BVB-U23-Kapitän Steffen Tigges: „Daraus lässt sich viel Kraft ziehen“

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Im Interview spricht Dortmunds U23-Stürmer Steffen Tigges über seine neue Rolle als Kapitän, den hervorragenden Saisonstart – und den bislang größten Erfolg seiner Karriere.

Dortmund

, 10.11.2020, 12:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Bisher, nach zehn absolvierten Regionalliga-Partien, sind für Steffen Tigges sechs Tore gezählt. Als erstes Etappenziel hat sich Dortmunds U23-Mittelstürmer zehn Treffer vorgenommen, doch die Hauptsache ist eine andere. Der Gesamterfolg steht an oberster Stelle, dafür schindet sich Tigges Woche für Woche.

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Im Interview mit den Ruhr Nachrichten spricht BVB-U23-Kapitän Tigges über den hervorragenden Saisonstart - mit zwei Punkten Rückstand und zwei Partien weniger steht der BVB II derzeit auf Rang zwei hinter RWE -, Tigges erklärt, wie er seine neue Rolle als Kapitän ausfüllt - und er erzählt, wie ihm mit dem VfL Osnabrück der Zweitliga-Aufstieg gelang.

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BVB-U23-Trainer Enrico Maaßen hat kürzlich gesagt, man höre aus jeder Richtung „Corona, Corona, Corona“. Von daher tue es gut, auf dem Platz zu stehen – und zwischenzeitlich mal nur an Fußball zu denken. Ist der Sport eine gute Ablenkung in dieser schwierigen Zeit?

Klar ist, dass die Gesundheit der ganzen Gesellschaft im Vordergrund steht. Von Ablenkung würde ich deshalb nicht sprechen. Wir freuen uns einfach, dass wir weiterhin unserem Beruf nachgehen dürfen, unter Einhaltung aller Regeln natürlich. Wir haben derzeit einen richtig guten Lauf. Eine längere Pause hätte uns wahrscheinlich nicht so gut getan.


Als einzige Regionalliga in Deutschland darf die West-Staffel weiterspielen. Hat Sie dieser Entschluss gewundert?

Die Entscheidung konnte ich ja nicht beeinflussen, von daher habe ich mich nicht sehr viel damit befasst. Ich habe mich eher auf meine Regeneration konzentriert – und mich dann gefreut, als die Entscheidung bekannt gegeben wurde.


Allerdings kann es natürlich immer wieder zu Spielausfällen kommen, wie jetzt am Wochenende, als die Partie gegen Gladbach II gecancelt wurde. Wie kann der Fokus in dieser unsicheren Lage beibehalten werden?

Ab und an ist es wichtig, dass man herunterfährt. Die Spiele gegen Fortuna Köln (2:1, d. Red.) und Münster (2:0) waren sehr intensiv, da tut es dann auch mal gut, ein paar Tage durchzuatmen. Und dann stellt uns der Trainer auf das nächste Spiel ein, sorgt dafür, dass wir ganz schnell wieder den Fokus auf die nächste Aufgabe richten. Beim nächsten Gegner RWO fällt das nicht schwer. Oberhausen kennt jeder, der Verein steht ein wenig überraschend nur auf Rang 12; der Kader ist eigentlich stärker als es der Tabellenplatz gerade zeigt.


Inzwischen sind drei Spiele ausgefallen, die ersten beiden gegen Lippstadt und Düsseldorf II hingen mit einer Corona-Infektion im Funktionsteam des BVB II zusammen. Wie haben Sie davon erfahren?

Es war kurz vor der Fahrt nach Lippstadt. Uns wurde gesagt, dass wir ganz normal zum Trainingszentrum kommen sollten. Dort saßen wir in unseren Autos. Die Situation war unsicher, keiner wusste, ob die Partie stattfinden kann. Irgendwann wurden wir dann per WhatsApp-Nachricht nach Hause geschickt – und saßen erst mal in Quarantäne, bis klar war, dass sich niemand infiziert hatte.


Sie hatten danach anderthalb Wochen Pause, siegten 2:0 gegen Preußen Münster - und Mittelfeldmann Franz Pfanne stellte fest: „Wir sind keine normale U23.“ Hat er recht?

Ich denke schon, ja. Oft kommen U23-Mannschaft fast ausschließlich über ihre fußballerischen Fähigkeiten. Das versuchen wir natürlich ebenfalls, zeigen aber jetzt schon seit längerem auch die fußballerischen Grundtugenden. Gegen Münster war es bestimmt kein wunderschönes Spiel, aber wir haben alles in die Waagschale geworfen, haben als Team verteidigt. Wir waren clever – und haben deshalb diesen dreckigen Sieg eingefahren.


Sie haben die unbefriedigende Saison 2019/2020 erlebt. Warum läuft es jetzt so viel besser?

Von der Kaderqualität hat sich wenig verändert, denke ich. Wir haben andere Charaktere gewonnen, haben andere verloren, die für uns in der vergangenen Saison essenziell waren. Die Erfolgserlebnisse, die wir gleich zu Beginn sammeln konnten, haben uns viel Auftrieb gegeben. Und in der Mannschaft herrscht ein großer Zusammenhalt.


Dann müssen Sie als Kapitän – provokant formuliert – ja gar nicht mehr viel machen...

Im Prinzip nicht, das stimmt. Wir dürfen aber nicht den Fokus verlieren, da bin ich unter anderem gefordert. Wir tun gut daran, auf dem Boden zu bleiben. Nur wenn wir weiterhin die Grundelemente – also Zweikampfstärke, Zusammenhalt, Ehrgeiz – zeigen, sind wir für jede Mannschaft extrem eklig zu bespielen.


Seit Sommer haben Sie die Kapitänsbinde am Arm. Was hat sich ansonsten für Sie verändert?

Ich bin auf jeden Fall näher am Trainerteam. Enno (Maaßen, d. Red.) ist sehr kommunikativ. Er versucht uns generell, in Entscheidungen miteinzubeziehen. Schon im vergangenen Jahr bin ich persönlich vorangegangen, in diesem Jahr ist das als Kapitän natürlich noch mehr der Fall. Ich soll die Jungs mitziehen, soll helfen, wenn es mal nicht so läuft. Aber natürlich: Das ist nicht meine alleinige Aufgabe, wir haben verschiedene Spieler, die dabei helfen sollen, dass wir weiterhin so stabil sind.

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Kommt es für Sie überraschend, dass das aktuell so gut gelingt?

Nein, überhaupt nicht. Wir sind eine ehrgeizige Truppe, wissen, dass auch mal ein Tor reichen muss. Hinten im Abwehrbereich haben wir großes Potenzial, tolle Abwehrspieler. Und vorne arbeiten wir ebenfalls viel für die Defensive, versuchen, dicht zu machen und extrem kompakt zu stehen.


Der gesamte BVB II kommt sehr selbstbewusst daher. Gab es einen bestimmten Moment, in dem es Klick gemacht hat?

Einen genauen kann ich nicht nennen. Nur so viel: Wir haben einen riesigen Team-Zusammenhalt. Das sehen wir vor allem in den engen Spielen. Im vergangenen Jahr konnten wir die engen Spiele einfach nicht für uns entscheiden. Jetzt hat man das Gefühl, dass jeder weiß, was er zu tun hat, dass wir dagegenhalten können und fokussiert sind. Daraus schöpft man das meiste Selbstvertrauen. Wir alle wissen: Wenn jeder seinen Teil für den Team-Erfolg beiträgt, können wir etwas ganz Großes schaffen. Daraus lässt sich viel Kraft ziehen.


Was macht Sie optimistisch, dass die Mannschaft ihren Erfolgsweg fortsetzen kann, wenn mal eine Niederlage folgen sollte?

Der Zusammenhalt, den ich jetzt schon oft angesprochen habe. Und die Tatsache, dass wir bereits gezeigt haben, dass wir Rückschläge wegstecken können. Das 1:1 gegen Bonn war unglücklich, gegen Wiedenbrück lagen wir zurück – und haben dann noch 4:1 gewonnen. Unsere Reaktionen darauf stimmen mich optimistisch, dass wir als Team niemals auseinanderbrechen werden.

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Schauen Sie regelmäßig auf die Tabelle – und gucken, was die Konkurrenz macht?

Ich würde lügen, wenn ich das verneinen würde. Aber grundsätzlich interessiert uns das noch nicht sehr viel. Wir müssen auf unsere Spiele schauen, unsere Partien gewinnen. Im Moment bringt uns der erste Platz nichts. Erst im Mai oder Juni zählt, wer ganz oben steht.


Wer ist der Aufstiegsfavorit?

RWE ist natürlich dabei, im Vorfeld der Saison haben sie ja auch angekündigt, dass sie unbedingt aufsteigen wollen. Ich würde uns nicht ausschließen, wir haben gezeigt, warum wir da oben stehen. Aber auch Mannschaften wie Fortuna Köln oder Preußen Münster muss man auf dem Zettel haben. Zwischen diesen Klubs könnte es sich am Ende entscheiden.


Sie selbst wissen, wie ein Aufstieg funktioniert - 2019 gelang Ihnen mit dem VFL Osnabrück der Sprung in die 2. Bundesliga. Was hat diese Mannschaft ausgezeichnet?

Wir haben uns untereinander alles gegönnt. In jedem Spiel gab es einen Spieler, der einen besonderen Tag hatte. Trainer Daniel Thioune hatte außerdem einen riesigen Anteil am Aufstieg. Er hat oft ein gutes Bauchgefühl gezeigt, hat die richtigen Spieler gebracht. Und die individuelle Qualität war hoch. Einzelne Spieler konnten Partien im Alleingang entscheiden.


Also sehen Sie durchaus Parallelen zur aktuellen Situation?

Ja, absolut. Natürlich ist es eine andere Situation, eine andere Liga. Aber den Zusammenhalt, das Wir-Gefühl – das spürt man auf und neben dem Platz. Und das kann man durchaus vergleichen.

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