Otto Addos drei Säulen: Wie der BVB Moukoko und Co. zum Profi macht

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In wenigen Tagen soll der 15-jährige Youssoufa Moukoko bei den BVB-Profis mitmischen. Eine wichtige Rolle spielt Otto Addo – so schmiedet der Klub seine Toptalente.

Dortmund

, 24.07.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es gibt ja auch die guten Seiten am Umstand, dass die junge Generation direkt mit Smartphones aufwächst. So erhalten die Nachwuchsspieler von Borussia Dortmund ihre digitale Rückmeldung zur Leistung vom Wochenende direkt aufs Handy. Man kann einigermaßen sicher sein, dass das Feedback zu Zweikampfverhalten, Positionsspiel oder Körpersprache dann auch ankommt bei den Jugendlichen. Woche für Woche sei Youssoufa Moukoko, dieses 15-jährige Wunderkind, einer der ersten, der die vom Trainerteam hinterlegte Kurzanalyse aufruft und anschaut, erzählt man sich am Trainingsgelände. Denn auch das lässt sich digital kontrollieren.

BVB will Moukoko in den Profi-Kader integrieren

In den kommenden Wochen bekommt der beste Nachwuchstorjäger Deutschlands dann eine noch direktere Rückmeldung darüber, wie weit oder nah er dem Profifußball bereits kommen kann in seinen noch jungen Jahren. Zum Wiedereinstieg ins Training soll der Mittelstürmer der U19, unter Coach Mike Tullberg bereits wieder am Ball, bei der ersten Mannschaft reinschnuppern. Bislang konnte Moukoko problemlos zwei Jahrgänge überspringen, den geänderten Regularien entsprechend dürfte er im November, nach seinem 16. Geburtstag, sogar schon in der Bundesliga spielen. „Wir wollen ihn in den Kader integrieren, damit er lernt mit Profis zu spielen“, sagt BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Moukoko wird die Tage rückwärts zählen, bis es endlich soweit ist.

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Mit Jungspunden hat der Klub gute Erfahrungen gemacht, aus dem aktuellen Team ist Gio Reyna mit 17 Jahre kaum älter, auch Jadon Sancho oder Christian Pulisic starteten in dem Alter. Aber ein 15-Jähriger? Kann das gelingen? „Keiner weiß, wie er unter Profibedingungen trainiert. Keiner weiß, wie er sich gegen gestandene erwachsene Spieler durchsetzen kann“, sagt Otto Addo, Borussia Dortmunds Spezialtrainer für die Toptalente, der auch mit Moukoko arbeitet. „Ich hoffe, dass er es schafft. Das Potenzial hat er auf jeden Fall.“ Addo schildert den Deutsch-Kameruner, der 2016 vom FC St. Pauli zum BVB wechselte, als sehr diszipliniert und motiviert. „Er arbeitet absolut professionell. Wenn er auch weiter so an seinen kleinen Schwächen arbeitet, kann es für ganz oben reichen. Die Voraussetzungen sind auf jeden Fall gut.“

BVB will einen Spieler pro Jahrgang „oben“ unterbringen

Bei Moukoko, trotz seines geringen Alters, wohl besser als bei den meisten anderen Spitzennachwuchskräften. Von den Mehrfach-Meistern der vergangenen beiden Jahre kommen nur Alaa Bakir und Malte Wengerowski bei der klubeigenen U23 unter, die meisten anderen Jungs zieht es in die Ferne. Wohlgemerkt: Kein Talent ist gescheitert, wenn es in der zweiten oder dritten Liga landet, ganz und gar nicht. Aber das Ziel der aufwendigen Bemühungen bei der Borussia ist ein anderes. Nach Möglichkeit einen Spieler pro Jahrgang „oben“ unterzubringen, so lautet die Idealvorstellung. Schließlich steckt der Klub ja auch viel Geld in den Talenteschuppen.

„Man muss realistisch sein“, dämpft Talente-Coach Addo die Erwartungen. „Die Chancen, Profi zu werden, sind nicht groß.“ Die Qualität des Dortmunder Nachwuchses sei zwar herausragend hoch, aber: „Hier ist es auch viel schwieriger, in die erste Mannschaft zu kommen.“ Zuletzt haben das Tobias Raschl (ein Profieinsatz), Manu Pherai (orientiert sich wegen mangelnder Perspektive wohl neu) oder Patrick Osterhage (Reha nach Knieverletzung) spüren müssen.

Otto Addo führt Drei-Säulen-Prinzip beim BVB ein

Um ideale Bedingungen für Youssoufa Moukoko, Verteidiger-Talent Nnamdi Collins oder vielleicht schon bald Außenbahnspieler Ansgar Knauff zu schaffen, hat Addo ein Drei-Säulen-Konzept etabliert, das die Toptalente aus dem Profikader sowie die besten Spieler aus dem eigenen U-Bereich durchlaufen. Ein Teil des Programms besteht aus einer individuellen Videoanalyse. „Die 15 wichtigsten Szenen negativer und positiver Natur“ zeigt Addo in einem Feedback-Gespräch. Hinzu kommt individuelles oder positionsspezifisches Training ein- oder zweimal pro Woche. Manchmal morgens vor der Schule, manchmal abseits des Mannschaftstrainings. Hier werden spielnahe Situationen wiederholt, wie sich Spieler zwischen den gegnerischen Linien aufhalten, mit dem Ball am Fuß aufdrehen oder Entscheidungen treffen. Die dritte Säule besteht aus persönlicher Betreuung in allen Lebenslagen mit Themen auch abseits des Platzes.

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„Wir wollen die bestmöglichen Voraussetzungen schaffen, um die ein oder zwei Prozent mehr an Leistung herauszukitzeln, die dem Spieler vielleicht den Durchbruch ermöglichen“, betont Addo. Der BVB habe es in der Vergangenheit immer wieder geschafft, junge Toptalente im Profikader zu integrieren. „Wir hoffen, dass es so weitergeht.“

BVB profitiert von jungen Talenten

Wie umsetzbar das Ziel ist, hängt von den Jahrgängen ab oder von der Konkurrenzsituation auf der entsprechenden Position. Je mehr Eigengewächse, desto besser, so lautet die Devise. Addo meint: „Jedes Mal wenn es gelingt, einen eigenen Spieler in die Profimannschaft einzubauen, ist das ein Plus für den gesamten Verein, und es kommt auch gut bei den Fans an.“

Wie hoch die Hürden sind, ist auch Sportdirektor Zorc bewusst, der die Nachwuchsförderung als „oberste Bürgerpflicht“ bezeichnet hat. „Wir haben sehr großes Interesse, die Jungs aus dem Jugendbereich einzubinden, aber wir wollen auch europäisch eine Rolle spielen. Es ist also ein großer Schritt von der Jugend bis zu den Profis.“ Spieler mit klarer Profiperspektive werden auch im Nachwuchsalter im Ausland rekrutiert. Neben der seit Jahren etablierten und vertieften Vereinsphilosophie besitzt das Programm mit der forschen Jugend auch einen pragmatischen Ansatz: Selbst ausgebildete oder früh verpflichtete Spieler sind deutlich preiswerter als gestandene Profis.

Otto Addo kümmert sich auch um BVB-Neuzugang Jude Bellingham

Wie kompliziert und reizvoll die interne Förderung sein kann, zeigt aktuell ein anderes Beispiel: Für den gerade 17-jährigen Jude Bellingham, der zuletzt rassistisch beleidigt wurde, zahlt der BVB mehr als 23 Millionen Euro. Auch der bekommt bald sein Feedback aufs Smartphone geschickt vom Ausbildungsbetrieb Borussia.

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