BVB-Sportdirektor Michael Zorc schlägt Alarm: Ich halte es für sehr bedenklich

hzBorussia Dortmund

1:3 bei Union Berlin. Und das verdient. Die BVB-Niederlage beim Aufsteiger wirft Fragen auf. Sportdirektor Michael Zorc schlägt Alarm, Trainer Lucien Favre muss Antworten finden.

Berlin

, 01.09.2019, 15:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine Nacht Abstand und ein bisschen Schlaf halfen nicht viel. Michael Zorcs Laune war auch am Sonntagmittag noch im Keller. Die Enttäuschung über das 1:3 (1:1) beim Aufsteiger 1. FC Union Berlin saß tief. 90 Minuten Fußball können manchmal ein langes Nachspiel haben. „In drei Tagen wird es auch noch nicht erheblich besser sein“, sagte der BVB-Sportdirektor im Gespräch mit dieser Redaktion – und wurde in seiner Analyse des Erlebten deutlich: „Ich halte es für sehr bedenklich, wenn sich unsere Spieler nach dem Spiel eingestehen müssen, dass der Gegner den Sieg mehr gewollt hat.“ Die erste Hälfte sei noch okay gewesen, „die zweite Hälfte war unerklärlich“.

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Tatsächlich hatte man das Übel vor der Halbzeit in dieser Form nicht kommen sehen. Der BVB war die bessere Mannschaft, ohne allerdings vollends zu überzeugen. Das 0:1 durch Marius Bülter in der 22. Minute, das den dritten Rückstand im dritten Spiel der Saison bedeutete und einmal mehr viel zu einfach nach einer Standardsituation fiel, glich Paco Alcacer fast umgehend aus (25.). Julian Weigl schoss kurz vor der Pause an den Außenpfosten. Viel mehr war nicht.

„Das hat mich an den einen oder anderen Auftritt in der vergangenen Saison erinnert.“
Michael Zorc

Im zweiten Durchgang dann nahm das Unheil aus schwarzgelber Sicht seinen Lauf. Borussia Dortmund ließ sich von aufopferungsvoll kämpfenden Unionern die Butter von der Stulle nehmen, die Alte Försterei wurde Zeuge des ersten Bundesliga-Sieges der Eisernen aus Berlin-Köpenick überhaupt. Noch einmal Bülter (50.) und Sebastian Andersson (75.) verwandelten das vielleicht außergewöhnlichste Stadion der Liga in ein Tollhaus - und am Ende stand auf der Anzeigetafel ein völlig verdienter Sieg für den Außenseiter aus dem Südosten der Hauptstadt gegen den Meisterschaftsaspiranten aus dem Ruhrgebiet.

Das habe ihn, sagte Zorc, „an den einen oder anderen Auftritt in der vergangenen Saison erinnert“. Er meinte nicht die vielen guten Spiele, Zorcs Gedanken gingen nach Nürnberg (0:0), sie gingen nach Augsburg (1:2), sie gingen nach Düsseldorf (1:2), als der BVB gegen die vermeintlich Kleinen der Liga, wie es immer heißt, fahrlässig Punkte herschenkte, die am Ende mindestens genauso die Meisterschaft kosteten wie die Klatschen im Derby gegen Schalke (2:4) und im Gipfeltreffen in München (0:5).

Der BVB lässt die Grundtugenden vermissen

Entsprechend alarmiert ist man bei Borussia Dortmund. Zorc und Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielabteilung, gaben unisono zu Protokoll, man habe Gedacht, „dass wir einen Schritt weiter sind“. Bislang ist dieser Schritt trotz des eigentlich guten Saisonstarts mit vier Siegen aus fünf Pflichtspielen bestenfalls zu erahnen. Die beiden jüngsten Auftritte gegen Köln und nun Union Berlin legen eher den Verdacht nahe, dass der Vizemeister die entscheidenden Stellschrauben nicht nachhaltig gedreht bekommt. Die Schwäche bei gegnerischen Standards ist noch immer allgegenwärtig, vor allem aber fehlt es dem BVB-Spiel an Grundtugenden des Fußballs.

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„Wir müssen in solche Spiele mit 100 Prozent Einstellung gehen, mit 100 Prozent Mentalität, ansonsten wird man trotz unserer Qualität den Unterschied nicht sehen“, sagte Kehl. Das sei „sehr enttäuschend, weil wir hier drei Punkte liegen gelassen haben, die uns sehr wehtun.“ Kapitän Marco Reus erklärte: „Ich glaube, dass wir manchmal denken, einfach mit unserer Qualität die Spiele gewinnen zu können. Das müssen wir abstellen. Wir müssen einfach die Tugenden an den Tag legen, die uns letzte Saison ausgezeichnet haben. Das sind Wille und Leidenschaft - und danach kommt das Spielerische.“ Julian Brandt sagte den durchaus entlarvenden Satz: „Man hat gemerkt, dass die Berliner einen stärkeren Willen hatten als wir.“

BVB-Trainer Favre mit einer exklusiven Sicht der Dinge

Zumindest an Selbstkritik also mangelte es, wie schon nach dem Spiel in Köln, nicht. Die Frage ist, ob sie dieses Mal zur Besserung führt. Lucien Favre jedenfalls überraschte einmal mehr mit seiner Analyse des Spiels. Der Trainer nannte als Hauptgründe für die Niederlage - anders als die Spieler und die Verantwortlichen - vor allem die fehlende „Geduld“ im BVB-Spiel. Seine Mannschaft habe „zu überhastet“ gespielt. Das war bestimmt nicht falsch beobachtet, aber ob es wirklich die Ursache allen Übels war? Zumindest diesen Verdacht hatte der Schweizer ziemlich exklusiv - nicht zum ersten Mal in seiner Amtszeit bei Borussia Dortmund.

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