Pflegen einen engen Draht (v.l.): Otto Addo, Mike Tullberg, Marco Rose und Rene Maric. © imago / Team 2
Borussia Dortmund

Der Einfluss der Pandemie auf die Entwicklung der BVB-Talente

Den Profis von Borussia Dortmund blieb der Spielbetrieb während der Corona-Pandemie nur kurz verwehrt. Ganz anders ist die Lage bei den BVB-Junioren. Otto Addo und Mike Tullberg geben Einblicke.

Nachwuchsförderung wird bei Borussia Dortmund groß geschrieben. Lars Ricken und Marco Reus trugen in der Jugend das schwarzgelbe Trikot, Christian Pulisic, Jadon Sancho und Giovanni Reyna holten sich hier ihren Feinschliff für den Profi-Bereich. Felix Passlack, Ansgar Knauff, aber auch Spieler wie Arminia Bielefelds Amos Pieper haben in der BVB-Jugend die Fähigkeiten erlernt, die ihnen den Sprung in die Bundesliga ermöglicht haben. In der Corona-Pandemie aber musste auch Borussia Dortmunds Nachwuchs eine lange Trainingspause einlegen. Wie wirkt sich das auf die Entwicklung und den Leistungsstand der hochbegabten Fußball-Talente aus?

Otto Addo kümmert sich beim BVB um die Top-Talente

Einer, der es wissen muss, ist Otto Addo. Der 46-Jährige trug nicht nur sechs Jahre lang als Profi das BVB-Trikot und wurde 2002 Deutscher Meister – heute arbeitet er als Trainer der Dortmunder Top-Talente genau an der Schnittstelle zwischen den ältesten Nachwuchsmannschaften, der U23 und den Profis.

Seinen Beobachtungen nach hat sich die Zeit, in der die jungen Spieler wegen der Corona-Pandemie nicht trainieren konnten, unterschiedlich ausgewirkt. „Man konnte sehen, wer intrinsisch motiviert ist“, berichtet Addo im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten. Wer also von sich aus motiviert ist und Spaß daran hat, die eigenen Fähigkeiten von sich aus zu verbessern – ohne zusätzliche Motivation durch Trainer oder Teamkollegen. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass sichtbar wurde, wem es schwerer fällt, sich für das Training zu begeistern.

BVB-Trainer Otto Addo: „Zeit für Analysen und Gespräche“

„Wir konnten sehen, wer die Hausaufgaben, die mitgegeben wurden, gut bewältigt und wer vielleicht auch darüber hinaus etwas gemacht hat. Da konnte man viele Erkenntnisse sammeln“, sagt Addo. „Das war auch eine Chance zu sehen, wie weit jeder bereit ist, an seinen Fähigkeiten zu arbeiten.“ Das eine oder andere Talent habe „gerade technisch sehr viel für sich selbst gemacht“. Auch im taktischen Bereich hätten einige Kicker gute Fortschritte machen können, besonders in der U19. Dort habe der Videoanalyst den Spielern Aufgaben mitgegeben. „Es gab Zeit für Analysen und Gespräche über alte Spiele, es wurde viel gemacht“, berichtet Addo.

Otto Addo kümmert sich beim BVB um die Top-Talente. © imago / Kirchner-Media © imago / Kirchner-Media

Die U19 habe von März bis Mai 2020 nicht trainieren können, berichtet Trainer Mike Tullberg. Spielpraxis habe sein Team, wenn möglich, in Testspielen gesammelt, als der Ligabetrieb ausgesetzt war. Von Mitte Oktober 2020 bis Februar 2021 mussten allerdings auch die Freundschaftsspiele pausieren. Das Training durfte die U19 aber als Unterbau der Profis in diesem Zeitraum kontinuierlich durchziehen.

BVB-U19-Trainer Tullberg: „Haben das Allerbeste rausgeholt“

„Wir haben als Trainerteam von Anfang an gesagt, dass keiner der Jungs durch Corona einen Nachteil haben soll“, sagt Tullberg auf Anfrage der Ruhr Nachrichten. „Ich behaupte, dass es – im Gegenteil – dem einen oder anderen gut getan hat.“ Ohne Rücksicht auf Pflichtspiel-Termine nehmen zu müssen, hätte das Team im Training die Intensität hochschrauben können. „Klar fehlt der Wettbewerb, den kann man nicht ersetzen“, sagt Tullberg. „Aber wenn man sich unsere Testspiele angeguckt hat, konnte keiner sehen, ob es um Punkte ging oder nicht.“

Es habe auch keine längeren Zeiträume gegeben, in denen die Spieler frei bekommen hätten. „Ich muss dem Trainerteam da ein Lob aussprechen und auch den Jungs, die wirklich das Allerbeste rausgeholt haben“, sagt Tullberg. Auch mannschaftstaktisch habe sich die Elf verbessert.

BVB-U19 zeigt Qualitäten beim Bundesliga-Cup

Das konnte die U19 kürzlich beim Bundesliga-Cup unter Beweis stellen – den das Team gewann. „Mit dem Turnier bin ich nicht nur sehr zufrieden, weil wir gewonnen haben, sondern auch wegen der Art und Weise, wie wir aufgetreten sind. Wir hatten unsere zwei Topspieler mit Gürki und Nnamdi (Göktan Gürpüz und Nnamdi Collins, Anm. d. Red.) nicht dabei, und das nach einer harten Woche im Trainingslager. Deswegen bin ich mit dem jetzigen Stand sehr zufrieden.“

Mike Tullberg (l.) kümmert sich als U19-Trainer um die fußballerische Ausbildung der ältesten BVB-Mannschaft im Jugendbereich. © imago / Team 2 © imago / Team 2

Die U19 kam also vergleichsweise gut durch die schwierige Zeit der Pandemie. Doch wie sieht es bei den Jüngeren aus? „Der Wiedereinstieg ins Training lief unter Auflagen ab und langsam“, erklärt Addo. Dazu gehört unter anderem, dass alle Spieler jeden Tag getestet wurden. Erst habe man individuell und in Zweier-, dann in größeren Gruppen trainiert. „Gerade im unteren Bereich konnten die Spieler im Kleingruppentraining viel mehr dazulernen“, sagt der Talente-Trainer.

BVB-Juniorentrainer installieren neue Übungsformen

Zwar hätten die Trainer bei der Suche nach neuen Übungsformen kreativ werden müssen, „aber man konnte sich auch intensiver austauschen“, sagt Addo. Besser auf Kleinigkeiten eingehen, den schwarzgelben Nachwuchs beim Ausmerzen individueller Schwächen besser unterstützen. Was den jungen Spielern aber am meisten gefehlt habe, sei die Möglichkeit gewesen, Spielerfahrung zu sammeln. „Am Ende des Tages kann kein Training ein Spiel ersetzen“, erklärt Addo.

Doch was überwiegt? Starker Fokus auf individuelle Verbesserung oder der Mangel an Spielpraxis? „Es ist schwierig zu differenzieren, was mehr Wert hat“, sagt Addo. „Ich glaube schon, dass es insgesamt ein Nachteil ist, aber man konnte auch sehr viel tun in der Zeit.“ Ein weiterer Faktor durch den ausgefallenen Spielbetrieb ist, dass die Spieler nur schwer Werbung für sich machen konnten. „Es war schwierig, dass wir als Verein nicht einschätzen konnten, wer wie weit ist, das sieht man gerade in Punktspielen. Dann kann man noch besser einschätzen, wen man für die U23 und wen man für die Profis einplanen kann“, erklärt Addo.

Viele ehemalige BVB-Spieler setzen sich in der Bundesliga durch

Auch andere Vereine konnten sich so kaum ein Bild vom BVB-Nachwuchs machen. Schließlich schaffen nur wenige junge Kicker aus der schwarzgelben Jugend den direkten Sprung in den Profi-Kader. Marco Reus wechselte aus der BVB-U17 seinerzeit zu Rot-Weiß Ahlen, setzte sich dort durch, wurde von Borussia Mönchengladbach verpflichtet und schaffte den Durchbruch auf der ganz großen Bühne.

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Und wahrlich nicht jeder Spieler hat Reus‘ Talent – dennoch können junge Kicker, die es beim BVB nicht in die erste Mannschaft schaffen, sich bei anderen Profi-Klubs durchsetzen – siehe Amos Pieper (Arminia Bielefeld), Luca Kilian (FSV Mainz 05), Janni Serra (Holsten Kiel/Arminia Bielefeld) oder Chris Führich (SC Paderborn/VfB Stuttgart). Und was bedeutet das unterm Strich? „Ich glaube, die Fleißigen haben für sich einen positiven Nutzen aus der schwierigen Zeit ziehen können“, resümiert Addo.

Dortmunder U17 und U19 startet am Wochenende in den NRW-Pokal

Spielpraxis können die beiden ältesten BVB-Juniorenteams schon bald wieder unter Wettkampfbedingungen sammeln: Am Wochenende beginnt der NRW-Ligapokal. Die Dortmunder U19 tritt dabei in einer Gruppe mit Preußen Münster, Bayer 04 Leverkusen und Alemannia Aachen an. Los geht es für die BVB-U19 am Samstag (7. August) um 12 Uhr gegen Münster am Trainingszentrum in Brackel. Insgesamt kämpfen 16 Nachwuchsteams in vier Gruppen um den Ligapokal.

Einen Tag später startet auch die schwarzgelbe U17 in den NRW-Pokal. Am Sonntag (8. August) empfangen die BVB-Junioren um 11 Uhr in Brackel den SV Lippstadt. Die anderen beiden Gruppengegner sind der 1.F C Köln und Rot-Weiss Essen. Auch hier treten insgesamt 16 Teams in vier Gruppen an.

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Gebürtiger Dortmunder mit viel Liebe für den großen und kleinen Sport: Hauptsache, es rollt, tickt oder geht ordentlich vorwärts. Ob im Fernsehen, am Spielfeldrand oder selbst mit Ball und Rad unterwegs. Seit 2014 für Lensing Media im Einsatz, erst in Freier Mitarbeit, nun als Volontär.
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