Mittelfeldspieler hat sich nach Axel Witsels Verletzung als einer der potenziellen Ersatzkandidaten nachdrücklich empfohlen.

Cans taktische und positionelle Flexibilität könnte dabei auch ein Argument sein, das Bundestrainer Joachim Löw überzeugt. Schließlich steht ja im Sommer (wieder) eine EM auf dem Plan.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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