BVB-Coach Marco Rose gibt Marco Reus taktische Anweisungen. © imago images/camera4+
Borussia Dortmund

Knapper BVB-Sieg in Frankfurt: Muss Marco Rose taktisch umdenken?

Borussia Dortmund gewinnt nur knapp gegen Frankfurt – dank der richtigen Haltung. Es drängt sich aber die Frage nach der richtigen Taktik auf. BVB-Coach Marco Rose ist gefragt.

Auch in Frankfurt braucht es bei Borussia Dortmund eine gewaltige Kraftanstrengung, um den 0:2-Rückstand umzubiegen. Einfache Ballverluste sorgen einmal mehr für große Gefahr und werfen die Frage auf: Muss Marco Rose taktisch umdenken?

BVB-Spieler verteidigten zu halbherzig gegen Frankfurt

Ausnehmen durfte sich kaum ein Spieler des BVB von der Tatsache, dass sich Borussia Dortmund den 0:2-Pausenrückstand bei allem Engagement und spielerischer Entschlossenheit der Frankfurter Eintracht vor allem groben eigenen Fehlern zuzuschreiben hatte. Vor dem 0:1 patzten Thomas Meunier und Julian Brandt, Emre Can leistete sich ein unnötiges Foul in gefährlicher Strafraumnähe. Das Verteidigen dieser Standardsituation erfolgte eher halbherzig, angefangen bei BVB-Kapitän Marco Reus, der sich in der ersten Verteidigungslinie verschätzte und der versuchte, mit dem Fuß statt mit dem Kopf zum Ball zu kommen.

Vor dem 0:2 spielte Meunier erneut einem Gegenspieler die Kugel in die Füße. Haarsträubende Ballverluste von Mahmoud Dahoud (34./47.) ebneten Frankfurts Lindström den Weg zu zwei weiteren Großchancen, auch der Pfosten (Ndicka/29.) stand Borussia Dortmund in dieser wilden Phase bei. Ehe die Aufholjagd begann, drohten einer im Spielaufbau anfälligen und defensiv konfusen Borussia früh die Felle davon zu schwimmen.

Borussia Dortmund kassiert zu viele Gegentore

Schon zum neunten Mal, statistisch also in jedem zweiten Spiel, kassierte der BVB in der Bundesliga zwei oder mehr Gegentore. Die zwei in Frankfurt stockten das Konto auf schon 28 Treffer für die Gegner auf. Elf dieser 28 Tore fielen als direkte Folge von Dortmunder Ballverlusten im Spielaufbau.

Das Vorhaben, in der Rückrunde stabiler zu stehen und das eigene Tor entschlossener zu verteidigen, ging in Frankfurt nach eigentlich gutem Dortmunder Beginn erst in der dramatischen Schlussphase auf. Und wieder reichte der erste Gegentreffer als Auslöser für immer größer werdende Unruhe im eigenen Spiel. Auch nicht zum ersten Mal war Trainer Marco Rose in der Halbzeit als Psychologe gefragt und später gezwungen, die taktische Formation zu verändern.

Großes Verletzungspech: Borussia Dortmund kann nicht eingespielt sein

Die unübersehbaren Lücken im eigenen Abwehrverbund und Probleme beim Umschaltspiel nach eigenem Ballverlust sind ein Thema, das Rose aus der Hinrunde mit ins neue Jahr nimmt. Das große und fortwährende Verletzungspech war einer der naheliegenden Erklärungsansätze. Wer fast an jedem Spieltag in deutlich veränderter Besetzung antreten muss, kann nicht eingespielt sein. Damit ließen sich etliche für ein spielstarkes Team wie das der Borussia eigentlich unerklärliche Fehler begründen.

Auffällig bleibt, dass der BVB nach Ballverlusten beständig Probleme hat, Zugriff auf die Gegner zu bekommen. Lücken gibt es dann sowohl auf beiden Flügeln, wo die Außenspieler der Viererkette sehr hoch agieren. Kostic auf Meuniers Seite und Lindström auf der von Raphael Guerreiro sorgten immer wieder für Gefahr, weil sie permanent das Eins-gegen-Eins suchten. Auch durch die Mitte, wo Dahoud trotz eines immensen Laufpensums von 12,66 Kilometern die Löcher allein nicht gestopft bekam, brannte es. Im 4-3-3 mit Julian Brandt und Jude Bellingham als sehr offensiv denkenden Achtern fand Frankfurt jede Menge freien Raum.

BVB-Coach Marco Rose geht ein Risiko im Mittelfeld ein

Rose hat im bisherigen Verlauf diverse taktische Systeme ausprobiert. Darunter auch eine Dreierkette mit kompaktem Mittelfeld davor, das 4-4-2 mit Raute, oder wie am Samstag das 4-3-3. Dass in dieser Ausrichtung der alleinige Sechser viel Laufarbeit verrichten muss, um entstandene Löcher zuzulaufen, ist ein Risiko, das Rose eingeht – weil er auf Bellinghams Entschlossenheit und Kreativität im Ballvortrag nicht verzichten will.

Doch die Frage, die sich der Dortmunder Trainer stellen wird, lautet: Kann es sinnvoller sein, Bellingham als zweikampf- und defensivstarken Sechser neben Dahoud aufzubieten, um mehr Breite in die erste Verteidigungslinie vor der Kette zu bekommen? Unbestritten ist, dass sich der BVB in einem 4-2-3-1 sehr wohl fühlt. Man bekommt mehr Präsenz in der Mitte, beide Sechser hätten weniger Raum zu überbrücken, um zur Unterstützung der offensiven Außen der Viererkette auf die Seiten zu rücken. Dieses System ist erprobt, die Mannschaft fühlt sich in ihm wohl.

BVB-Kapitän Marco Reus fühlt sich auf der Seite nicht wohl

Und es hätte einen weiteren Vorteil: Es ist keine neue Erkenntnis, dass Marco Reus in einem 4-3-3 auf der ungeliebten Außenposition öfter mal über Unwohlsein klagt. Reus fühlt sich in der Zentrale am wohlsten, weil er dort seine technischen Fähigkeiten besser ausspielen kann und seltener in Eins-gegen-Eins-Situationen gezwungen wird. Das erkannte schon Rose-Vorgänger Lucien Favre. Reus‘ Ertrag in Frankfurt bestätigt dies: Er blieb ohne Torvorbereitung und eigenen Torschuss.

Mit deutlich mehr zur Verfügung stehendem Personal als über weite Strecken der Hinrunde kann Rose jetzt endlich auch an der perfekten taktischen Ausrichtung feilen. Die eigenen Schotten dicht zu bekommen, steht dabei in der Dringlichkeit über allem Wunsch nach Glanz- und Gloria-Fußball. Denn dass es sehr schwierig und kraftraubend ist, immer wieder Rückständen hinterherzulaufen, dafür hat die bisherige Saison Beweise genug geliefert.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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