Wird auf Dauer vom BVB nicht zu halten sein: Torjäger Erling Haaland. © dpa
Meinung

Der BVB nach dem K.o. gegen Frankfurt: Aufwachen, abschenken, ausmisten

Ob „Betriebsunfall“ oder „Katastrophe“ - diese Saison wird den überschätzten und überteuerten BVB um Jahre zurückwerfen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Selber schuld!

Bislang verlangte es nur die kaufmännische Sorgfaltspflicht. Ein Verpassen der Champions League galt bei Borussia Dortmund als möglicher „Betriebsunfall“ (Finanzchef Thomas Treß), den man der Sorgfalt halber einkalkulieren müsse, aber doch sportlich wohl noch abwenden werde. Seit Karsamstag um 17.20 Uhr aber, seit das 1:2 gegen Eintracht Frankfurt feststand und der Sieben-Punkte-Rückstand auf Rang vier zementiert ist, müssen sich die (zu) hoch gehandelten Schwarzgelben mit der schmerzhaften Perspektive vertraut machen, dass sie in der kommenden Saison kein Ticket für die Königsklasse erhalten werden. Sportlich wie wirtschaftlich ist das eine „Katastrophe“ (Mats Hummels).

Die Spieler, die einmal mehr nicht den nötigen Siegeswillen auf den Platz brachte, kauerten nach dem 1:2 verloren auf dem Rasen, als das Unheil nicht mehr abzuwenden war. Sportdirektor Michael Zorc sank mit geschlossenen Augen zurück in seinen Sitz neben der Trainerbank. „Jetzt“, gestand er, „sind wir weit hintendran und müssten im Prinzip fast jedes Spiel gewinnen, um überhaupt noch eine Chance zu haben.“ Mats Hummels, einmal mehr bester Borusse, sprach von einem „großen Loch“, das man sich gegraben habe. „Selbst mit sechs oder sieben Siegen wird es schwer, noch auf Platz vier zu kommen.“

Der BVB 20/21: Überschätzt, überteuert, nicht maximal ambitioniert

Das klang wenigstens halbwegs realistisch. Borussia Dortmund, maximal ambitioniert in diese Saison gestartet, muss endlich aufhören, sich die Leistungen in den Partien und die Qualität der Spieler schönzureden. Es hat ja nicht nur gegen Eintracht Frankfurt nicht gereicht. Zehn Niederlagen in 27 Bundesliga-Spielen sind kein Zufall, nicht allein auf Pech zurückzuführen oder eine Reihe von Missgeschicken, sondern faktischer Ausdruck der Leistungen einer überschätzten, überteuerten und eben nicht maximal ambitionierten Mannschaft. Einen Platz unter den besten vier Mannschaften hat dieser BVB schlichtweg nicht verdient. Und das ist in einer Spielzeit mit ganz viel Mittelmaß in der Liga eine schallende Ohrfeige!

Was muss der BVB jetzt tun? Zunächst einmal, so bitter das klingt, die Champions-League-Partien gegen Manchester City abschenken. Selbst mit bester Besetzung, tauglicher Form und vier guten Spielhälften sind die Chancen, gegen die Startruppe des Schummel-Scheichs zu gewinnen, sehr gering. In der Königsklasse haben die Borussen schon das Saisonziel übererfüllt. Gegen die vielleicht beste Mannschaft der Welt auszuscheiden, und sei es sang- und klanglos, wäre kein Drama. Aber es würde helfen, nicht zu viel Energie dabei zu verschwenden.

Großreinemachen bei der kickenden BVB-Belegschaft ist nötig

Wesentlich dringender benötigen die Dortmunder nämlich Punkte in der Liga, um erst einmal wenigstens die Teilnahme an der ungeliebten Europa League zu sichern, auch wenn das mindestens 30 Millionen Euro kostet gegenüber der Champions League. Mit dem Halbfinale im DFB-Pokal daheim gegen Holstein Kiel winkt immerhin die Chance, noch ein Endspiel zu erreichen. Doch das ist noch weit weg.

Was gedanklich schon jetzt beginnen kann, ist das Großreinemachen bei der kickenden Belegschaft. Drei knappe Beispiele: Gegen Frankfurt saßen drei Rechtsverteidiger (Meunier, Morey, Piszczek) auf der Bank, dort spielte stattdessen Emre Can. Und trotz drei offensiver Mittelfeldspieler im Kader (Brandt, Reyna, Reinier) musste Linksverteidiger Raphael Guerreiro im Zentrum aushelfen. Das kann doch nicht angehen! Genauso wenig die Tatsache, dass in der Schlussphase ein 18-Jähriger (Reyna) und zwei 19-Jährige (Reinier, Knauff) den Sieg im „Endspiel“ gegen einen direkten Konkurrenten schaffen sollen.

Herber Rückschritt und spürbarer Imageverlust für den BVB

Auf die schwarzgelbe Lizenzspielerabteilung wird eine Saison ohne Champions League massive Auswirkungen haben, der Umbruch wird mit Neu-Trainer Marco Rose noch gewaltiger ausfallen als angedacht. Spieler, die der Klub gerne halten will, werden kaum zu halten sein (Sancho, Haaland). Akteure, die der BVB abgeben würde, müssten nach einer enttäuschenden Saison und in der Coronakrise wohl weit unter Wert verkauft werden (Brandt, Schulz, Dahoud, Akanji). Und Kandidaten, die der Verein gerne verpflichten würde, werden ohne Königsklassen-Qualifikation schwerer zu überzeugen sein.

Sportlich bedeutet das Verpassen des wichtigsten Saisonziels einen herben Rückschritt und einen spürbaren Imageverlust. Finanziell kommt der Rückschlag inmitten der Covid-19-Pandemie zur Unzeit, selbst wenn keine existenzielle Notlage entsteht. Entscheidend ist unterm Strich: In der Weiterentwicklung des Klubs wirft diese Saison die Borussia um Jahre zurück. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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