BVB-Spielerzeugnis: Torhüter Marwin Hitz schnappt zu – und manchmal auch daneben

Als die Chance kam, schnappte Marwin Hitz zu: Dortmunds langjähriger Reservekeeper wurde in der Rückrunde zur Nummer eins. Er spielte nicht fehlerlos – half aber der BVB-Elf und einem Unbekannten.

Seine wohl wichtigste Rettungstat gelang Marwin Hitz außerhalb des Spielfeldes. Im April spendete er Knochenmark und rettete so einem anonymen Empfänger vielleicht das Leben. Diesen Termin schob er zwischen zwei Pflichtspielen in Bundesliga und Champions League ein – denn in der Rückrunde war der 33-jährige Schweizer Borussia Dortmunds Stammtorwart. Und obwohl Hitz bei seiner angestammten Arbeit beim BVB nicht auf eine fehlerfreie Spielzeit zurückblicken kann, hat er auch seine Mannschaft gewissermaßen revitalisiert.

Hitz erarbeitet sich das Vertrauen von BVB-Trainer Terzic

Die Schwarzgelben waren – nach dem 1:5 gegen den VfB Stuttgart im Dezember – Ende Januar an einem neuerlichen Tiefpunkt angekommen in der Saison 2020/21. Auf ein 1:2 bei Bayer Leverkusen folgte ein 2:4 bei Borussia Mönchengladbach. Der BVB zog gegen direkte Konkurrenten den Kürzeren, die etatmäßige Nummer eins, Roman Bürki, sah sich nicht ohne Grund im Zentrum der Kritik.

Doch Bürki musste in der Folge wegen einer Schulterverletzung passen, wie bereits im Oktober für zwei Spiele ersetzte ihn Marwin Hitz. Und wie im Oktober, damals noch unter Lucien Favre, unterließ es der neue Trainer Edin Terzic, Bürki nach seiner Genesung wieder aufs Feld zu schicken. Das Vertrauen des Trainerteams hatte sich Hitz erarbeitet.

Mit Hitz zwischen den Pfosten stabilisiert sich der BVB

Die reinen Daten geben nur ansatzweise die Unterschiede der beiden Schlussmänner aus der Schweiz wider. Hitz gehörte in seinen 16 Ligaspielen mit 64 Prozent gehaltener Bälle nicht in die Top Ten der Liga, Bürki war mit 67 Prozent in 19 Partien nur unwesentlich stärker. Hitz darf auf die knapp bessere Passquote verweisen (83 zu 78 Prozent, bei langen Bällen 39 zu 38 Prozent), Bürki wurden mehr Paraden (62 zu 29) gutgeschrieben. Hitz pro Partie 42 Mal am Ball, Bürki 41 Mal. Und doch sprach nicht nur aus Sicht von Terzic und Torwarttrainer Matthias Kleinsteiber viel für Hitz, der seit 2018 als verlässliche Nummer zwei im Hintergrund wirkte.

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Vielleicht führt die Statistik der sieben weißen Westen in der Bundesliga, also Spielen ohne Gegentor, in die richtige Richtung. Mit Hitz zwischen den Pfosten stabilisierte sich der extrem leistungsschwankende BVB in der Rückrunde, spielte ausbalancierter, verteidigte besser. Der Keeper trug seinen Teil dazu bei, indem er sich immer wieder ins Aufbauspiel integrierte, auch in Drucksituationen den Ball nicht hoch und weit aus der Gefahrenzone schoss. Seine positive Ausstrahlung, die bessere Kommunikation mit den Vorderleuten und ein paar Zentimeter mehr bei hohen Bällen (1,94 zu 1,87 Meter) mögen weitere Argumente gewesen sein.

Hitz behält die Ruhe – auch nach schweren individuellen Fehlern

Mit sieben Siegen und je zwei Unentschieden und Niederlagen in seinen ersten elf Pflichtspiel-Einsätzen gelang der (an-)fällige Torwartwechsel. „Ich freue mich über die Spiele, die ich gerade bekomme, und bin froh, dass es gut läuft“, sagte er. „Es gibt oft Phasen in einer Saison, in denen es schlechter läuft. Ich glaube, diese Phase haben wir jetzt hinter uns. Wir haben uns viele Gedanken gemacht und wirklich viel geredet.“

Bemerkenswert: Auch nach schweren individuellen Fehlern wie beim 1:2 in Freiburg, wo er ein Tor ganz und eines teilweise auf seine Kappe nehmen musste, behielt Hitz die Ruhe und die Nummer eins. Auf dem Parkett der Königsklasse hätte er das zweite Tor beim Achtelfinale in Sevilla verhindern müssen, ebenso das zweite im Viertelfinale daheim gegen Manchester City. Da hatte der ruhige Familienmensch Hitz längst seine Unterschrift unter einen neuen Vertrag gesetzt, Ende Februar dehnten er und der BVB die Zusammenarbeit bis zum Sommer 2023 aus. Eine weitere Belohnung folgte indirekt mit dem DFB-Pokalsieg, bis auf das Finale stand er in jedem Spiel durchgängig auf dem Platz. Im Saisonendspurt musste Hitz wegen eines Kapselrisses im Knie, erlitten nach einem Zusammenprall mit Manuel Akanji im Bundesliga-Spiel gegen RB Leipzig, passen. In der Gunst der Fans landete er nach Saisonschluss denkbar knapp mit einer Note von 2,8 vor Roman Bürki (2,9).

Fazit

Marwin Hitz musste bei Borussia Dortmund lange auf seine Bewährungschancen warten. Als die Gelegenheit im Winter kam, nutzte er sie. Der Schweizer Keeper spielte zwar nicht fehlerfrei, stabilisierte aber trotzdem mit seinen Vorderleuten die zuvor wackelige Defensive. Das Zutrauen, dauerhaft als Nummer eins für den BVB aufzulaufen, hat er sich dabei nicht erworben.

Ein Mann mit Zukunft beim BVB ist Hitz trotzdem. Wenn auch nur als Nummer zwei – denn es kommt im Sommer in Gregor Kobel (23) erneut ein Landsmann, der nicht zuletzt wegen der hohen Ablöse von 15 Millionen Euro den Vorzug erhalten wird. Dass Hitz eine gute Nummer zwei ist, hat er lange Jahre bewiesen. Und dass er eine ordentliche Aushilfe als Stammtorhüter sein kann, in der zweiten Saisonhälfte 2020/21 ebenso.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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