Lucien Favre und der BVB: Es bleibt schwierig

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Lucien Favre gerät trotz des Derbysiegs in Erklärungsnot. Die Zweifel begleiten den BVB-Trainer, er selbst liefert oft genug Munition dafür. Der gute Saisonstart geht fast komplett unter.

Dortmund

, 26.10.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vom Vize-Kapitän bekam Lucien Favre nach dem hoch verdienten Erfolg im Revierderby verbale Rückendeckung. „Wir“, meinte Mats Hummels und sprach damit also für die Mannschaft, „würden gern mit ihm weitermachen.“ Auch Julian Brandts Statement ging in diese Richtung. Es funktioniere doch mit Favre, meinte er. „Ich glaube, wir werden mit dem Trainer einen guten Weg gehen.“

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Lucien Favre muss beim BVB mit der Trainerdiskussion leben

Brandt und Hummels antworteten auf eine Frage nach der noch offenen Vertragsverlängerung mit Favre, dessen aktueller Kontrakt nach der Saison endet. Und es war indirekt auch eine Replik auf die Diskussionen, die nach dem 1:3 in Rom wieder aufgeflammt waren und mit denen Favre seit gut zwei Jahren in regelmäßig wiederkehrenden Phasen leben muss.

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Trotz eines überzeugenden Auftritts seiner Mannschaft sah sich der Trainer wieder einmal in Erklärungsnot. Das Torwart-Thema verfolgte Favre weiter. Das nervte, obwohl er es selbst aufgeworfen hatte durch wenig schlüssige Begründungen für die Rochade in Hoffenheim und Rom. Dort hatte seine Nummer eins, Roman Bürki, einsatzfähig nur auf der Bank gesessen.

BVB-Coach Favre und Sportdirektor Zorc widersprechen sich

Sportdirektor Michael Zorc hatte Bürki vor der Partie demonstrativ zur klaren Nummer eins erklärt, auch wenn er darauf verwies, „dass der Trainer die letzte Entscheidung hat.“ Gegen Schalke war Bürki dann ins Tor zurückgekehrt, eine Festlegung auf ihn für die kommenden Spiele aber vermied Favre erneut. Es wäre ein Leichtes gewesen, dieses Thema mit einem klaren Bekenntnis zu beenden. Doch Favre tat eher das Gegenteil: Er rief ziemlich unverblümt ein offenes Rennen aus, als er bei „Sky“ meinte: „Es gibt überall Konkurrenz. Sie haben Konkurrenz, ich habe Konkurrenz.“ Als er beim ZDF erneut zu diesem Thema gefragt wurde, verlor der Schweizer kurz die Contenance. „Mit gefällt ihre Frage nicht“, blaffte er Reporterin Claudia Neumann an.

Als er nach der Niederlage gegen die Bayern im Mai eine klare Analyse für die Phase auf das Saisonende verschob, sahen darin viele die Ankündigung einer Abrechnung und das sich abzeichnende Ende seiner BVB-Zeit. Am Tag danach musste er über die Vereinsmedien versuchen, die Aufregung wieder einzufangen. Nach der Derby-Niederlage gegen Schalke vor zwei Jahren erklärte Favre den Titelkampf für beendet. Dabei waren es damals nur zwei Zähler Rückstand auf die Bayern bei noch drei verbleibenden Partien. Auch das kam in der Chefetage nicht gut an.

Die Gründe für Favres Handeln in der Torwartfrage sind diffus. Bürki war verletzt und krank, das konnte als Begründung für die Entscheidung pro Marwin Hitz in Hoffenheim herhalten, vielleicht auch in Rom. Gegen Schalke kehrte Bürki zurück, schon darauf wollte sich Favre nicht festlegen. Eine Einsatz-Garantie für die kommenden Spiele gab er nach dem Spiel nicht. Das ist zumindest ein sehr unübliches Vorgehen, das er auch in der Vergangenheit so nicht praktizierte. Gerade im Tor ersparen sich Trainer eigentlich eine wöchentliche Diskussion darüber, wer spielt. Die Hierarchien sind normalerweise klar.

Der gute Saisonstart des BVB unter Lucien Favre geht unter

Nicht nur Favres oft kryptische Äußerungen sorgen längst für Irritationen. Die Zweifel begleiten den Trainer aus der Schweiz weiter, er selbst liefert oft genug die Munition dafür. Dass Favre den besten Saisonstart seiner Amtszeit für sich reklamieren kann, geht fast komplett unter. Wenn sich vor dem Derby Sportdirektor Zorc unmissverständlich pro Bürki äußert und der Trainer nach dem Spiel dennoch ein klares Bekenntnis vermeidet, zeugt das auch nicht davon, dass sportliche Führung und Trainer immer mit einer Stimme sprechen.

Es bleibt also schwierig. Die große Fachkenntnis des 62-Jährigen kollidiert immer wieder mit einer problematischen Außendarstellung, auch wenn es auch dafür Rückendeckung von Hummels gab, der meinte. „Wir waren hier verwöhnt von Jürgen Klopps Pressekonferenzen, das war ja wie eine Late-Night-Show. Es ist legitim, dass Lucien nicht so viel preisgeben will. Wer Unterhaltung will, muss ab 23:15 Uhr dann halt Pro Sieben einschalten.“

Nachhaltige Dissonanzen zwischen Team und Trainer sind nicht erkennbar, erst zwei Mal musste Favre mit seinem Team zwei Niederlagen in Serie schlucken. Auch diesmal gab es eine positive Antwort nach einer großen Enttäuschung.

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