Jonathan David – ein Stürmer für Borussia Dortmund?

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Der Transfermarkt ist gerade sehr ruhig, vor der Corona-Krise ist aber Jonathan David in den Fokus des BVB gerückt. Ein genauer Blick lohnt sich.

Dortmund

, 29.03.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Jonathan David steht seit 2018 im BVB-Fokus – Der Torjäger will in die Bundesliga

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Dortmund. Vom Feierabend-Fußballer in Ottawa in die Notizbücher der großen Klubs in Europa: Jonathan David (20) schießt Tore am Fließband und hinterlässt Eindruck. Der BVB kennt den Kanadier von KAA Gent schon lange.

Geduld war gefragt. Den ganzen Nachmittag musste Jonathan David warten. Er war ja erst 16 Jahre alt, und bis die Mannschaftskameraden nach getaner Arbeit endlich müde am Fußballplatz eintrafen, dämmerte bereits der Abend. Freizeitkicker, eine Amateurmannschaft im besten Sinne; beim Ottawa International Soccer Club käme selbst von den allgegenwärtigen Scouts der europäischen Großklubs keiner vorbei.

Jonathan David suchte seine Chance in Europa

Kanada, das ist Fußball-Diaspora. Wer hier von der Champions League spricht, meint Live-Übertragungen oder Highlights im Fernsehen und nicht etwa die eigenen Karriereziele. Jonathan David, noch Schüler, wollte jedoch nicht länger warten. Stürmer brauchen Geduld – aber Talente suchen ihre Chance.

Um in Europa einen Fuß auf die Erde zu bekommen, meldete er sich mit 17 Jahren zum Vorspielen. Bei RB Salzburg nickten sie gefällig, ein Angebot blieb aber aus. Der VfB Stuttgart soll schwer beeindruckt gewesen sein, doch der schwäbische Chaosklub kreiste um seine internen Schwierigkeiten.

Bei KAA Gent, einem Klub mit einem gewissen Renommee als Sprungbrett, ging Davids Werbetour in eigener Sache weiter, und die Belgier schlugen ein. Im Januar 2018, als er als gerade 18-Jähriger auch formaljuristisch einen Vertrag unterschreiben durfte, wurde aus dem kanadischen Feierabend-Fußballer ein europäischer Profi.

David gelingt Einstand nach Maß in Belgien

Ein halbes Jahr Eingewöhnungszeit nutzte David in der Nachwuchsmannschaft, um sich zu akklimatisieren. Mit achtzehneinhalb Jahren rückte er in die Profimannschaft auf, gleich bei seinem Debüt in der Jupiler League traf er als Joker, beim zweiten Kurzeinsatz sogar gleich doppelt. Ein Einstand nach Maß, das ließ aufhorchen. Dem Vernehmen nach wurden damals schon die Scouts von Borussia Dortmund aufmerksam.

Sie blieben nicht die einzigen. Je mehr Späher auf Jonathan David aufmerksam wurden, desto mehr bekamen sie zu sehen. Im Frühjahr 2019 gehörte der Angreifer endgültig zum Stammpersonal in Gent, mit Beginn dieser Saison hat er sich als Leistungsträger etabliert. Ganz Belgien schaut auf David, der sowohl die Torschützen- als auch die Scorerliste der zwölffache kanadische Nationalspieler anführt. 18 Tore und acht Vorlagen in 27 Spielen in der ersten belgischen Liga, dazu fünf Treffer und zwei Assists in der Europa League, diese Spielzeit kann man getrost als Durchbruch werten für den gerade 20 Jahre alt gewordenen David.

Jonathan David zum BVB? Berater sieht ihn in der Bundesliga – und mehr

„Jonathan spielt ja, realistisch betrachtet, gerade seine erste volle Saison als Profi. Seine Entwicklungssprünge sind enorm“, sagt Nick Mavromaris, der David als Berater begleitet, im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten. Diese ungewöhnlichen Leistungssteigerungen erklärt er unter anderem mit der neuen Qualität im Training und in den Spielen, dem höheren Niveau bei den Mitspielern und der professionellen Betreuung. Er ist sich sicher: „Es gibt wenige bessere 20-Jährige in Europa. Er ist ein super Fußballer, ein Spieler für die besten fünf Klubs in Europa.“ Als Berater muss man das wohl so sagen.

Wer sich Davids Aktionsradius und Stärken auf dem Rasen anschaut, sieht einen überaus flexiblen Offensivspieler. In Gent fühlt er sich als Mittelstürmer wohl, aber auch als Halbstürmer oder aus der Tiefe kommend im offensiven Mittelfeld. Wenn er wählen darf, sieht er sich „am liebsten als Stürmer“, sagt er, und dann sei es einerlei, ob er als einzige Spitze, in einem Zweiersturm oder als „Neuneinhalber“ aufliefe. Eingrenzen will er seinen Spielraum nicht.

Jonathan David bringt viele Stärken mit

Wozu auch, denn zu seinen besonderen Fähigkeiten gehört sein Gefühl für den Raum: David sucht und findet die Einsatzschwerpunkte zwischen den gegnerischen Verteidigungslinien. Als Torjäger wählt er im Strafraum instinktiv die richtigen Laufwege, für sein Alter bringt er an Robustheit mehr mit, als man erwarten kann. Dynamik, Abschluss mit beiden Füßen, kein Larifari und konzentriertes Arbeiten auf dem Feld: Wer es nicht besser weiß, wird verneinen, dass dieses Juwel noch vor etwas mehr als zwei Jahren ein Feierabendfußballer war. Als Persönlichkeit bewahre David immer die Contenance, auf und neben dem Platz, heißt es.

Diese rasanten Fortschritte, seine starke Trefferquote und seine Flexibilität machen ihn für größere Klubs als den Tabellenzweiten der belgischen Liga attraktiv. Mehr noch wird sein außergewöhnlicher Hintergrund diskutiert: Wenn Jonathan David in zwei Jahren von einem lupenreinen Amateur zu einem der besten Nachwuchsstürmer heranreift, wo könnte er in zwei oder fünf weiteren Jahren stehen?

Scouts haben schon abgewunken – greift der BVB trotzdem zu?

Manche Scouts aus Deutschland haben bereits abgewunken: David fehle „das Besondere“, lautete ihr Urteil, außerdem sei er bereits zu teuer. Andere sehen noch viel mehr Potenzial, aber auch das Gedränge bei den Interessenten. Borussia Dortmund soll dazugehören, auch RB Leipzig und sogar Bayern München werden genannt. Und das sei nur die deutsche Fraktion.

„Jonathan ist jetzt bereit für den nächsten Schritt“, sagt Berater Mavromaras. „Er will in die Bundesliga.“ Offensiv stellt er seinen Klienten ins Schaufenster, obwohl der vertraglich noch bis 2023 an KAA Gent gebunden ist. Der belgische Klub träumte bereits von einer Ablöse von mehr als 25 Millionen Euro, angeblich schlug der sportliche Leiter Michel Louwagie bereits im Winter ein hohes Gebot aus. Doch das lag vor Zeiten der Coronakrise. Und die bringt selbst den bislang so schnörkellosen Aufstieg von Jonathan David durcheinander.

Transfermarkt ist durcheinander wegen Corona-Krise

Konkrete Anfragen und finanzielle Größenordnungen von vor wenigen Wochen zählen auf dem Transfermarkt jetzt nicht mehr. Kein Entscheidungsträger eines Profiklubs kann die Entwicklungen der nächsten Monate seriös vorhersagen. Nicht einmal mehr die Budgets sind fix, Einnahmen und Ausgaben kaum zu kalkulieren.

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Im notorisch hektischen Transfermarkt ist fast so etwas wie ein Stand-by-Modus eingeschaltet. Überall ruht der Ball. Geld auszugeben, damit tun sich alle Vereine schwer in diesen Tagen. 20 Millionen und mehr für einen 20-Jährigen aus der belgischen Liga? Der zwar nachgewiesen hat, dass er sich dort durchsetzen kann, für den eine Topliga jedoch ein neuer Sprung ins Ungewisse wäre? Die Sportdirektoren und Manager zögern, spielen auf Zeit. „Wir müssen erstmal abwarten“, sagt auch Mavromaras.

Jonathan David muss sich gedulden

Erst in einigen Wochen wird sich der weitere Weg für Jonathan David weisen. In welche Richtung entwickelt sich die aufgerufene Ablösesumme, welcher Verein kann und will überhaupt investieren? Welcher Klub verspricht die beste Weiterentwicklung und die meiste Spielzeit für den Spieler?

Geduld ist gefragt bei Jonathan David. Einmal mehr. Und wohin der Weg dann führt, ist völlig offen.

*In einer früheren Version dieses Artikels war aus Versehen ein falsches Foto hinterlegt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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