BVB-Triumphmarsch gegen Schalke verkommt zum sportlichen Trauerspiel

hzKommentar

Der BVB ist Derbysieger, und nun? Ohne Fans und ohne Stimmung im Stadion verkommt der Dortmunder Triumphmarsch gegen Schalke zu einem emotionsarmen Trauerspiel.

Dortmund

, 17.05.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein kurzer Blick reichte, dann hatte sich auch Mahmoud Dahoud vergewissert. Aus den Lautsprechern trompetete der Triumphmarsch von Walter Scholz, zig Tausende sollten in diesem Moment mit ihren Schals wedeln, jubeln. Doch als die Mannschaft von Borussia Dortmund in den Signal Iduna Park einläuft um 14.55 Uhr am 16. Mai 2020, da hatte Dahoud nach einem Blick tatsächlich Gewissheit: Keiner, wirklich kein einziger Mensch steht auf der Südtribüne. Der schmissige Triumphmarsch untermalt musikalisch nur ein Trauerspiel.

Fußball ohne Fans, aber wenigstens Fußball? Endlose Diskussionen hat die Fortsetzung der Bundesliga inmitten der Corona-Pandemie provoziert. Im leeren Dortmunder Stadion, wo in der einen Ecke Zehntausend königsblaue Schalker und im weiten Rund 70.000 BVB-Fans in Schwarz und Gelb dem Anpfiff entgegenfiebern sollten, herrscht gähnende, beklemmende, absurde Leere. Selbst die Hymne „You’ll never walk alone“, die gefühlt zwei Takte zu langsam vom Band läuft, spendet keinen Trost. Bei den meisten BVB-Testspielen herrscht bessere Stimmung. Es riecht nicht nach Bier und Bratwurst in Deutschlands größtem Fußballstadion. Nicht einmal nach Schweiß.

BVB gegen Schalke: Es kommt keine Derby-Stimmung auf

Mats Hummels steht zwei Minuten vor allen anderen auf dem Rasen und wartet auf den Anpfiff, mutterseelenallein. Hat er reflexartig zu den Fans gewunken, die gar nicht da sind? In der Folge bekommt das Wort Geisterspiel auch semantischen Gehalt: In einer Atmosphäre, die nur mit einem Kreisliga-Kick am Sonntagmorgen um 11 Uhr vergleichbar wäre, kommt keine Derby-Stimmung auf. Bei wem auch, wie denn auch?

Immerhin haben sich die Borussen tadellos auf dieses Szenario eingestellt. Den Schwarzgelben, um deren Eigenmotivation es nicht immer zu Besten bestellt war in dieser Spielzeit, gelang es von Beginn an, diese spezielle Herausforderung anzunehmen. Kontrolliert im Spielaufbau, energisch in den Zweikämpfen, konzentrierter und williger als die Schalker, übernahmen die Dortmunder nach der Anfangsphase das Kommando auf dem Platz. Die 2:0-Führung zur Pause: verdient! Weil Thorgan Hazard, der für den angeschlagenen Giovanni Reyna kurzfristig in die Startelf gerückt war, den beiden Treffern von Erling Haaland und Raphael Guerreiro kurz nach Wiederanpfiff das dritte Dortmunder Tor folgen ließ, kam auch keinerlei Spannung auf. 4:0 noch durch Guerreiro, klare Sache.

Derby wirkte in dieser geisterhaften Kulisse fast belanglos

Doch das Derby, das sonst 80.000 Fans im Stadion und Millionen an den Bildschirmen elektrisiert, das für Wochen Gesprächsthema Nummer eins ist in der Region, es wirkt in dieser geisterhaften Kulisse fast belanglos. Gemeinsam jubeln dürfen die Spieler nicht, auf Distanz funktioniert das allerdings überhaupt nicht. Es sind skurrile, aberwitzige Situationen, die sich auf dem Rasen abspielen.

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Erst mit dem Abpfiff brechen sich ein paar Emotionen Bahn. Da schreien einige Dortmunder ihre Freude heraus, auch die Erleichterung steckt in den Jubelrufen. Wie die Dortmunder Mannschaft dann eine La-Ola-Welle vor der leeren Südtribüne aufführt, den Dank an die Fans und das Bad vor der Menge genießt, die gar nicht da ist, das führt diesen Fußballnachmittag endgültig ad absurdum.

Geisterspiele könnten Akzeptanz schwinden lassen

Die Bundesliga soll um jeden Preis fortgeführt werden. Doch der Preis könnte sehr bald sehr teuer werden, weil für diese Art von Geisterspielen schnell die eh schon geringe Akzeptanz bei den Fans noch mehr schwinden dürfte. Wenn ein Derbysieg keine Emotionen mehr herauskitzelt, was dann?

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BVB führt Schalke vor - die RN-Analyse zum Revierderby

Fußball ohne Fans mag ein steriles Kunstprodukt fürs Bezahlfernsehen sein. Die Liga ist klamm und braucht das Geld. Im Falle des BVB aber nicht für die 800 normalen Angestellten, sondern für die überbezahlten 30 Jungs, deren Gehälter fast die Hälfte des Konzernetats ausmachen. Sogar eingefleischte Fans erwägen ihren Liebesentzug. Diese Rechnung könnte teuer werden für die Liga.

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