Der BVB unter Favre: Ballsicher, eiskalt - und Standards für die Tonne

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Eine herausragende Passquote und hohe Effizienz vor dem gegnerischen Tor prägen den BVB-Fußball unter Lucien Favre. Das belegt die Statistik. Doch es gibt auch eine große Baustelle.

Dortmund

, 24.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit Sommer 2018 steht das Trainer-Trio mit Lucien Favre an der Spitze und seinen Co-Trainern Manfred Stefes und Edin Terzic beim BVB in der Verantwortung. Einige aussagekräftige Statistiken stehen sinnbildlich für die Dortmunder Spielweise. Im ersten Teil beleuchten wir die Offensive.

  • Effektivität: Borussia Dortmund stellte in beiden Spielzeiten unter Trainer Lucien Favre das effektivste Team der Liga. Im Durchschnitt zappelte jeder sechste (18/19) bzw. sogar jeder fünfte Schuss (19/20) im Netz. Bei den Abschlüssen durch Stürmer war sogar jeder vierte Torschuss erfolgreich. All diese Zahlen sind herausragend und spiegeln die Maxime von Favre wider, erst dann den Torschuss zu suchen, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Treffers groß wird. Im Schnitt mindestens zwei Großchancen pro Partie spielt der BVB heraus, auch das ist ein Topwert (18/19: 67, 19/20: 70).

  • Starke Mitte: In beiden Saisons unter Favre taten sich Dortmunds Mittelfeldspieler als besonders gefährlich hervor. 94 Scorerpunkten (Platz eins in 18/19) folgten 69 weitere Torbeteiligungen in der abgelaufenen Saison, da waren nur die Bayern noch stärker (80). BVB-Mittelfeldspieler legten 49 bzw. 38 Tore vor, das sind weitere Spitzenwerte.

  • Joker: Torgefährliche Spieler von der Bank ins Spiel schicken zu können, ist eine Traumkonstellation für jeden Trainer. Beim BVB gibt es viele Knipser, die wenig Anlaufzeit benötigen. 17 Jokertoren in Favres erster Saison (Stichwort: Paco Alcacer) folgten zehn weitere Tore von der Bank (Stichwort: Haaland).

  • Schwer auszurechnen: Kein anderes Bundesliga-Team hatte in den beiden vergangenen Spielzeiten mehr unterschiedliche Torschützen als der BVB, für den erst 18 und dann 17 verschiedene Spieler trafen.

  • Pressing: Pressing und Gegenpressing gehören auch fünf Jahre nach dem Abschied von Meistertrainer Jürgen Klopp zur DNA von Borussia Dortmund. 18 Tore nach (erzwungenen) Ballverlusten der Gegenspieler stehen der Statistik 2019/20, das sind nochmal sechs mehr als im Vorjahr. Einsame Spitze: Die Bayern mit 20 und 22 Toren nach Ballverlusten der Gegner.

  • Schwächere Standards: Eine klare Verschlechterung hat es bei den ruhenden Bällen in der Offensive gegeben. 2018/19 gehörte der BVB mit 16 Treffern nach Standards noch zu den drei besten Teams der Liga, sieben Tore nach Freistößen - drei davon direkt verwandelt - waren der Topwert. Davon blieben die Borussen zuletzt weit entfernt. Nur sechs Tore entsprangen ruhenden Bällen (sieben Prozent), der niedrigste Wert überhaupt, wie auch in anderen Standard-Statistiken: Dortmund notierte auch insgesamt mit 81 Torschüssen nach Standards die wenigsten Versuche, trotz vermeintlich starker Schützen wie Raphael Guerreiro, Marco Reus oder Julian Brandt und einem überragenden Kopfballspieler wie Mats Hummels.

  • Ballsicher: Wenig überraschend beim auf Balance, Geduld und Sicherheit basierenden Spiel von Trainer Lucien Favre: Borussia Dortmund gehört mit einer Fehlpassquote von nur elf bzw. zwölf Prozent immer zu den ballsichersten Mannschaften der Liga. Auch 57 und 59 Prozent Ballbesitz werden nur vom FC Bayern München (63 bzw. 62 Prozent) übertroffen, der noch dominanter auftritt.

  • Pausen-Push: Auffällig ist ebenfalls, dass Borussia Dortmund nach dem Seitenwechsel die torhungrigste Mannschaft der Liga stellt. 49 und dann sogar 57 Tore nach der Pause schafft kein anderes Team. Ein Votum für Fitness und Spektakel bis in die Schlussphase.

  • Ab durch die Mitte: Angesichts der Zahlen beinahe verblüffend identisch in beiden Favre-Spielzeiten sind die Zonen, in denen die Tore herausgespielt werden. Über die schwächere linke Seite (16 bzw. 15 Tore) werden minimal weniger Treffer eingeleitet als über den stärkeren rechten Flügel (15 bzw. 18). Vor allem aber kombiniert sich der BVB durch die Mitte, 50 bzw. 51 Tore entstehen nach einem Zusammenspiel im Zentrum.
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  • Punktausbeute: Lucien Favre ist der BVB-Trainer mit der höchsten Punktausbeute. In seiner ersten Serie als BVB-Trainer standen unterm Strich 2,24 Zähler pro Partie. Mit 2,03 Punkten kamen die Borussen 2019/20 nicht mehr ganz an diesen Spitzenwert heran.

  • Fazit: Borussia Dortmunds Torfabrik läuft auf Hochtouren. 84 bzw. 81 eigene Tore sind der beste und drittbeste Wert der Klubhistorie. In der abgelaufenen Spielzeit hätte die Punktausbeute noch besser sein können. Während der BVB mit dem Ball am Fuß bestechend gefährlich und effizient spielt und auch sein Tempo bei Kontern ausnutzt, bleibt eine große Baustelle bestehen: Bei Standardsituationen, vor allem bei Ecken, bleiben die Borussen in der Offensive erschreckend harmlos. Dabei wäre das ein Mittel, um auch in engen Spielen (oder auf dem engen internationalen Niveau) ein Spiel auf die eigene Seite zu ziehen.
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