Kopfsache Profifußball: Wie der BVB sich mental fit macht

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Fußball ist auch Kopfsache: Mentale Stärke kann den Unterschied ausmachen. Vieles kann Druck auslösen, doch Vorbereitung hilft – auch bei Borussia Dortmund.

Dortmund

, 27.10.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ausschließlich Männer geben den Ton an. Es herrschen Tabus. Vorurteile halten sich ewig. Intern herrscht ein großer Konkurrenzkampf, von extern kommt extremer Druck durch die Öffentlichkeit und die Gegner hinzu. Im Profifußball Schwäche zu zeigen, sich zu outen oder Selbstzweifel zu äußern, kann die Karriere kosten. Oder zumindest den Stammplatz. Es zählt nur die Leistung, im Guten wie im Schlechten. Das nagt an den Spielern. „Jeder macht sich Gedanken, auch der Härteste“, sagt Mahmoud Dahoud (24) vom BVB.

Nicht nur bei Borussia Dortmund: Profifußball ist Kopfsache

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Die Beine, der Rumpf und die Arme – für die Optik – werden täglich trainiert. „Der wichtigste Muskel“, sagt Psychologe Dr. Philipp Laux und tippt sich an die Stirn, „der sitzt da oben.“ In der neuen Folge der DAZN-Dokumentation über Borussia Dortmund lässt der BVB tief blicken. Dorthin, wo sonst Schutzmechanismen der Spieler und das Gebot der Vertraulichkeit bei den Betreuern jeden Einblick verwehren. Kopfsache Profifußball.

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Laux arbeitet seit mehr als zehn Jahren im mentalen Bereich mit den Kickern der Liga. Er weiß: „Man vergisst manchmal, dass die Jungs auch Menschen sind – mit Leib und Seele, mit Herz – nicht die Coolen, die sagen: ‚Mir ist egal, was um mich herum passiert, ich rufe immer meine Leistung ab.‘“

Psychologe Dr. Philipp Laux hilft den BVB-Profis

„Leistung“, sagt der Ex-Profi, der mit dem BVB 2002 Deutscher Meister geworden ist und seit dem Frühsommer wieder für seine „Herzensangelegenheit“ Borussia Dortmund tätig ist, „das ist Potenzial minus Störfaktoren.“

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Leistungshemmer könnten private Probleme und Sorgen sein, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, ein geringes Selbstbewusstsein oder schlicht Angst um die Zukunft. Wenn Fußballer gerne davon sprechen, das Vertrauen des Trainers zu spüren oder zu vermissen, geht es oft darum, auch Fehler machen zu dürfen, ohne gleich ausgewechselt oder angeschrien zu werden. Laux spricht von einer „radikalen Akzeptanz, dass Fehler zu diesem Business gehören. Es ist nur die Frage, wie will ich mit diesen Fehlern umgehen. Das ist Psychologie.“

BVB-Profis müssen auch mit Rückschlägen umgehen können

Über seinen Mannschaftskollegen Dahoud, trotz fantastischer Anlagen unter verschiedenen Trainern selten erste Wahl, sagte Julian Brandt kürzlich: „Es gibt viele, auch Dortmund-Anhänger, die ihn als wild bezeichnen. Ich glaube, dass die letzten Jahre auch für ihn nicht einfach waren, wenn du so zwischen den Seilen hängst, und nicht weißt, wo du stehst.“

Diese Potenziale freizulegen und Sportler-Persönlichkeiten zu entwickeln, die auch mit Rückschlägen umgehen und Widerstände überwinden können, dafür hat der BVB Laux engagiert, der in fachlicher Sicht viel von seinem Mentor und Freund Hans-Dieter Hermann, dem Sportpsychologen der Nationalmannschaft, gelernt hat.

BVB-Psychologe Laux war selbst Fußballprofi

Laux bringe „neben seiner akademischen Ausbildung eine langjährige Erfahrung als Fußballprofi“ mit, erklärte Sebastian Kehl, Chef der Lizenzspielerabteilung beim BVB. „Er wird uns unter anderem im Persönlichkeitsmanagement, im mentalen Coaching und in der interdisziplinären Zusammenarbeit mit anderen Experten unterstützen.“

Die individuelle Weiterentwicklung funktioniert logischerweise nicht mit Handauflegen, das benötigt Gespräche, Einfühlungsvermögen, Zeit. Konkrete Hilfen für Denken und Handeln kann man allerdings auch kurzfristig anwenden, sich auf spezielle Spielsituationen vorbereiten.

BVB-Spieler werden auf Drucksituationen vorbereitet

Wie reagieren Spieler wie Brandt oder Dahoud, wenn einer ihrer Risikopässe nicht ankommt, wenn sie die falsche Entscheidung getroffen haben, und die ganze Mannschaft den Ball zurückerobern und neu aufbauen muss? Verlässt sie der Mut, beginnen die Füße zu zittern? „Es lockt mich, auf dem Platz Dinge zu machen, bei denen andere den sicheren Weg nehmen würden. Das mag ich nicht“, sagt Brandt. Mit der Konsequenz, Beifall oder Kopfschütteln, ob mit oder ohne Zuschauer, muss er dann unmittelbar umgehen. Aber er kann sich darauf vorbereiten – und auf dem Platz die richtige Antwort geben.

  • Im Mai hat Borussia Dortmund Dr. Philipp Laux (47) als Sportpsychologen verpflichtet.
  • Nach seiner aktiven Karriere als Torhüter (u.a. SSV Ulm, Borussia Dortmund), die wegen eines Knorpelschadens im Knie vorzeitig endete, studierte er Psychologie und arbeitete für den DFB, den VfB Stuttgart, Bayern München und RB Leipzig.
  • Seit 2018 war Laux selbstständig als Referent gefragt, ehe er dem BVB zusagte.
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