Meister-Held von 1995: Bodo Schmidt im Exklusiv-Interview

hz25 Jahre Meisterschaft

Als der BVB 1995 Deutscher Meister wurde, bebte ganz Dortmund. Wir haben mit den Meister-Helden gesprochen. Der letzte Teil unserer Serie: Legende Bodo Schmidt im Interview.

Dortmund

, 13.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 7 min

Matthias Sammer turnte überall auf dem Platz herum, Julio Cesar weinte in der Kabine, und Stephane Chapuisat schwieg wie immer. Bodo Schmidt, 1995 mit dem BVB Deutscher Meister, erinnert sich.


Herr Schmidt, stimmt es, dass Sie 1991 nach dem Probetraining beim BVB wieder weggeschickt wurden?

Das stimmt nicht so ganz. Ich habe ein dreitägiges Probetraining absolviert, da war aber bereits klar, dass Horst Köppel, der das Training geleitet hat, nicht im Amt bleiben wird. Also konnte der BVB mir noch keine Zusage geben. Aber wir sind in Kontakt geblieben. Und dann habe ich auch ein wenig von der damals geltenden Ausländerregel profitiert.

Jetzt lesen

Wie das?

Der neue Trainer hieß ja Ottmar Hitzfeld, und der brachte den Stürmer Stephané Chapuisat mit. Der hat als Schweizer einen weiteren Ausländerplatz belegt, ein anderer musste weichen. Also musste der Russe Sergej Gorlukovich öfter auf der Bank oder auf der Tribüne Platz nehmen. Es wurde ein Verteidiger gesucht, und beim BVB hat man sich daran erinnert, dass ich im Probetraining unter anderem beim Co-Trainer Michael Henke keinen ganz schlechten Eindruck hinterlassen hatte. Und weil ich noch nirgendwo anders zugesagt und auf eine Chance in der Bundesliga gewartet hatte, sind der Klub und ich uns schnell einig geworden.


Wie haben Sie die Arbeit mit Ottmar Hitzfeld empfunden, der ja damals noch ein junger, wenig bekannter Trainer war?

Er ist ja ein relativ distanzierter Trainer. Sehr analytisch und kopfgesteuert. Es hat Spaß gemacht, unter ihm zu arbeiten. In Dortmund wurde ein Neustart ausgerufen, es herrschte eine Aufbruchstimmung. Wir hatten in der Mannschaft eine gute Mischung, und die Ergebnisse stimmten auch. Da entstand so eine Erfolgswelle. Da begann für mich und auch für alle anderen, die dazugehörten, eine schöne und auch erfolgreiche Zeit.


Es ging kontinuierlich aufwärts mit der Borussia.

Genau. Wir waren in der Bundesliga immer oben mit dabei und dadurch auch für den Europacup qualifiziert. 1992 standen wir kurz vor dem Titel, bis Guido Buchwald den VfB Stuttgart fünf Minuten vor Schluss doch noch zur Meisterschaft geköpft hat. Und 1993 standen wir im Endspiel um den Uefa-Cup (0:3 und 1:3 gegen Juventus Turin, d. Red.), das hat eine große Euphorie ausgelöst. Diese internationalen Spiele unter Flutlicht waren sicher Highlights, für die Spieler und auch für die Zuschauer. Da haben wir jeweils zwar den Titel verpasst, aber die Mannschaft wurde peu à peu verstärkt. So entstand eine große Dynamik.


Für Sie ging es auch kontinuierlich aufwärts. Von Bayern Münchens zweiter Mannschaft über die SpVgg Unterhaching, dann mit dem BVB um Titel mitspielen: War das der erhoffte Karrieresprung?

Für mich lief es gut, und dass Borussia Dortmund mir dieses Angebot unterbreitet hat, war sich ein Glücksfall. Ich war ein unbeschriebenes Blatt und musste mich erstmal beweisen, auch innerhalb dieses starken Kaders. Im ersten Jahr habe ich durchwachsene Einsätze gehabt, im darauf folgenden Jahr habe ich mich gegen meine Konkurrenten auf der Verteidiger-Position durchgesetzt und bin Stammspieler geworden. Auch das ist ein Prozess. Ich hatte Glück, war wenig verletzungsanfällig und habe relativ konstant gespielt. In der Saison 1994/95 gehörte ich dann zu den Spielern mit den meisten absolvierten Partien. Ich glaube, es waren 30 oder 32 von 34 Spielen.

Jetzt lesen

War das Ihre beste Saison?

Weiß ich nicht, das ist schwer zu sagen. Es war eine sehr gute Saison, und eine sehr erfolgreiche für mich und für uns als Mannschaft.


Wie haben Sie diese Mannschaft erlebt? Was hat Sie ausgezeichnet?

Wir waren eine richtig gute Truppe, das hat uns auch ausgemacht im Vergleich mit anderen Mannschaften. Es war sehr schwer, gegen uns zu bestehen. Wir hatten einen guten Teamgeist, waren geschlossen und erfolgshungrig. In der Startelf gab es dann kaum noch Wechsel, wir waren sehr eingespielt. Es funktionierte einfach gut, und die Mischung stimmte.

Jetzt lesen

Waren Michael Zorc und Matthias Sammer die Anführer?

Siegeswille war auf jeden Fall vorhanden! Und wir konnten auch Rückschläge wegstecken, viel besser, als ich das bei anderen Mannschaften vorher oder nachher erlebt habe. Bei anderen Klubs bröselte es öfter mal in schwierigen Zeiten, dann haben sich Grüppchen gebildet. Aber beim BVB gab es das nicht. Wir haben auch nach Rückständen noch gewonnen. Sammer, Zorc, das waren sicher Anführertypen. Dazu gab es die Künstler, wie Andres Möller oder Stephane Chapuisat. Und es gab die konstanten Arbeiter, zu denen ich mich zählen würde. Das war sicher ein großes Verdienst von Ottmar Hitzfeld, der diesen Kader bewusst so zusammengestellt hat.


Dortmund hatte die Tabellenführung fünf Spieltage vor Schluss an Werder Bremen abgegeben, am vorletzten Spieltag sah es beim Zwischenstand von 0:2 in Duisburg schon so aus, als sei die Messe gelesen.

An manche Details kann ich mich gar nicht mehr erinnern. In Duisburg haben wir noch das Spiel gedreht, dann hatten wir das Heimspiel gegen den HSV und Bremen müssten in München ran. Für uns galt, unseren Heimnimbus zu wahren. Und es hat funktioniert. Es war … cool!

Jetzt lesen

Was haben Sie noch vor Augen von diesem Finale?

Schwer beeindruckend waren sicher die Momente im Stadion. Der Verein und seine vielen Anhänger mussten mehr als 30 Jahre auf die Deutsche Meisterschaft warten. 1992, als wir auch kurz vor der Meisterschaft standen, hat man in Ansätzen gespürt, was Fußball in Dortmund für eine Begeisterung auslösen kann. Und 1995, das war einfach gigantisch. Als die Entscheidung klar war, brachen dann alle Dämme. Bei den Fans, aber auch bei uns in der Mannschaft. Das war einmalig, phänomenal! Wenn man im Ruhrpott Fußball erlebt hat, weiß man, was das für alle Menschen dort bedeutet.


Erinnern Sie sich noch den Platzsturm, oder den Korso?

Da sind zwei, drei Tage so an mir vorbeigerauscht, mit unendlich vielen Eindrücken. Als der Platz gestürmt wurde, mussten wir erstmal zusehen, dass wir da heile vom Feld kamen. Dann wurde ein Stück provisorisch abgesperrt, damit die Schale überreicht werden konnte. Was mir spontan einfällt: Julio Cesar, ein super Fußballer, der hatte bis zu dem Tag überhaupt noch keine Meisterschaft gewonnen, das war mir gar nicht klar. Der saß in der Kabine und weinte wie ein kleines Kind. Beim Autokorso waren unfassbar viele Menschen unterwegs. Völlig verrückt. Eine Stadt im Rausch. Besser kann ich das auch heute nicht beschreiben.


Wie würden Sie Ihre Rolle in der Mannschaft beschreiben? Der coole Norddeutsche? Oder der verlässliche Arbeiter, der sich nicht scheut, sich und anderen auch mal weh zu tun?

Wir waren relativ offensiv ausgerichtet als Mannschaft. Hinten in der Abwehrkette sollte ja Matthias Sammer spielen… Der war jedoch selten bei uns in der Abwehr sondern meistens weiter vorne unterwegs und überall zu finden. Da war es wichtig, dass wir anderen Verteidiger unsere Positionen halten mussten. Da mussten Leute stehen, die sich sehr diszipliniert an ihre Aufgaben halten. Ich war sicherlich zweikampfstark, ohne übertrieben hart zu spielen. Im Spiel nach vorne habe ich zumindest im Passspiel ordentlich abgeliefert. Ich gehörte zu den konstanten Arbeitern, was auch wichtig war, damit Spieler wie Matthias Sammer ihre Freiheiten genießen konnten.


Wer war der unangenehmste Gegenspieler?

Es gab immer sehr intensive Duelle mit Ulf Kirsten, auf angenehme Weise und mit offenem Visier. Man konnte ihn hart attackieren und er hat sich auch hart gewehrt. Aber es blieb immer fair, da gab es keine Nickligkeiten oder Hinterhältiges. Da könnte ich aber auch noch andere Stürmer nennen. Alle hatten ihre Eigenheiten und besonderen Qualitäten.


Und Stephané Chapuisat? Hat der Ihnen im Training Probleme bereitet?

Chappi war und ist ja ein ganz stiller Mensch, eigentlich. Ich hatte mit ihm einen super Kontakt, wir haben uns über fünf Jahre das Zimmer geteilt. Wir hatten ein gutes Verhältnis, ein ganz angenehmer Mitspieler – und sicher ein unangenehmer Gegenspieler. Das habe ich dann nur einmal später im Trikot des 1. FC Köln erleben müssen.


Mit wem halten Sie noch Kontakt aus der 95er-Mannschaft?

Kontakt gibt es fast gar nicht mehr. Ich wohne hier oben in Niebüll, weitab vom Schuss, und habe früh entschieden, dass ich keine Funktion oder Position im Profifußball übernehmen will. Ich bin in ein „normales“ Leben zurückgekehrt. Bei der 100-Jahr-Feier haben wir uns fast alle mal wiedergetroffen als Mannschaft. Das war ein schönes Fest, da haben wir nochmal erlebt, wie sehr uns diese alte Zeit verbindet. Ab und an habe ich noch Telefonkontakt mit Michael Meier.


Der hatte als Manager der 90er-Jahre einen wesentlichen Anteil am damaligen Erfolg.

Aus meiner Sicht absolut, und zwar bis heute! Er war der Architekt des Ganzen, auf Michael Meier lasse ich nichts kommen. Auf sein Wort war immer Verlass, ein sehr integrer und verlässlicher Mann. Für die Dinge, die dann später schiefgelaufen sind, musste er seinen Kopf mit hinhalten. Aber wir wissen ja, dass da noch andere Akteure entscheidend beteiligt waren.


Hat es Sie nie gereizt, im Fußballbusiness zu bleiben nach schönen Jahren in München, Dortmund, Köln und Magdeburg?

Das Leben im Fußball ist natürlich sehr reizvoll. Da gibt es schöne, auch gut dotierte Posten. Aber dann bleibst du immer in diesem schnelllebigen Wanderzirkus drin, musst von einer Ecke des Landes in die andere umziehen. Zu der Zeit in Magdeburg kam die erste von meinen beiden Töchtern in die Schule, da kam der Gedanke auf: Wo werden wir jetzt sesshaft? Dann war es eine bewusste Entscheidung: Das Leben als Fußballprofi war super, spannend, erlebnisreich. Aber im „normalen“ Leben ist es doch beschaulicher.


Jetzt müssen Sie als Trainer Ihren Heimatverein Rot-Weiß Niebüll vor dem Abstieg aus der Verbandsliga Nord retten!

Das ist richtig! Allerdings ist auch beschlossen und verkündet, dass ich ab der nächsten Saison nicht mehr zur Verfügung stehe. Seit wir wieder in den Norden gezogen sind, seit jetzt 18 Jahren, habe ich erst noch kurz als Spielertrainer und dann als Trainer gearbeitet. Das zehrt doch ordentlich, und nun ist mal Schluss. Aber ich will, sofern wir noch spielen können in dieser Saison, nicht als Absteiger aufhören.

Jetzt lesen

Fußball als Nebensache?

Eine Nebensache, die Spaß macht. Der Ehrgeiz ist da, egal auf welcher Ebene. Aber Fußball bestimmt nicht mehr mein Leben, ich habe ja auch noch einen anderen Beruf als Physiotherapeut. Ich habe lange in der Praxis meiner Frau mitgearbeitet, von der ich inzwischen getrennt lebe. Seit Januar dieses Jahres habe ich meine eigene Praxis und bin selbstständig. Das ist eine schöne Aufgabe, die mir viel Spaß macht.


Und Sie haben nicht nur Sportler als Patienten?

Nein, alle Bereiche. Bis zu den Rentnern mit Rückenbeschwerden.


Aber die Bundesliga schauen Sie sich noch an, oder? Was halten Sie von der aktuellen Borussia

Der BVB hat eine unfassbar gute Mannschaft. Allerdings fehlt ein wenig Konstanz. Es gibt irre gute Spiele, die sie abliefern, und dann wird es wieder schwächer. Meiner Ansicht nach ist der BVB in der letzten und in dieser Saison defensiv zu anfällig. Aber da sind gute Leute am Werk, und die Meisterschaft ist ja noch nicht entschieden. Ich gucke gerne hin. Mit Interesse, aber auch mit Abstand. Wenn die Dortmunder verlieren, geht für mich an dem Tag nicht die Welt unter.


Wann holt der BVB denn die nächste Meisterschaft?

Ich vermute, dieses Jahr wird das nichts mehr. Aber ich glaube fest, dass es nicht mehr lange dauern wird. Der BVB wird oben dran bleiben, und in Kürze kommt die Schale nochmal zurück ins Stadion.

Lesen Sie jetzt