BVB-Trainer Lucien Favre: Und ewig droht die Diskussion

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BVB-Trainer Lucien Favre geht in sein letztes Vertragsjahr bei Borussia Dortmund. Die Diskussionen um seine Person werden vermutlich auch seine dritte BVB-Saison begleiten.

Dortmund

, 12.09.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich ist das ja ganz in seinem Sinne. Ein offizielles Saisonziel will der BVB für die mit dem Pokalspiel beim MSV Duisburg (Montag, 20.45 Uhr/bei uns im Live-Ticker) nun endlich startende Saison nicht ausgeben, das sah vor 12 Monaten ja noch ganz anders aus. Und mit dem ungewohnt klar formulierten Anspruch, mit den Bayern um die Meisterschaft spielen zu wollen, fremdelte der stets vorsichtige und zurückhaltende Lucien Favre damals ganz gewaltig. Die forschen Worte trafen den Klub letztlich wie ein Bumerang, vor allem im Herbst, als es nicht rund lief und Favres Job sogar in Gefahr geriet. Auf dieses Spiel, ließen die Klubverantwortlichen daher wissen, wolle man sich zur Spielzeit 2020/21 nicht mehr einlassen.

Favre und der BVB müssen in den Pokalwettbewerben liefern

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Natürlich aber sind die Ziele für Favres dritte Saison intern klar formuliert worden. Auf das Abschneiden bezogen lässt sich vor dem Start in die neue Spielzeit folgendes formulieren: In den Pokalwettbewerben soll deutlich mehr herausspringen als in den vergangenen beiden Saisons, wo sowohl im DFB-Pokal als auch in der Champions League jeweils im Achtelfinale Schluss war für die Borussia, in der Bundesliga bleibt die Sehnsucht nach einem Titel weiterhin groß.

Die Ambitionen sind also weiter hoch, der Druck bleibt groß – auch auf den Trainer. Favre geht Stand heute in sein letztes Vertragsjahr, das sei kein Problem, heißt es vom Rheinlanddamm. Verhandlungen müssten jetzt nicht stattfinden, dafür sei keine Zeit, sagt der Trainer. In der Tat wollen sich sowohl der Klub als auch der Trainer wohl alle Optionen offen halten. Favre, der natürlich registriert hat, dass es dem Klub nicht gelungen ist, mit klaren Bekenntnissen die immer wieder aufflammenden Diskussionen um seine Person und seine Arbeit einzudämmen. Aber auch die Borussia, für die der Schweizer zwar die aktuell beste, aber nicht eine Ideallösung mit Potenzial für mehrere weitere Jahre zu sein scheint.

Zwei BVB-Vizemeisterschaften reichen Lucien Favre nicht

In seinen bislang zwei Spielzeiten hat der als detailversessen bekannte Trainer Borussia Dortmund zu zwei Vizemeisterschaften geführt. Das ist per se in Ordnung. Favres Handschrift ist erkennbar, der Fußball zumeist ansehnlich, manchmal sogar spektakulär. Selten aber eben auch deutlich unter dem zu erwartenden Niveau.

Vor allem in Favres Premierensaison war der in Dortmund lang ersehnte neunte Meistertitel greifbar. Der BVB verspielte in der Rückrunde ein zwischenzeitlich neun Punkte starkes Polster und wurde nach rätselhaften Aussetzern (Schalke, Bremen) noch abgefangen. In der zurückliegenden Saison war es die Hinrunde, die ein besseres Abschneiden kostete. Zu viele Unentschieden gegen vermeintlich schlagbare Gegner gab es, die auch die Mentalitätsdebatte befeuerten.

Borussia Dortmund wartet auf Saison ohne gravierende Einbrüche nach unten

Eine Saison ohne gravierende Einbrüche nach unten durchzuspielen, das ist der Borussia unter Lucien Favre nicht gelungen. Kann man ihm bisweilen Sturheit vorwerfen, was das Festhalten an formschwachen Spielern und einem System, in dem sich die Mannschaft sichtlich nicht wohl fühlte, anbelangt, durfte sich der 62-Jährige doch oftmals auch von seinem hochbegabten Personal im Stich gelassen fühlen. Unerklärliche Konzentrationsschwächen im Abwehrverhalten durchzogen beide Spielzeiten. Grobe individuelle Fehler führten zu Slapstick-Gegentoren. Das ließ den Trainer bisweilen ratlos zurück.

Auch dafür wurde bisweilen die Schuld beim stets höflichen Schweizer gesucht. Favre, so scheint es, steckt in einer Schublade fest. Es gibt die nicht geringe Zahl der Kritiker, die nicht die Überzeugung haben, dass dieser Trainer Borussia Dortmund zu Titel führen kann. Dass Favre und der BVB aber gegen eine fast schon unheimliche Bayern-Dominanz ankämpfen müssen, verdeutlicht diese Statistik: In den ersten zehn Spielzeiten des neuen Jahrtausends hätten die Dortmunder 76 Punkte aus dem ersten Favre-Jahr neun Mal zur Meisterschaft gereicht. Nach dem letzten BVB-Titel im Jahr 2012 blieben die Bayern aber nur zwei Mal unterhalb der Marke von 80 Punkten und schafften zwei Mal sogar mehr als 90. Diese Zahlen werden allerdings nur sehr selten zugunsten des 62-Jährigen ausgelegt.

BVB-Coach Favre wehrt sich gegen Kritiker

Favre hat gelernt, mit diesem Umstand zu leben. Er muss ihm aber deshalb nicht egal sein. Im Interview mit der Sportschau hat er im August ungewohnt offen deutlich gemacht, wie sehr ihm das Schwarzweiß-Denken in Bezug auf seine Person missfällt. Im ersten Halbjahr gehypt, danach oft zerrissen. Von „Dummheiten“ hat Favre gesprochen, die geschrieben worden seien, immer sei der Trainer an einer Niederlage schuld, „niemand analysiert die Fähigkeiten meiner Mannschaft im Vergleich zu anderen.“

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Wenn Champagner-Fußball aber mit schwer zu erklärenden Aussetzern in einer nicht mehr gesunden Relation steht, wirft das die Frage nach der möglicherweise fehlenden Gier im Team ebenso auf wie die, ob die Macht des Trainers wirklich nach der Besprechung vor dem Spiel endet. Kann er seiner Mannschaft nicht zu mehr Konstanz verhelfen, werden die Diskussionen nicht aufhören. Vor allem daran wird sich Lucien Favre messen lassen müssen.

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