Hinter BVB-Mittelfeldspieler Julian Brandt liegt eine enttäuschende Saison. © imago
Borussia Dortmund

BVB-Spielerzeugnis: Brandt enttäuscht – eine Laufbahn neben der Spur

Bei kaum einem BVB-Spieler lagen in dieser Saison Potenzial und Produktivität weiter auseinander als bei Julian Brandt. Sein zweites Jahr in Dortmund brachte einen weiteren Rückschritt. Wie geht’s weiter?

Es ist knapp ein Jahr her, da tröstete er sich mit der Statistik. Julian Brandt gehörte ja, nach einer für ihn wechselhaften Saison, immerhin noch zu den drei Borussen mit den meisten Einsätzen. „Weitermachen“, hieß die Devise. Dieser Plan, das muss man im Sommer 2021 festhalten, ist nicht aufgegangen, im Gegenteil: Im zweiten Jahr bei Borussia Dortmund ist der technisch Hochbegabte noch weiter abgesackt in der internen Hierarchie, weil seine Leistungen schwächer geworden sind. Statt der Devise „weitermachen“ steht die Frage im Raum: Wie und wo weitermachen?

BVB-Abwärtstrend bei Julian Brandt in allen Bereichen

Zur Bilanz: 31 Einsätze in der Bundesliga lesen sich wie ein ordentlicher Arbeitsnachweis. Doch dahinter verbergen sich 14 Ein- und zehn Auswechslungen. Von den insgesamt 45 Partien bestritt er nur sieben über 90 Minuten, 2019/20 waren es in 42 Partien noch 20 über die volle Distanz. Die reinen Spielminuten skizzieren einen denkwürdigen Abwärtstrend. Die Spielminuten sanken auf 1490 Minuten, in den Spielzeiten zuvor waren es noch 2208 und 2675. Zur Absicherung: Ernsthaft verletzt war Brandt nicht.

Drei Tore und drei Vorlagen bedeuten eine weitere Verschlechterung in der untrüglichen Statistik gegenüber den Vorjahren. In seiner ersten BVB-Saison kam Brandt immerhin auf elf Scorerpunkte (3/8), im Jahr zuvor bei Bayer 04 Leverkusen auf starke 21 (7/14). Im DFB-Pokal und in der Champions League steht hinter den überschaubaren Einsatzzeiten eine Null bei der Produktivität.

Marktwert von BVB-Profi Julian Brandt hat sich halbiert

Laut Datendienstleister Deltatre gewann er nur 43 Prozent seiner Zweikämpfe, der drittschlechteste Wert im Kader. Den Trend können auch 12,2 Kilometer pro 90 Minuten – zweitbester Wert hinter Mahmoud Dahoud (12,6) und durchschnittlich 28 Sprints pro Partie – immerhin Rang vier beim BVB – nicht aufwerten. Knallhart reagierte auch die Marktwertkurve: Brandt wird nur noch auf 25 Millionen Euro taxiert, der Wert hat sich halbiert.

© Deltatre © Deltatre

Doppelt bitter: Brandt war nicht nur fast immer fit, er hat auch seine Chancen bekommen. Zu Beginn des Jahres setzte Trainer Edin Terzic immer wieder auf Brandt, der die Gelegenheiten nicht zu nutzen wusste. Bei den Auswärtsspielen in Freiburg und Köln etwa wurde der offensiv denkende Mittelfeldspieler bereits zur Pause ausgewechselt. Ebenfalls bedenklich: In den vier K.o.-Spielen der Königsklasse gegen den FC Sevilla und Manchester City wurde Brandt zweimal für zehn Spielminuten eingewechselt. Weil er die permanent enttäuschenden Leistungen des Technikers satt hatte, setzte Terzic lieber auf den unerfahrenen Ansgar Knauff. Mehr als ein Denkzettel für Brandt, der trotz intensiver Gespräche nicht die Kurve bekam. Im DFB-Pokalfinale, wo er seinen ersten Titel nach dem Sieg beim Confed-Cup 2017 gewann, spielte er genau eine Minute.

Brandt leidet unter der Corona-Pandemie: Es fehlt der Schub vom Publikum

Spielen würde Brandt bevorzugt im Zentrum als Achter oder Zehner, doch an Konkurrenten wie Marco Reus, Jude Bellingham oder Mahmoud Dahoud kommt er mit seinen Leistungen bei Weitem nicht heran. Auf dem Flügel sieht er sich weniger, dort fehlt es ihm auch an Tempo und Durchsetzungsvermögen. Mit gelegentlichen Geniestreichen wird man kein Stammspieler bei einem Topklub.

„Es lockt mich, auf dem Spielfeld Sachen zu machen, wo jeder sagen würde: Nein, ich gehe jetzt den sicheren Weg“, erklärt Brandt selbst. Ein beengendes taktisches Korsett oder erzwungene Laufrouten sind nicht seine Sache, er bezeichnet sie als „Horror“. Die Frage, die er sich beantworten muss, lautet: Welche Spieler außerhalb der absoluten Weltklasse bekommen diese Freiräume zugestanden? Wie will er seiner Karriere, die für den gerade erst 25-Jährigen mit bereits 229 Bundesliga-Spielen so vielversprechend begann, den nötigen Schub und die nötige Ernsthaftigkeit verleihen, um aus seinem riesigen Können auch die mögliche Ausbeute zu erzielen? Während manche Profis von der fehlenden Drucksituation in den Geisterspielen profitieren, fehlt Brandt der Schub vom Publikum. „Es macht keinen Spaß, vor leeren Rängen zu spielen.“

Arsenal soll Interesse an einer Verpflichtung von Brandt haben

„Das Potenzial ist sehr, sehr gut und sehr, sehr groß“, sagte auch Bundestrainer Joachim Löw über seinen schwächelnden Schützling. „Er hat so viel Können und so viel Tempo in den Aktionen, gutes Eins-gegen-Eins-Verhalten und einen guten Abschluss. Aber er muss das auf den Platz bringen.“ Klare Ansage von Löw: „Ich erwarte von ihm den nächsten Schritt.“ Doch auch in der DFB-Elf enttäuschte Brandt trotz vieler Vorspiele mit dem Finish (35 Länderspiele, drei Tore). Die Europameisterschaft sieht der Borusse nur vor dem Fernseher, und überrascht hat die Ausbootung der vermeintlichen Nummer 10 kaum jemanden.

Was also tun, muss man bei Brandt fragen: Die nächste Chance ergreifen unter dem neuen BVB-Trainer Marco Rose, oder die Flucht suchen? Die Gerüchte um ein Interesse des FC Arsenal halten sich hartnäckig, die Frage ist, welchen Preis die Londoner zahlen würden. Beim BVB schwindet allmählich der Glaube, dass Brandt noch die Kurve kriegt bei der Borussia. Rose soll ab Juli versuchen, ihm einzuheizen.

Fazit:

Trotz vieler Kurz-Einsätze kann und darf Julian Brandt mit seiner zweiten BVB-Saison nicht zufrieden sein. Gemessen an seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten spielt er nur eine untergeordnete Rolle. Ihm fehlen augenscheinlich Gier und Produktivität.

Ab Juli bekommt Brandt die nächste nächste Chance. Im Sinne der Borussia sollte er sie bei Coach Rose nutzen, sonst ist ein Tapetenwechsel trotz Vertrags bis 2024 fast zwangsläufig angezeigt, um die Laufbahn nicht weiter neben der Spur zu vertrödeln.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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