Sein Spiel spricht für sich, er selber schweigt: Raphael Guerreiro überzeugt bei Borussia Dortmund auf dem Platz und windet sich um eine klare Aussage, was seine persönliche Zukunft angeht.

Dortmund

, 06.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Diesen Schlenker beherrscht Raphael Adelino Jose Guerreiro fast noch besser als ein Dribbling im zentralen Mittelfeld: Ein kleiner Schritt mit links zur Seite, kurz beschleunigen, dann der Blick über die Schulter, ein unbedeutendes Lächeln und die klare Absage: „Nein, tut mir leid!“

Guerreiro hat sich wieder attraktiv gespielt

Borussia Dortmunds Multifunktionsfußballer verabschiedete sich nach dem Saisonfinale ohne weiteren Kommentar. Das Reden schmeckt ihm deutlich weniger als das Fußballspielen oder die portugiesische Küche. Raphael Guerreiro wich allen Nachfragen aus wie sonst seinen Gegenspielern. Auch, wenn es um seine Zukunft geht. Er hat sich wieder attraktiv gespielt.

Raphael Guerreiro überzeugt auf dem Rasen – und ziert sich mit klaren Aussagen

© Deltatre

Bis Ende November musste man die Spielzeit von Raphael Guerreiro so erwarten wie die vorherige. Bis dahin stand er gerade einmal in 198 Minuten in der Bundesliga auf dem Platz. Eine Oberschenkelverletzung, muskuläre Probleme, ohne Einsatz im Kader – Trainer Lucien Favre wusste nicht, wohin mit dem in Frankreich aufgewachsenen und ausgebildeten Linksfuß.

Vom Trainierliebling zum Sorgenfall

Mit dem Jungen, der vom „Trainerliebling“ (Ex-Coach Thomas Tuchel) zum Sorgenfall verkam, weil er immer wieder gesundheitliche Probleme mit sich herumschleppte, für die er zum Teil auch persönlich verantwortlich gemacht wurde. „Mit dem wiederkehrenden Verletzungspech war es jedes Mal schwerer, wieder auf das alte Niveau zu gelangen“, sagte Guerreiro im Februar im Gespräch mit dieser Redaktion.

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Er habe aber weiter an sich geglaubt, hart gearbeitet, und Konsequenzen gezogen: „Seitdem habe ich meine Ernährung und meinen Lebensstil umgestellt. Ich beschäftige zum Beispiel privat einen Physiotherapeuten, der zu mir nach Hause kommt.“ Schnell stellte der technisch beschlagene Portugiese fest, dass ihn das professionelle Verhalten nach vorne bringt, physisch und auch auf dem Rasen.

„In der Lage, alle drei Tage 90 Minuten zu spielen“

Ende 2018 brachte er die Gesundheit und Robustheit mit, die es braucht im Profifußball. „Ich merke an den vielen kleinen Umstellungen rund um meine Gesundheit, dass ich inzwischen in der Lage bin, alle drei Tage ein Spiel über 90 Minuten zu spielen“, sagte er.

„Diese Stadt lebt den Fußball.“
Rapahel Guerreiro

Im Laufe der Spielzeit wurde Guerreiro folglich immer wichtiger und nahezu unverzichtbar. Nicht auf seiner alten Stammposition als linkes Glied der Viererkette, wo er erst in den drei letzten Saisonspielen auftauchte, sondern weiter vorne.

Wie Vor-Vor-Vorgänger Tuchel sieht auch Favre die fußballerischen Qualitäten von Borussia Dortmunds Nummer 13 vor allem als Spielbeschleuniger, als sichere Ballverwertungs-Maschine in der Offensive, als einleitendes Element von vielen, vielen gefährlichen Szenen. „Ich fühle mich im Mittelfeld sehr wohl, denn ich merke, dass ich der Mannschaft dort sehr gut helfen kann. Unter anderem auch damit, Torchancen zu kreieren“, sagt Guerreiro. Das belegen am Ende der Saison auch die Daten.

Nur Witsel und Delaney liefen im Schnitt mehr

Guerreiro feuerte die fünftmeisten Torschüsse ab (36), lieferte die viertmeisten Torschussvorlagen (45) und sammelte die drittmeisten Torschussbeteiligungen (81) nach Jadon Sancho (125) und Marco Reus (124). Wohlgemerkt bei nur 23 Bundesliga-Einsätzen, in denen er obendrein 16 Mal ein- und ausgewechselt wurde. Auf 90 Minuten hochgerechnet, spulten nur die Dauerläufer Thomas Delaney und Mario Götze mehr Kilometer ab als Guerreiro (12,1 Kilometer pro Spiel).

Raphael Guerreiro überzeugt auf dem Rasen – und ziert sich mit klaren Aussagen

Gegen Atletico Madrid erzielte Raphael Guerreiro in der Champions-League-Gruppenphase einen Doppelpack. © imago

Seine persönlichen Höhepunkte dürften die beiden Doppelpacks in der Champions League gegen Atletico Madrid und die AS Monaco gewesen sein. Wettbewerbsübergreifend stehen 32 Einsätze, sechs Tore und sechs Torvorlagen im Protokoll. Beachtlich!

Linker Fuß und Kopfballspiel als Schwäche

Mit einer durchschnittlichen Note von 3,05 zählte Guerreiro zu den von dieser Redaktion am besten bewerteten Spielern der Saison. Seine Schwächen: Der rechte Fuß hinkt dem linken in der Fertigkeit hinterher, und mit seinen 1,70 Metern gewinnt der zweifache Familienvater kaum Kopfbälle (nur 25 Prozent gewonnene Duelle in der Luft).

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Das alles hat dazu beigetragen, dass sich Guerreiro nach drei Jahren in Westfalen heimischer fühlt als je zuvor. Sein Deutsch ist besser geworden, er versteht meist, was gesprochen wird. Die allgemeine Begeisterung für den BVB hat ihn angesteckt. „Diese Stadt lebt den Fußball. Auf der Straße sind viele Menschen Schwarzgelb angezogen, so etwas kenne ich aus Frankreich nicht.“ Er hat schnell gespürt: „Die Stimmung in Dortmund ist großartig, dieses Fieber für den BVB überragend.“

Klubs sind längst auf Guerreiro aufmerksam geworden

Noch Mitte Februar erklärte Guerreiro strahlend, sehr gerne weiter beim aktuellen Vizemeister spielen zu wollen. „Ich würde mich sehr freuen, wenn es ein Angebot zur Vertragsverlängerung gibt“, sagte er. Was die Lage seitdem problematisiert: Auch andere Klubs sind längst (wieder) auf ihn aufmerksam geworden, seine Leistungen blieben nicht verborgen.

Raphael Guerreiro überzeugt auf dem Rasen – und ziert sich mit klaren Aussagen

© Deltatre

Im Juni, bei der Endrunde der Uefa Nations League, kann er sich noch weiter empfehlen. Interessiert sind Klubs, die in den Top Ten Europas und in der Gehaltsrangliste noch weiter vorne liegen als der BVB. Bei Borussia Dortmund weiß man, dass eine Ausdehnung des bestehenden Kontrakts mit Guerreiro über 2020 hinaus eine schwierige Angelegenheit wird. Auf klare Aussagen des 25-Jährigen von ihm wartet man auch am Rheinlanddamm.


Perspektive für die Saison 2019/20

Raphael Guerreiro hat sich im abgelaufenen Spieljahr viel Kredit zurückerarbeitet. Wenn er bei Borussia Dortmund bleiben möchte, stehen ihm die Türen offen – nach einer Vertragsverlängerung. Ihn ohne geklärte Zukunft in sein letztes Vertragsjahr gehen zu lassen, käme angesichts der sonst beim BVB üblichen Praxis überraschend.

Sportlich schätzt Trainer Lucien Favre Guerreiro sehr hoch ein, gerade auch aufgrund seiner Flexibilität. In guter Form muss er keine Konkurrenz fürchten. Hinten links kommt in Nico Schulz ein potenzieller Stammspieler, vorne links stehen in Thorgan Hazard oder Jacob Bruun Larsen Alternativen zur Verfügung. Auch auf der Position Acht gäbe es weitere Optionen (Witsel, Brandt, Dahoud). Bleibt Guerreiro, mischt er nahe der Startelf mit und sorgt für Qualität und Tiefe im Kader. Geht er, müssen ihn andere erst einmal ersetzen.

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