Reporter Robby Hunke: „Meine Freundin ist maximal genervt von mir“

hzDas Interview

Der Fußball ruht. Sportschau-Reporter Robby Hunke kommentiert trotzdem weiter – den Alltag. Die Reportagen sind ein viraler Hit. Auch BVB-Profi Mats Hummels wirkt mit. Ein Interview.

Dortmund

, 02.04.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ihre kurzen Alltags-Reportagen sind zum viralen Hit geworden. Viele Fußballfans freut das in der Bundesliga-Pause. Ihre Freundin, die es häufiger mal beim Kochen erwischt, eigentlich auch?

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Nee. Die ist natürlich maximal genervt von mir. Alle anderen Menschen freuen sich eigentlich immer, wenn ich ihr Treiben kommentiere. Im inneren Familienzirkel stoßen meine Kommentare dagegen merkwürdigerweise auf deutlich weniger Gegenliebe.


Mindestens einen Monat pausiert die Bundesliga noch. Halten Sie und Ihre Familie so lange durch?

Gerade noch hoffentlich. Ende April ist sicherlich das Maximum erreicht. Ich dachte eigentlich immer, meine Liebsten fänden es schade, dass ich so oft am Wochenende arbeiten bin. Jetzt muss ich feststellen: So schlimm finden sie es gar nicht. Der Papa darf am Wochenende gerne wieder arbeiten gehen.


Sie reden gerade sehr normal. Das klingt fast ein bisschen komisch, wenn man Sie nur aus dem Fernsehen kennt. Wie schwer fällt die Trennung zwischen Live-Reportage und normalem Gespräch in Ihrem Privatleben?

Es ist extrem schwer für mich. Meine arme Mutter! Mein Papa hat mir jetzt ein Video zugeschickt, wie ich mit drei Jahren unsere Ostereier-Suche kommentiert habe. Völlig bekloppt.


Früh übt sich augenscheinlich.

Der Klassiker. Mein Beruf scheint alternativlos gewesen zu sein. Wenn ich nicht Kommentator geworden wäre, wäre ich vermutlich ziemlich im Eimer.


Während der Corona-Krise sind leider viele Sportjournalisten ziemlich im Eimer. Sie haben offenbar eine Nische gefunden, um auch in der fußballfreien Zeit beruflich erfolgreich zu sein.

Zum Glück, ja. Und ungewollt. Ich wollte ja nicht auf Teufel komm raus Alltagssituationen während der Corona-Pandemie kommentieren. Ich habe nicht mal im Ansatz geahnt, was für Wellen das Ganze schlagen würde. Eigentlich wollte ich das erste Video von der Neusser Straße in Köln nur einem Kumpel schicken. Der hatte sich allerdings bei WhatsApp abgemeldet – und dann habe ich es einfach hochgeladen.


„Was machen eigentlich Fußball-Kommentatoren, wenn es nichts mehr zu kommentieren gibt? Einfach mal auf die Straße gucken.“ Mit diesen Worten ging es los. Aus der Erfahrung der vergangenen zwei Wochen: Was ist aus diesem zarten Twitter-Pflänzchen geworden?

Eine irre Sache. Ich schlafe total wenig, weil ich bis in die Nacht Anfragen beantworte. Aus dem Pflänzchen ist innerhalb von zwei Wochen ein Urwald geworden, um mal im Bild zu bleiben. Es melden sich so viele Leute bei mir, dass ich leider nicht einmal allen antworten kann. Für mich ist das gerade ein Social-Media-Lehrstück. Ich dachte immer, dass Social Media zum Großteil von Beleidigungen lebt. Gerade wir Fußball-Kommentatoren können da ja ein Lied von singen. Normalerweise kassiere ich nach einem kommentierten Spiel in den sozialen Netzwerken mindestens zehn Beleidigungen gegen meine Mutter – in diesem Fall ist es aber tatsächlich total positiv. Jemand hat mir sogar geschrieben, ich sei in der Corona-Krise „das emotionale Rückgrat Deutschlands“. Das ist selbstverständlich maßlos übertrieben, aber ich freue mich natürlich, dass ich offenbar vielen Menschen ein bisschen Freude bereiten kann in diesen schwierigen Zeiten.


Der Hype ist real – und es drängt sich die Frage auf: Wird Robby Hunke noch derselbe sein, wenn die Corona-Krise irgendwann überstanden ist?

(lacht) Das ist ja das Abgefahrene. Das Ganze ist ja gewissermaßen auch eine Persiflage an die Kommentatoren der Neunzigerjahre, die ich so gemocht habe. Denn eigentlich bin ich beim Kommentieren in den vergangenen Jahren immer ruhiger geworden. Ich versuche, analytisch zu sein, versuche, das Spiel in den Vordergrund zu stellen. Jetzt in den sozialen Netzwerken spiele ich ja eher eine Rolle. Ich hoffe, dass es mir leicht fällt, wieder zum analytischen Kommentar zu finden, wenn es in der Fußballwelt wieder weitergeht.


Ein bisschen Strecke gilt es bis dahin noch zu machen. Und es werden immer mehr, die Sie dabei unterstützen. Ilkay Gündogan hat sich schon in Ihre Berichterstattung aus dem Alltag eingeschaltet, ganz aktuell auch Mats Hummels. Wie kam der Kontakt zu Stande?

Die Spieler haben tatsächlich Bock darauf. Manche schreibe ich an, manche schreiben mich an und bieten ihre Hilfe an. Bibiana Steinhaus habe ich zum Beispiel proaktiv angeschrieben, weil ich sie unglaublich gerne dabei haben wollte.


Ursprünglich hätten Sie am 14. März den BVB gegen Schalke 04 für die Sportschau kommentieren sollen. Das scheint, um mal ein bisschen ernster zu werden, gerade unendlich weit weg zu sein. Oder wie geht es Ihnen?

Komplett. Und dieses Spiel wäre ja bekanntlich auch schon ohne Zuschauer über die Bühne gegangen. Das ist für ein Revierderby natürlich unheimlich bitter. Ich habe in der Woche vor dem Derby die Zusammenfassung des rheinischen Derbys Gladbach gegen Köln kommentiert. Das war mein erstes Geisterspiel als Kommentator – und es war echt bitter. Aber es ist natürlich aktuell der einzige und absolut richtige Weg, um die Liga überhaupt halbwegs zeitnah fortsetzen zu können. Ich persönlich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir in diesem Jahr noch Spiele mit Zuschauern sehen werden. Das ist schrecklich, aber ich glaube, dass es unheimlich wichtig ist, weil an der Bundesliga einfach so viel dranhängt. Allein die ganzen Arbeitsplätze im Hintergrund. Beim Fernsehen, beim Radio, bei der Zeitung, bei den Vereinen. Und ich glaube auch, dass es für die Gesellschaft bald höchste Zeit wird, dass in der Bundesliga und im Fernsehen wieder der Ball rollt. Bei mir im Haus hier in Köln höre ich schon Leute, die sich streiten. Vielleicht kann der Fußball das ein bisschen abfedern, wenn er ein wenig Ablenkung liefert.


Das klingt so, als sei auch bei Ihnen die Sehnsucht nach echten Sport-Reportagen schon wieder sehr groß.

Sie ist enorm. Wobei mir in den letzten Wochen eben schon aufgefallen ist, wie viel Spaß es machen kann, ganz andere Dinge als Fußball zu kommentieren – auch wenn das jetzt vielleicht wie eine Drohung klingen mag.

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Für Ihre Freundin ganz sicher.

Für die auf jeden Fall. Mal gucken, wie es weitergeht. Man kann ja eigentlich alles kommentieren. Die Weinlese im Urlaub zum Beispiel.


Au weia.

Ja, ich fürchte auch. Meine Familie wird weiterhin keine Ruhe vor mir haben. (lacht)


Das hätte jetzt eigentlich die Klammer sein können, um das Interview zu beschließen, aber wir müssen noch über Borussia Dortmund sprechen. Sie sind BVB-Fan, das darf so festgehalten werden, richtig?

Großer Sympathisant klingt professioneller, oder?


Könnte sein. Was ist sportlich noch drin für den BVB?

Das ist die große Frage. Ich finde, man kann echt schwer prognostizieren, wie es nach der Pause weitergeht. Ich glaube, man muss von einer Zeit vor und von einer Zeit nach Corona sprechen. Niemand weiß, wie sich diese Pause auf den weiteren Saisonverlauf auswirken wird. Es könnte ja theoretisch sein, dass jetzt irgendein Klub, den man eigentlich gar nicht auf dem Schirm hat, so gut mit der neuen Situation klarkommt, dass es eine riesige Überraschung gibt, weil die Bayern und der BVB plötzlich Probleme bekommen. Vor der Bundesliga-Unterbrechung war ich mir sicher, dass Borussia Dortmund die Bayern noch einholen kann. Jetzt weiß ich es nicht mehr.

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Die Corona-Krise liefert viele Fragezeichen, oder?

Voll und ganz. Nicht nur in Deutschland. Ich denke auch an Real Madrid und den FC Barcelona, an die ganz großen Klubs im Weltfußball, weil dort unheimlich viele Einnahmen wegbrechen. Ich glaube schon, dass ein paar Vereine große Probleme bekommen werden. Da lobe ich mir die Bundesliga, weil hier im Vergleich eigentlich sehr solide gewirtschaftet wird. Kurzum: Ich habe wirklich noch kein Gefühl, wie es im Fußball weitergeht. Ich weiß nur, dass es in alle Richtungen gehen kann.


Nehmen wir mal an, der BVB verpackt die Bundesliga-Pause und die darauffolgenden Geisterspiele sensationell gut. Wir würde eine Meisterfeier-Reportage von Robby Hunke klingen?

Oh Gott. Mit oder ohne Fans?


Vermutlich ja leider erstmal ohne.

Das ist schwer. Vielleicht so: ‚Mats Hummels. Hummels. Er krallt sich die Schale. Marschiert in Richtung Borsigplatz. Er will die Schüssel endlich in die Höhe recken. Und jetzt juuuubeln sie alle! Aber? Was ist das? Niemand ist da! Ist das verrückt, liebe Leute! Zum Glück gibt es das Fernsehen. Und alle können sich auf der Couch freuen. Ja suuuper!‘ Naja. So in der Art könnte es sich anhören. Was Blöderes fällt mir gerade leider nicht ein. (lacht)

Robby Hunke ist 36 Jahre alt und lebt in Köln. Als Sportreporter ist er unter anderem regelmäßig samstags in der ARD-Sportschau zu hören.
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