Die Daten zum Dauerhoch: Wie der BVB von der Dreierkette profitiert

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Längst ist die Dreierkette bei Borussia Dortmund der Standard. Seit der Umstellung im Herbst kassierte der BVB nur halb so viele Gegentore. Verblüffend sind auch andere Zahlen.

Dortmund

, 22.05.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Not macht erfinderisch, sagt der Volksmund. Wenn zur Not noch gewaltiger Leistungsdruck hinzukommt, wird die Lage kritisch. Borussia Dortmunds Trainer Lucien Favre sah sich Ende November einer extremen Drucksituation ausgesetzt.

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Sein BVB hatte gerade beim FC Bayern München eine 0:4-Klatsche kassiert und war vor eigenem Publikum 45 Minuten lang vom Aufsteiger SC Paderborn im eigenen Stadion vorgeführt worden.

BVB-Trainer Lucien Favre vollzieht eine Kehrtwende

Dass die Partie nach 0:3 noch 3:3 endete und sich viele Spieler für Favre aussprachen, hielt den Trainer im Sattel. Favre blieb im Amt, aber auch in der Bredouille: Borussia Dortmund rangierte nur auf Ligarang sechs und hatte von zwölf Partien lediglich fünf gewonnen. Zu wenig. Änderungen mussten her.

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Schließlich vollzog Favre, dem Vernehmen nach vehement beraten von verschiedenen Stellen, eine Kehrtwende. Er stellte sein taktisches Grundsystem um, legte die geliebte Viererkette („Alle großen Vereine spielen mit Viererkette.“) in die Schublade und installierte ein System mit drei Innenverteidigern. Das war der dringend notwendige Schritt, um aus dem Tiefpunkt der Saison herauszukommen.

Dreierkette gilt seither das Wohlfühl-System des BVB

Die Taktik auf dem Rasen spielte dabei eine Rolle, der Kopf der Spieler eine andere. Denn viel mehr als die systematische Herangehensweise kam den BVB-Spielern zugute, dass sie sich sicherer wähnen mit einer zusätzlichen Absicherung in der Defensive. Die Dreierkette gilt seither das Wohlfühl-System der Borussen, Favre hat sie immer angewendet - mit einer Ausnahme, beim Auswärtsspiel in Leverkusen. Es endete 3:4 aus BVB-Sicht.

Die BVB-Statistik spricht eine klare Sprache.

Die BVB-Statistik spricht eine klare Sprache. © Klose

Seine Mannschaft habe „zu viele unnötige Gegentore kassiert“, etwa durch Stellungsfehler oder fehlerhafte Antizipation. „Es ist nicht möglich, immer drei Tore selbst schießen zu müssen, um zu gewinnen“, sagte Favre. Bei der Hälfte der Bundesliga-Spiele in dieser Saison kam die Dreierkette zum Einsatz, in den anderen 13 Partien die Viererkette. Der Zahlen-Vergleich verblüfft mit seiner Eindeutigkeit.

BVB gewinnt elf von 13 Spielen mit der Dreierkette

Borussia Dortmund kassierte in der Bundesliga in dieser Saison mit einer Dreierkette nur halb so viele Gegentore (elf statt 22). Einen massiven Unterschied macht auch die Tor- und Punktausbeute. Statt 2,2 Toren erzielt der BVB 3,3 Treffer, ebenfalls eine gewaltige Verbesserung.

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Und das führt zwangsläufig zu mehr Punkten: 1,5 Zähler pro Partie waren es in den 13 Spielen mit Viererkette, in den anderen Spielen 2,6 Zähler. Ein Tor mehr geschossen, ein halbes weniger kassiert, einen Punkt mehr eingefahren: Von den 13 Spielen mit Dreierkette gewann der BVB elf, hinzu kommen ein 1:2 in Hoffenheim und ein 3:3 gegen RB Leipzig.


Weitere Daten, die die positive BVB-Enwticklung aufzeigen:

  • In den Spielen mit Dreierkette hatte der BVB ungefähr die gleiche Anzahl an Torabschlüssen wie in denen mit Viererkette. Auch das Verhältnis zwischen Torschüssen im Strafraum und Weitschüssen war in etwa gleich. Allerdings hatte Dortmund mit Dreierkette deutlich mehr Großchancen (32:22).
  • Defensiv ließ der BVB mit der Dreierkette wesentlich weniger Abschlüsse zu, besonders im eigenen Strafraum (Dreierkette: 61, Viererkette: 103). Mit einer Dreikette war der BVB dominanter und spielte auch mehr und präzisere Pässe (8613:7640). Mit Dreierkette verlagert sich das Spiel weg von den Flügeln, mehr ins Zentrum. Das kommt den Stärken der meisten BVB-Kaderspieler entgegen.
  • Eine gedankliche Spielerei: Hätten die Dortmunder die gesamte Saison (so erfolgreich) mit Dreierkette gespielt, läge der BVB aktuell mit 68 Punkten klar auf Meisterkurs, zehn Zähler vor den Bayern. Doch das ist Theorie. Eine faktische Folge der signifikant besseren Ausbeute ist jedoch der Sprung in der Tabelle. Von Platz sechs Ende November ging es konstant weiter nach oben, inzwischen auf Rang zwei mit dem FC Bayern in Reichweite. Noch krasser wirkt der Vergleich mit RB Leipzig. Die sieben Punkte Rückstand zum Beginn der Rückrunde hat der BVB in drei Punkte Vorsprung umgedreht.
  • Den anhaltenden Aufschwung allein an der systematischen Formation festzumachen, greift zu kurz. Dass sich viele Spieler sicherer fühlen, wie etwa die beiden aufblühenden Außenbahnspieler Achraf Hakimi und Raphael Guerreiro oder ein Lukasz Piszczek als rechtes Glied der Dreierkette, lässt sich nicht von der Hand weisen. Ihr 3-4-2-1 jedenfalls füllt die Mannschaft mit sehr großer Qualität aus.
  • Die zusätzliche defensive Absicherung führt direkt zu mehr Stabilität, mehr Toren und mehr Punkten, die Borussen spielen aggressiver, konzentrierter, zielstrebiger, kontrollierter und zugleich unberechenbarer. Borussia Dortmund wehrt sich auf dem Platz, spielt energischer und, nicht zuletzt durch die vielen Erfolge, mit mehr Selbstvertrauen. Es herrsche „ein anderer Spirit“ in der Truppe, umschrieb das Abwehrchef Mats Hummels nach dem 2:1-Sieg in Mönchengladbach Anfang März.


Obwohl der Überraschungseffekt lange passé ist, finden die Gegner keine Gegenmittel. Favre und seinen Borussen soll es recht sein. Eine Notsituation wie zuletzt im Herbst ist nicht in Sicht.

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