Revierderby: Zwischen dem BVB und Schalke liegt eine halbe Milliarde

hzBorussia Dortmund

Der BVB kann die Coronakrise recht entspannt überstehen. Schalke kämpft ums wirtschaftliche Überleben. Zwischen den Revierrivalen liegen finanziell Welten.

Dortmund

, 12.05.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dem Drehbuch lässt sich eine süffisante Ironie entnehmen. Nach 179 Revierderbys mit den kuriosesten Geschichten, angefangen von einem Hund, der einem Spieler in den Hintern beißt bis zu einem Torhüter, der in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielt oder einem 4:4 nach 4:0-Pausenstand, wartet der Spielplan der Fußball-Bundesliga am ersten Geister-Spieltag der Historie mit einer aberwitzigen Pointe auf: Borussia Dortmund erwartet den FC Schalke 04 zum Nachbarschaftsduell, damit Schalke nicht Pleite geht. Zwischen BVB und S04 liegen nur 35 Kilometer auf der Karte, aber mehr als 500 Millionen Euro auf dem Konto. Borussia hat die Kohle. Die Knappen müssen knapsen.

Beim Thema Insolvenz wird immer wieder der FC Schalke 04 genannt

Als einer der ersten Vereine, die in der Coronakrise wegen ausbleibender Ausschüttungen aus der TV-Vermarktung mit dem Thema Insolvenz unliebsame Bekanntschaft gemacht hätten, wird immer wieder der FC Schalke 04 genannt. Bereits im Mai hätte den Gelsenkirchenern die Zahlungsunfähigkeit gedroht, wären die Fernsehgelder ausgeblieben.

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Christian Seifert als Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga betonte mehrfach, dass „einige Klubs in eine existenzbedrohende Situation geraten, sollte die Saison nicht zu Ende gespielt werden“. Von der Hand in den Mund gelebt, in Zukunft eintreffende Mittel vorzeitig verplant und ausgegeben - Verbindlichkeiten sind nichts Neues bei den Königsblauen, denen in schlimmen Zeiten auch schon mal das Geld gefehlt haben soll für Waschmittel, um die Trikots zu reinigen.

Der BVB entwickelt sich zum Vorzeigeklub

Auf 198 Millionen Euro haben sich die Schulden aktuell angehäuft. Es fehlt die Luft zum Atmen, wenn nicht der Ball rollt. „Schalke hat ja gute Voraussetzungen“, analysierte Wirtschaftsprofessor Dr. Henning Zülch von der Handelshochschule Leipzig und nennt die große Fanbasis oder die ausgezeichnete Knappenschmiede, „aber das operative Geschäft mit all seinen Facetten funktioniert nicht.“

Teure Spieler zu kaufen und zu bezahlen verdammt zum Erfolg. Bleibt der aus, ist die Kohle weg. Zülch: „Wenn ein Klub über Jahre hinweg Verluste schreibt, zehrt er sein Eigenkapital auf und ist strukturell überschuldet.“ Sportvorstand Jochen Schneider beschrieb Schalke als einen Klub „mit gewissen Vorerkrankungen, deshalb trifft uns die Krise vielleicht einen Tick härter als andere.“

Nun passt es ganz wunderbar in den Erzählstrang, dass ausgerechnet Revierrivale Borussia Dortmund ja auch vor gar nicht allzu langer Zeit vor dem Aus stand. Erst 15 Jahre ist es her, dass die Spieler nicht wussten, ob sie am nächsten Tag noch zum Training erscheinen mussten oder vor verschlossenen Türen gestanden hätten. Heute aber steht der BVB für das finanzwirtschaftliche Gegenstück zum ungeliebten Rivalen im nahen Westen: Dort der eingetragene Verein, der Bodenständigkeit predigt und Kohle verprasst. Hier die Kommanditgesellschaft auf Aktien mit einem fast doppelt so großen Umsatz (490 zu 275,0 Mio. Euro) und einem Eigenkapital, das die Bilanz 2019 mit 355 Millionen Euro (S04: -22,3 Mio.) auswies. Schalke schickte seine Angestellten in Kurzarbeit, der BVB blieb bei voller Beschäftigung und wird in seinem Wachstumskurs nur kurzzeitig gebremst. Zülch erklärt: „Den Spagat zwischen Profitabilität und Stabilität meistert der BVB, auch aufgrund des sportlichen Erfolges, in den vergangenen Jahren sehr gut.“

Die achtstellige Summe, die den Borussen durch die Geisterspiele (Tickets, Catering, Merchandising) und womöglich ausbleibende Zahlungen von Sponsoren flöten geht, tut weh. Aber sie stellt keine Bedrohung dar. Beiden Revierklubs ist es gelungen, an der größten Kostenstelle zu schrauben: Die Spielergehälter werden für einen gewissen Zeitraum im Einverständnis reduziert.

Dortmund und Schalke sind zwei echte Traditionsvereine

Am Samstag also spielt im Ruhrgebiet nicht nur Schwarzgelb gegen Königsblau, sondern auch reich gegen arm. Zuvorderst BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bot - in den vergangenen Wochen omnipräsent und mit einer reinen Werbetour durch die Talkshows der Republik unterwegs - viel Angriffsfläche für Kritik. Auch sein Werben und die intensive Lobbyarbeit bei der Politik halfen der Deutschen Fußball Liga, die Genehmigung für die Fortsetzung der Saison einzuheimsen. Und damit Klubs wie Schalke vor der Pleite zu bewahren.

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„Wenn Schalke 04 - und ich glaube nicht, dass das am Ende nötig sein wird - als unser direkter Nachbar auf uns zukommen würde und um Hilfe bittet, dann werden wir immer Mittel und Wege finden, dies zu tun“, sagte Watzke kürzlich zur Lage des Konkurrenten in der Coronakrise. So wie der BVB vor 15 Jahren mit geliehenem Geld vom FC Bayern München überlebte. „Ich wünsche mir, dass wir auf dieser Strecke nicht einen einzigen Traditionsverein in der Bundesliga verlieren. Darum kämpfen wir.“ Solidarität habe zwar ihre Grenzen, doch bei aller Rivalität handele es sich bei BVB und S04 um zwei echte Traditionsvereine, die die Liga bereicherten.

Watzkes BVB-Hilfszusage an den FC Schalke 04

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider dankte höflich, versicherte die umgekehrte Hilfszusage und wird inständig hoffen, dass er niemals Zählbares aus Dortmund abholen muss. Es sei denn, es geht um die drei Punkte im nächsten Derby.

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