Der Ausnahmezustand als Alltag, oder: BVB-Profis im Stand-by-modus

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Angst vor Geisterspielen oder der Geruch von frisch gemähtem Gras: Kopf und Körper reagieren auch bei Profisportlern sensibel. Auswirkungen der Coronakrise aus sportpsychologischer Sicht.

Dortmund

, 11.04.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Auf die Idee, einen schmucken Flakon mit der Aufschrift „Rasen – pour homme“ zu produzieren, ist noch kein Parfümhersteller gekommen. Es könnte ein gutes Geschäft werden, wenngleich fraglich ist, ob die sich die gewünschten Assoziationen mit einem Atemzug erzielen ließen. Den Geruch von frisch gemähtem Grün jedenfalls haben die Fußballprofis in den vergangenen Wochen sinnlich und sehnlich vermisst.

BVB schafft kleinen Schritt zurück in Normalität

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Seit voriger Woche dürfen Borussia Dortmunds Erstliga-Kicker wieder auf den Trainingsrasen. Anfangs nur zu zweit, seit Montag kehren sie in Kleingruppen an ihren Arbeitsplatz zurück. Unter den strengen Auflagen der Behörden, ein Mindestabstand soll immer gewahrt bleiben. Die Übungen finden auf verschiedenen Plätzen auf dem weitläufigen Areal in Hohenbuschei statt. Umziehen und Duschen zuhause, Essen zum Mitnehmen. Aber immerhin: Stollenschuhe, Bälle, Rasen, das ist ein kleiner Schritt zurück in die Normalität.

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Man dürfe die Auswirkungen der Coronakrise auf die Sportler keineswegs unterschätzen, betont ein etablierter Sportpsychologe, der als Mentalcoach für deutsche Topklubs und den DFB gearbeitet hat und wegen des vertraulichen Verhältnisses zu seinen Klienten lieber nicht genannt werden will. Ohne die Fußballer in ihrer Wichtigkeit oder Sensibilität zu überhöhen, schließlich gebe es viele wichtigere Dinge derzeit, müsse man doch berücksichtigen: Die Profis sollen in Kürze, sobald es denn behördlich gestattet wird, wieder Hoch- und Höchstleistungen bringen, und das im Fokus der Öffentlichkeit. Die Voraussetzungen dafür allerdings sind nicht gegeben.

BVB-Profis könnten glatt Entzugserscheinungen bekommen

Hinter ihnen lägen Wochen ohne Erfolgserlebnisse, ohne Kollegen bei der Arbeit, ohne Mätzchen im Mannschaftskreis oder das motivationsfördernde Raunen in einem vollgepackten Stadion. All das ist keineswegs lebensnotwendig. Aber wer es gewohnt ist, viel Anerkennung zu erhalten, sein Ansehen in der Menge zu genießen, den euphorisierenden Stress zu spüren, den zig Tausende Zuschauer auslösen, der könne glatt Entzugserscheinungen bekommen. Als ob alle Spieler gleichzeitig ihr Comeback nach einer längeren Verletzung feiern.

Denn zum Faktor Kopf kommt der Faktor Körper: Kein Fußballer und kein Trainer landauf, landab kann die Form einschätzen. Zweikämpfe, sogar Körperkontakt bleiben ja verboten, auch im Training. Wer dieser Tage eines der vielen Videos mit Spielen längst vergangener Weltmeisterschaften angesehen hat, kann nur beipflichten, wie elementar heutzutage intensives physisches Spiel zum Fußball dazugehört.

BVB-Profis im Stand-by-modus: Ein Fußballer braucht einen Ball

Cybereinheiten und Fitness im Home Office ersetzen kein Fußballtraining. Ohne Stollenschuhe, ohne Rasen, ohne Gegenspieler lässt sich dieser Sport schwerlich trainieren. Allemal nicht auf Topniveau. „Es ist wichtig, dass wir den Betrieb wieder aufgenommen haben“, sagte BVB-Trainer Lucien Favre im Schweizer „Le Matin“. „Muskelaufbau und Velofahren ist gut, doch die Spieler müssen auch den Ball wieder einmal berühren können.“

Auch die quälende Ungewissheit fördert sicherlich nicht die Leistungsfähigkeit. Keiner kann sagen, ob am 2. oder am 9. Mai tatsächlich wieder Fußball gespielt wird, ob dieser Stand-by-modus endlich endet. Und wenn, dann ja auch nur unter dem Ausschluss von Zuschauern. Schon die beiden Geisterspiele mit deutscher Beteiligung vor der Unterbrechung, in der Bundesliga zwischen Gladbach und Köln sowie in der Champions League zwischen Paris Saint-Germain und Borussia Dortmund, haben gezeigt, dass diese Art von Austragung nicht nur für TV-Zuschauer befremdlich oder im besten Fall gewöhnungsbedürftig ist. Auch eine Reihe von Spielern, im Zweifel der jüngeren Generation zuzuordnen, hatte schwer zu kämpfen mit der klinisch-sterilen Atmosphäre in den Arenen. Wer Emotionen braucht für sein Spiel, der wird es in den kommenden Wochen und Monaten schwer haben. Auch Favre widerstreben innerlich diese Geisterspiele: „Das ist sehr schwierig, denn ich erachte es als unmöglich, sich an so etwas zu gewöhnen.“

Ruhe beim BVB bringt Unruhe

Die ungewohnte Ruhe bewirkt vor allem Unruhe. Fußball vor leeren Rängen fühlt sich einfach falsch an. Torhüter Roman Bürki sagte im Rückblick auf das Spiel bei PSG: „In Paris beispielsweise konnte niemand von uns das abrufen, was er eigentlich kann.“ Vielleicht, so die Überlegung des Keepers, „müssen wir öfter bei uns im Stadion trainieren, weil die Situation einfach besonders ist. Als Spieler wird man sich speziell darauf vorbereiten müssen“. Borussia Dortmund hat übrigens nicht einen festen Psychologen bei der Mannschaft, sondern ein Netzwerk aus Experten für verschiedene Bereiche aufgebaut. Der Vorteil: So kann bei Bedarf jeder den für sich passenden Ansprechpartner finden.

Unruhige Momente erleben auch Spieler mit einer ungeklärten Perspektive für die Zeit nach dieser Saison, wann auch immer sie endet. Obwohl beim BVB kein gewaltiger Umbruch im Kader bevorsteht, muss sich mehr als ein halbes Dutzend der Kicker Gedanken über die nahe Zukunft machen und wo diese fußballerisch stattfinden soll. Auch das führt bei manchen, die als Persönlichkeit noch reifen, nicht zu idealen Voraussetzungen. Niemand weiß, wann der Transfermarkt öffnet oder schließt, wie begrenzt oder unbegrenzt Vereine ein- und verkaufen, welche Summen im Transferfenster Nummer eins nach Corona plötzlich gelten.

BVB will Kaltstart verhindern

Doch erstmal soll gespielt werden. Mindestens 14 Tage vor dem Kaltstart, so fordern es Trainer und Manager in der Bundesliga, müsste ordentliches Mannschaftstraining durchgeführt werden können. Mehr wäre wünschenswert. Eine Serie von Testspielen wie im Rahmen einer Sommervorbereitung wird es dann jedoch nicht geben, das Einspielen muss teamintern erfolgen. Eine komplizierte Situation. „Alle kommen aus einer gefühlten Sommervorbereitung, jedoch ohne Testspiele, ohne Wettkampfhärte, und werden auswärts oder zuhause in leeren Stadien spielen“, gab Sebastian Kehl im „Kicker“ zu bedenken. Der Leiter der Dortmunder Lizenzspielerabteilung rechnet mit Unwägbarkeiten: „Ich kann mir vorstellen, dass der Neustart die Tabelle deshalb durcheinanderwirbeln wird.“

Eine andere Sinneserfahrung als der Geruch des Rasens sei vielversprechend, meint der Sportpsychologe: der Duft des Erfolgs. Wer sich seinen Zielen in überschaubaren, gut zu bewältigenden Etappen nähere und von früheren Erfolgserlebnissen inspirieren lasse, der könne auch in Krisenzeiten seine Stärken zeigen. Neben den Füßen muss halt auch der Kopf mitspielen.

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