BVB-Profi Emre Can überzeugt nicht im DFB-Trikot: Stammplatz in Gefahr

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Kein guter Start für BVB-Nationalspieler Emre Can. Als Innenverteidiger leistet er sich einen Patzer, im defensiven Mittelfeld läuft es besser. Die Konkurrenz ist auf beiden Positionen groß.

Stuttgart

, 04.09.2020, 18:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kevin Trapp suchte nach dem richtigen Wort – und landete bei „komisch“. Komisch sei der Rückpass von Emre Can gewesen, der ihn, Deutschlands Nummer eins im Tor an diesem Abend beim 1:1 gegen Spanien, in eine echte Bredouille brachte. Halbhoch und viel zu kurz geriet der Versuch des Rückspiels auf den eigenen Torhüter, in den Rücken von Niklas Süle, der auch nicht mehr hinterherkam und zusehen musste, wie Trapp aus seinem Kasten stürzte, aber von Rodrigo Moreno umspielt wurde. Der Ball lag vor dem spanischen Mittelstürmer, das Tor direkt vor ihm war leer.

BVB-Profi Emre Can sorgt fast für einen Gegentreffer

Das musste das 1:0 sein, doch aus unerfindlichen Gründen zögerte Moreno mit dem Abschluss. Trapp entdeckte ungeahnte Verteidiger-Qualitäten an sich, spitzelte Moreno mit einer resoluten Grätsche den Ball vom Fuß und rettete seine Elf vor dem Rückstand – und Borussia Dortmunds Defensivspieler durfte ganz tief durchatmen.

„Komisch“ fand auch der 26-jährige Can nach dem Spiel diese Partie. Das bezog sich aber eher auf die Tatsache, dass der Mix aus Spielern, die schon vier Wochen in der Vorbereitung sind und Spielern, die gerade das Champions-League-Finalturnier hinter sich haben und direkt aus dem Urlaub ins DFB-Trikot schlüpften, mit vorher noch nie da gewesenen Umständen klarkommen musste. In der Bewertung seiner eigenen Leistung war Can zwiegespalten – das traf die ersten 90 Nationalmannschaftsminuten nach fast zehn Monaten Pause ganz gut.

Emre Can gibt keine gute Figur in der DFB-Dreierkette ab

Die von Joachim Löw aufgebotene Dreierkette mit Can als rechtem Spieler in dieser Formation bot seinem Heimtrainer in Dortmund Anschauungsunterricht für die nun anstehende Entscheidung, in welcher taktischen Formation und mit welchem Personal die Borussia in die Saison starten wird. Lucien Favre sah vor der Pause Licht und Schatten von seinem Schützling: Nach dem Katastrophen-Rückpass in der 14. Minute leistete sich der 26-Jährige einen ähnlichen Ball in die Füße von Noch-Bayer Thiago (19.), im Abwehrspiel ließ Can den spanischen Angreifern Moreno und Torres auch im deutschen Strafraum noch zu viel Raum und konnte Tempo-Defizite in direkten Laufduellen nicht kaschieren. Und das Aufbauspiel über das Trio Can, Niklas Süle und Antonio Rüdiger war oftmals zu statisch und bisweilen fehlerbehaftet.

Dem gegenüber standen einige gelungene Zweikampf-Aktionen, in denen Emre Can Physis und Wehrhaftigkeit einbrachte und Zeichen setzte. So wie bei der resoluten Attacke gegen Moreno (6.). „Ohne meine beiden Fehler“, meinte er, „hätte ich von einem guten Spiel sprechen können. Ich werde daran arbeiten.“

Zweite Hälfte läuft besser für Emre Can

In die Gesamtbetrachtung fließt die deutlich bessere zweite Hälfte von Emre Can mit ein. Löws etwas überraschender Wechsel, als er Innenverteidiger Matthias Ginter für den entkräfteten Stürmer Leroy Sane brachte, beförderte Can ins defensive Mittelfeld. Ein mutiger Vorstoß mit gutem Abschluss in der 67. Minute brachte Can zurück in die Spur. Es schien, als fühle er sich vor dem Abwehrzentrum deutlich sicherer auf dem Platz.

Die zwei Gesichter, die Emre Can in Stuttgart zeigte, zeigen ganz gut auch das Dilemma, in dem er steckt. Im defensiven Mittelfeld ist für ihn die Konkurrenz im DFB-Team riesengroß. Löw setzte in dem von ihm gewählten 3-4-1-2 auf eine starke spielerische Achse in der Zentrale mit Toni Kroos und Ilkay Gündogan. Mehr physische Präsenz, wie sie von Emre Can kommen könnte und in einigen Partien sicher vonnöten sein wird, bietet auch Leon Goretzka, der wie der gesamte Bayern-Block in Stuttgart noch fehlte.

Bundestrainer sieht Emre Can auch eher als Innenverteidiger

Das Spiel in Stuttgart war Cans vierter Innenverteidiger-Einsatz in Serie. Auch der Bundestrainer scheint den Dortmunder also eher in dieser Rolle zu sehen als im defensiven Mittelfeld. Dass die Position in der Abwehrkette größere Zukunftschancen für Emre Can verspricht, ist aber längst nicht klar. Denn hier ist die Konkurrenz nicht minder groß. Matthias Ginter kommt aus einem sehr guten Jahr bei Borussia Mönchengladbach und strahlte nach seiner Einwechslung viel Sicherheit und großes Selbstvertrauen aus. Ginter ist momentan gesetzt, das Quartett aus Can, Süle, Rüdiger und Leverkusens Jonathan Tah spielt Stand jetzt um zwei weitere Positionen, wenn Löw mit Dreierkette agieren sollte. In einer Viererkette wären Emre Cans Chancen wohl noch geringer.

Doch die anstehende Mammutsaison bietet nicht nur viele Unwägbarkeiten, was Verletzungen und Formtiefs angeht. Sie bietet für alle Konkurrenten auch reichlich Chancen, auf sich aufmerksam zu machen. Es war unübersehbar, dass Emre Can wie alle anderen noch nicht im Rhythmus ist. Das wird sich ab Mitte September sehr schnell ändern.

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