Abdou Diallo: In Dortmund regiert hinten Frankreich

hzExklusives Interview

Das brisante Derby gegen Schalke steht an? Nichts, was Abdou Diallo aus der Ruhe bringen könnte. Der französische BVB-Verteidiger geht ebenso gelassen wie fokussiert in das Duell.

Dortmund

, 07.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Abdou Diallo absolviert dieses Interview, so wie er in Dortmund zumeist Fußball spielt. Souverän. Konzentriert. Unaufgeregt. Ganz so, als bewege er sich schon zehn lehrreiche Jahre lang in diesem mitunter verrückten Profigeschäft. Diallo aber ist erst 22. Er kann noch viel besser werden, noch eine Menge lernen.

Im Interview spricht Diallo über Lucien Favre, die Amtssprache der BVB-Verteidigung und Titel-Hoffnungen.



Trainiert ein Zauberer den BVB?

Ein Zauberer nicht, aber Lucien Favre ist ohne Zweifel ein super Trainer mit einer Menge Erfahrung. Und er ist, wie man sieht, sehr gut für uns.



Aber wenn es keine Zauberei ist, dass alles funktioniert, dass Joker Tore schießen, die Abwehr stabil steht, Bayern abgehängt wird, Rückstände in Siege gedreht werden – was ist dann das Geheimnis des BVB?

Ganz einfach. Es steckt sehr viel Arbeit im derzeitigen Erfolg. Lucien Favre fordert sehr viel von uns, arbeitet sehr detailliert mit der Mannschaft, mit jedem einzelnen Spieler. Er will uns immer weiter verbessern. In jedem Training.

Abdou Diallo: In Dortmund regiert hinten Frankreich

Abdou Diallo war Wunschspieler von Lucien Favre. Der Franzose ist in der Abwehrkette der Borussia vielseitig einsetzbar. © imago

Auch für Sie persönlich geht Favres Rezept bislang auf. Sind Sie manchmal selbst überrascht, wie gut es läuft?

Ich komme immer motiviert zum Training, zu jedem Spiel. Ich bin bereit, hart an mir zu arbeiten. Und ich habe hohe Ansprüche an mich selbst, an meine Leistung. Bevor ich in Dortmund unterschrieben habe, habe ich lange mit dem Trainer darüber gesprochen, was mich hier erwartet. Es passt gerade optimal.



Auf der USA-Reise vor dem Saisonstart im Sommer, da haben Sie uns schon gesagt: Warum sollen wir nicht um Platz eins spielen?

Und Sie haben mich damals, als ich das gesagt habe, so angeguckt, als ob ich verrückt wäre.



Woher wussten Sie schon im Sommer, dass es beim BVB so gut laufen würde?

Ich habe daran geglaubt, weil ich gesehen habe, wie viel Qualität unsere Mannschaft hat und welch guten Trainer wir haben. Wir wissen, was wir können. Aber wir müssen uns weiter entwickeln. Denn diese Saison hält noch sehr viele Spiele bereit, die uns fordern werden.



Viele Experten glauben, dass die Schwächephase des BVB noch kommt, weil die junge Mannschaft dieses hohe Niveau nicht halten können wird.

Wir haben einige junge Spieler, ja. Aber in unserem Kader steckt auch viel Erfahrung, es sind vier, fünf Spieler dabei, die die Jungen führen können. Und, wie gesagt, unser Trainer ist eine große Nummer. Entscheidend ist, dass jeder in unserem Kader weiter diesen riesigen Erfolgshunger hat, dann ist es schwer, uns zu schlagen. Hoffentlich gelingt es uns zu zeigen, dass die Skeptiker Unrecht haben.



Wie zufrieden stimmt Sie Ihre persönliche Bilanz bis zum heutigen Tag in Dortmund?

Ich bin sehr glücklich mit meiner Situation. Borussia Dortmund hat eine weltweite Strahlkraft, ist eine Institution, viel mehr als ein normaler Fußballverein. Für mich ist das beeindruckend. In meiner Karriere fühle ich mich gerade genau auf der richtigen Stufe zu diesem Zeitpunkt. Nach Mainz ist Dortmund ein Riesenschritt für mich, aber hier reizt mich eine große Hoffnung: mittelfristig die Chance zu haben, Titel zu gewinnen.

Sie sind erst 22 Jahre jung, aber wer Ihnen auf dem Fußballplatz zuschaut, sieht Ruhe am Ball, Übersicht, keinerlei Hektik. Wie bei einem Routinier. Von wem haben Sie diese guten Nerven geerbt?

Zum großen Teil verdanke ich das der Erziehung durch meine Mutter. Sie hat mir beigebracht, in allen Lebenslagen ruhig und besonnen zu bleiben, bodenständig. Und ich habe eine eigene Familie, auch im Privatleben ist mir diese Klarheit sehr wichtig.



Warum zieht es derzeit so viele junge Franzosen in die Bundesliga?

Zum großen Teil ist es der Erfolg, der sich herumspricht, wenn sich ein Talent hier in Deutschland positiv entwickeln kann. Aubameyang und Dembele, die es bei Borussia Dortmund geschafft haben, sind die besten Beispiele. Das macht die Bundesliga in Frankreich interessant.



Gilt in der BVB-Abwehr eigentlich Französisch als Amtssprache? Sie sind Franzose, Dan-Axel Zagadou auch, Manuel Akanji spricht Französisch, Raphael Guerreiro ebenfalls.

Unser Torhüter Roman Bürki spricht auch Französisch, Ömer Toprak versteht es auch. Axel Witsel nicht zu vergessen. Wir verständigen uns in vielen Sprachen, ein paar Brocken Englisch oder Deutsch. (Lacht) Aber, ja, man kann schon sagen: In Dortmund regiert hinten Frankreich.

Abdou Diallo: In Dortmund regiert hinten Frankreich

Gemeinsam mit Manuel Akanji (v.l.) und Dan-Axel Zagadou bildet Abdou Diallo in der BVB-Defensive einen französischsprachigen Abwehrriegel. © imago

Wie weit sind Ihre Deutschkenntnisse voran gekommen?

Ich übe so oft es geht. (lächelt und sagt auf Deutsch:) Ich spreche ein bisschen Deutsch, es wird besser, peu a peu.

Kennen Sie den Begriff Revierderby schon?

Das Wort Derby kenne ich natürlich, aber was ist Revier?



Dortmund gegen Schalke.

Ah, in Frankreich nennen wir dieses Spiel Derby de la Ruhr. Oder scherzhaft: Das Spiel gegen die Bande aus Gelsenkirchen. (Lacht)



Wird das Derby für Sie ein besonderes Spiel?

Jeder Mensch in Dortmund redet über dieses Derby, jeder fiebert auf dieses Spiel hin, das haben wir schon auf der Fanclub-Weihnachtsfeier zu Beginn der Woche gespürt. Es wird eine tolle Atmosphäre sein am Samstag. Daran teilzunehmen, wird sehr speziell. Ich will unbedingt dabei sein. Das sind doch die besten Spiele, die es gibt.



Die jüngsten fünf Derbys hat der BVB nicht gewonnen.

Fünf Spiele ist eine lange Zeit. Zu lang für den BVB. Wir werden alles geben, um diese schlechte Serie zu durchbrechen. Das Wichtigste ist aber, den Fans zu zeigen, dass wir uns mit 100 Prozent reinhängen in diese 90 Minuten auf Schalke. Wenn es am Ende dann vielleicht nur für einen Punkt reichen sollte – ok. Aber wenn wir alles geben, bekommen wir in jedem Fall die Anerkennung unserer Fans.

Abdou Diallo: In Dortmund regiert hinten Frankreich

Die RN-Redakteure Dirk Krampe (l.) und Sascha Klaverkamp (r.) trafen Abdou Diallo auf dem BVB-Trainingsgelände in Brackel zum Interview. Weil es bei Diallo mit der deutschen Sprache noch nicht so richtig klappt, übersetzte Dolmetscher Mohamed Arfaoui. © Groeger

Sie waren sehr gut in Mathematik in der Schule. Was bedeuten 19 Punkte Vorsprung auf Schalke für das Spiel?

Ein Derby muss man unabhängig vom Tabellenstand betrachten. Der Vorsprung freut uns, klar, aber er spielt am Samstag keine Rolle. Auf dem Platz müssen wir wie ein Favorit auftreten, engagiert, konzentriert, dann erst können wir das Ergebnis erzielen, das wir uns wünschen.



Dem BVB wird auf Schalke eine Anti-Stimmung entgegenschlagen. Was erwarten Sie?

Ich erwarte nicht, dass sie uns den roten Teppich auf Schalke ausrollen, das werden unsere Fans auch nicht, wenn Schalke nächstes Jahr zu uns nach Dortmund kommt. Aber wir werden gut vorbereitet sein. Und das Ziel heißt, dort zu gewinnen. Diese Schlagzeile wollen wir nach dem Spiel lesen.



Wie besteht man auf Schalke?

Wir müssen uns auf unser Spiel fokussieren. Unseren Fußball müssen wir Schalke aufzwingen. Dann werden wir dazu in der Lage sein, endlich mal wieder ein Derbysieger zu sein.



Sollte das gelingen: Trauen Sie sich dann, von der Meisterschaft zu reden?

Über den Meistertitel wird das Spiel gegen Schalke nicht entscheiden. Es wären drei weitere wichtige Punkte auf unserem Konto. Stabilität über einen langen Zeitraum ist entscheidend, wenn man Titel holen will. Und eine gute Leistung gegen die großen Teams, die mit um diese Titel kämpfen.



Wie oft telefonieren Sie mit Didier Deschamps (Frankreichs Nationaltrainer; Anm. d. Red.)?

Noch hat er mich nicht angerufen, er kann es gerne probieren. (Lacht) Ich weiß gar nicht, ob er meine Nummer hat. Aber falls er sich meldet, bin ich bereit.



Es wäre Ihr nächster Schritt, schließlich sind Sie bereits Kapitän der U21 Frankreichs und überzeugen in Dortmund.

Ja, das hoffe ich sehr, dass ich diesen nächsten Schritt gehen kann. Es ist der Traum eines jeden Fußballers, dass er sein Land vertreten darf. Vielleicht gebt ihr Deschamps meine Nummer? (Lacht) Wenn ich die Chance bekomme, würde ich alles tun, sie zu nutzen.

Lesen Sie jetzt

Halterner Zeitung Borussia Dortmund

Abdou Diallo hat in Mainz einen bleibenden Eindruck hinterlassen

Abdou Diallo kehrt heute nach Mainz zurück. Der Franzose hat vor seinem Wechsel zum BVB nur ein Jahr für die 05er gespielt - und trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Von Tobias Jöhren

Lesen Sie jetzt