Ex-BVB-Spieler Sven Bender: Ich brauche keinen Schnickschnack

hzBorussia Dortmund

Für Sven Bender wird das Wiedersehen mit dem BVB ein spezielles Spiel. Im Exklusiv-Interview spricht der 30-Jährige über den Titelkampf, Peter Bosz und eine aussterbende Spieler-Art.

Leverkusen

, 13.09.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Quizfrage zum Einstieg: Welche Mannschaft aus der aktuellen Bundesliga-Tabelle ist die einzige, gegen die Bayer Leverkusen noch kein Spiel gewonnen hat, seitdem Sven Bender für die Werkself aufläuft?
Das weiß ich leider. Gegen die spielen wir am Samstag.


Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es gegen die alte Liebe noch nicht geklappt hat?

Weil wir uns unter dem Strich zu unglücklich angestellt haben. Die Möglichkeiten waren oft genug da. Eine Packung haben wir bekommen (0:4, d. Red.), aber ansonsten waren die Spiele sehr eng. In der vergangenen Saison waren wir auswärts über weite Strecken des Spiels sehr gut unterwegs (2:3, Anm. d. Red.), das Heimspiel vergangene Saison (2:4 nach 2:0-Führung, Anm. d. Red.) müssen wir gewinnen und auch das Heimspiel in meiner ersten Saison (1:1, Anm. d. Red.) müssen wir eigentlich für uns entscheiden. Chancen hatten wir genug. Und es wäre ganz schön, wenn es jetzt mal klappt.


Drei Niederlagen gegen den BVB, ein Unentschieden: Wenn man die Statistik mal außen vor lässt - ist die Vorfreude auf Spiele gegen Borussia Dortmund bei Ihnen trotzdem immer besonders groß?

Ich freue mich immer auf jedes Spiel, aber natürlich treffe ich in Dortmund viele bekannte Gesichter. Viele alte Weggefährten sind noch da. Das ist dann schon anders als bei allen anderen Spielen. Und es ist ja schon auch ein imposantes Stadion, in das wir am Samstag einlaufen. Das ist immer speziell. Es wäre schön, wenn wir gewinnen könnten. Das Zeug dazu haben wir. Ich glaube, es ist eine sehr interessante Konstellation im Moment. Da kribbelt’s schon, ist doch klar.

Ex-BVB-Spieler Sven Bender: Ich brauche keinen Schnickschnack

© Deltatre

Lastet der Druck eher auf dem BVB?

Der Druck lastet auf allen Spielern, die auf dem Rasen mitwirken. Wir befinden uns immer noch am Anfang der Saison. Wir hatten einen ganz guten Start und wollen natürlich daran anknüpfen. Aber der BVB spielt zu Hause und hat auch kein Interesse daran, Punkte liegen zu lassen. Es ist für alle der gleiche Druck.


Worauf wird’s auf dem Platz ankommen?

Wir müssen unser Spiel durchbringen, unseren Plan konsequent verfolgen. Aber wir brauchen auch Glück, das haben wir in der vergangenen Saison gesehen. Da haben wir fast ein perfektes Spiel hingelegt und sind trotzdem als Verlierer vom Feld gegangen. Es gehört viel dazu. Der Fußball ist nicht immer ganz gerecht, manchmal ist er sogar ziemlich fies. Aber das ist das Schöne an diesem Spiel. Es ist alles möglich. Und daran sollten wir auch glauben.


Wie sieht der Plan für Samstag denn aus?

Der hat erst einmal wenig mit dem Gegner zu tun. Natürlich haben wir Respekt vor dem BVB, da steht eine absolute Topmannschaft auf dem Platz, aber wir wollen trotzdem unserer Spielweise treu bleiben, also dominant sein und das Heft des Handelns in die Hand nehmen.


Sie sind jetzt gut zwei Jahre in Leverkusen, davor waren Sie acht Jahre lang Spieler des BVB. Wie fällt Ihr vorläufiges Fazit über die Zeit bei Bayer aus?

Ich bin mit dem Schritt, den ich damals gegangen bin, sehr zufrieden. Alles, was ich mir erhofft habe, ist auch eingetroffen. Und ich will diesen Weg weitergehen, weil wir uns hier in die richtige Richtung bewegen.

Umfrage

Wie endet der BVB-Auftritt gegen Bayer Leverkusen?

3460 abgegebene Stimmen

Wenn Sie den BVB und Bayer vergleichen müssten. Was ist in Leverkusen anders als in Dortmund?

Ich würde nie vergleichen. Das habe ich auch von Anfang an ganz klar gesagt. Natürlich gibt es Unterschiede, aber die sind für mich nicht wichtig. Ich habe mich in Dortmund sehr wohl gefühlt, jetzt fühle ich mich in Leverkusen sehr wohl und bin dankbar, dass ich hier spielen darf.


Auch wenn Ihnen dieser Stempel vielleicht gar nicht so gerecht wird, hatten Sie in Dortmund den Ruf, sehr viel Verletzungspech zu haben. In Leverkusen, das fällt so oder so auf, haben Sie bislang sehr wenige Spiele verpasst. 70 Pflichtspieleinsätze haben Sie in zwei Jahren schon gesammelt. Ist das Zufall, ist das positionsbedingt, oder haben Sie etwas grundlegend verändert?

Eigentlich möchte ich gar nicht mehr über Verletzungen reden. Da unterhält man sich ja irgendwie immer nur über die Vergangenheit. Und es gab eben auch Phasen in Dortmund, in denen ich gar nicht verletzt war, aber trotzdem nicht gespielt habe. Die gab es unter Jürgen Klopp, die gab es unter Thomas Tuchel. Die Leute haben dann immer gefragt: „Was haste wieder, Manni?“ Aber ich hatte gar nichts. Die Wahrnehmung war häufig, ich sei verletzt. Natürlich waren ein paar böse Sachen dabei, das müssen wir ja nicht wegdiskutieren. Aber so wild war es auch nicht. Und ich habe immer den Anspruch zu spielen. Deswegen stehe ich am liebsten auf dem Platz, wenn es irgendwie geht.


Der BVB hat vor der Saison sehr klare Ziele formuliert, wie sieht’s bei Bayer Leverkusen aus?

Wir müssen unsere Ziele nicht nach außen tragen. Wir wissen, wie schwer es in den vergangenen zwei Jahren für uns war, das internationale Geschäft zu erreichen. Natürlich wollen wir da wieder hin. Das muss auch unser Anspruch sein. Aber es muss eben viel passen in der Saison. Ich habe nie sonderlich gerne über irgendwelche Platzierungen gesprochen. Am Ende müssen wir es machen. Darum geht’s.


Aber zum BVB oder zu Bayern München fehlt schon ein Stück?

Es sind auf jeden Fall zwei Klubs, die noch einmal ganz anders investieren können als wir und extrem breit aufgestellt sind, gerade auch der BVB in dieser Saison. Was mich wundert, ist, dass Leipzig oft ein bisschen vergessen wird. Insgesamt glaube ich, dass es viele Mannschaften gibt, die für Überraschungen sorgen können. Wir sehen uns auch weit vorn, aber letztendlich müssen wir uns erst einmal gegen viele andere gute Teams durchsetzen.

Ex-BVB-Spieler Sven Bender: Ich brauche keinen Schnickschnack

Sven Bender sagt über Peter Bosz: „Er ist ein sensationeller Trainer.“ © imago

Als Sie den BVB verlassen haben, da haben Sie nur ganz kurz mit Peter Bosz zusammengearbeitet. In Leverkusen haben Sie ihn über einen deutlich längeren Zeitraum kennengelernt. Als was für einen Trainer würden Sie ihn beschreiben?

Ich war in Dortmund schon von seiner Arbeit angetan, aber meine Entscheidung war damals schon gefallen.


Unabhängig von Peter Bosz?

Ja. Das hatte mit dem Trainer nicht viel zu tun. Als ich die ersten Gespräche mit dem BVB über meinen Wunsch nach einer Veränderung geführt habe, da stand noch gar nicht fest, wer Trainer wird. Ich habe mich damals früh in der Sommerpause entschieden, nach Leverkusen wechseln zu wollen. Es ging dann eigentlich nur noch darum, dass die beiden Klubs sich einigen. Trotzdem habe ich es Peter Bosz damals hoch angerechnet, dass er mich nach der einen gemeinsamen Woche angerufen und mir gesagt hat, dass er gerne mit mir zusammengearbeitet hätte. Das fand ich cool. Jetzt hat’s im zweiten Anlauf geklappt und ich finde, er ist ein sensationeller Trainer. Menschlich ist die Zusammenarbeit top und sportlich gibt er uns einen sehr klaren Plan an die Hand. Er vermittelt eine gewisse Ruhe und arbeitet sehr akribisch. Auch der Spaß kommt nicht zu kurz - und wir arbeiten ja alle am liebsten, wenn’s auch ein bisschen Spaß macht. Da hat er ein gutes Gefühl für die Situation. Bislang passt es zwischen ihm und dem Klub sehr, sehr gut.


Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Peter Bosz in Dortmund relativ schnell gescheitert ist und warum es in Leverkusen scheinbar deutlich besser passt?

So viel Einblick habe ich beim BVB nicht mehr. Das kann ich nicht sagen. Ich kann nur für uns hier in Leverkusen reden. Wir glauben an das, was der Trainer uns vorgibt. Es ist ja nicht so, dass der Trainer da und die Mannschaft dort steht. Es geht nur gemeinsam, Trainer und Mannschaft müssen eine Einheit bilden. Wir bilden diese Einheit. Wie es in Dortmund war, kann ich nicht beurteilen.


Hier in Leverkusen genießen Sie die volle Wertschätzung des Trainerteams. Wie sehen Sie selbst Ihre Rolle unterm Bayer-Kreuz?

Die Rolle, die ich jetzt habe, die wollte ich ja unbedingt haben. Ich wollte spielen, wenn ich verletzungsfrei bin, wollte ein wichtiger Bestandteil der Truppe sein, wollte den jüngeren Spielern helfen. Bis jetzt hat es ganz gut geklappt, denke ich. Aber ich will diesen Weg gerne auch noch ein bisschen weitergehen. Und ich will selbst auch noch besser werden. Damit darf man nie aufhören.

Jetzt lesen

Wenn Sie die Hilfe für junge Spieler ansprechen, das Führen der talentierten Kollegen. Kann es dann auch mal lauter und unangenehmer werden?

Das gehört schon auch mal dazu, ja (lacht). Das Wichtigste ist aber immer, dass man eine vernünftige Diskussion führt. Es bringt mir ja nichts, einem jungen Spieler was zu sagen, der dann nichts dazu sagen kann oder darf. Wenn ich mal daneben liege, darf mir das auch jeder sagen. Es geht am Ende darum, dass wir vorankommen. Da geht’s auch gar nicht so sehr ums Alter. Es geht ums Einbringen. Und ich versuche mich so einzubringen, dass es hilft.


„Wir tun einfach alles dafür, um jedes Drecksspiel zu gewinnen“, haben Sie mal in einem Interview zusammen mit Ihrem Zwillingsbruder Lars gesagt. Eigentlich ist es eine banale Aussage. Trotzdem hatte man in der Vergangenheit beim Blick auf Bayer Leverkusen bei allem Talent, das hier vorhanden ist, manchmal den Eindruck, dass es genau daran ein bisschen gefehlt hat. Sehen Sie Ihre Aufgabe auch darin, ein bisschen mehr Siegeswillen in die Mannschaft hineinzutragen?

Jeder, der uns kennt, der weiß, dass Lars und ich sehr schlecht verlieren können. Auch im Training. Manchmal ist das vielleicht ein wenig zu extrem. Da müssen wir uns selbst ein bisschen zügeln. Aber wir haben das irgendwie von klein auf so drin. Und wir äußern das dann eben auch. Es darf einem halt nicht egal sein, ob man ein Trainingsspiel gewinnt oder verliert. Wir sind Profis und es geht immer ums Gewinnen. Diese Haltung muss man schon haben. Von außen betrachtet, stehen wir vielleicht stellvertretend dafür, aber wir sind ja nicht die einzigen. Wir haben hier eine Mannschaft, die immer alles versucht, um zu gewinnen - und das macht richtig Spaß.


Sie sind nicht in den sozialen Netzwerken unterwegs, Sie haben sogar mal gesagt, dass Sie gut auf Ihr Handy verzichten können. Fühlen Sie sich da manchmal wie eine aussterbende Spieler-Art im Profifußball?

(lacht) Das ist wahrscheinlich gar nicht schlecht formuliert. Ich brauche keinen Schnickschnack. Ich habe eigentlich immer versucht, die Dinge relativ einfach zu halten. Social Media haben Lars und ich sogar mal probiert, wurden dann aber komplett darin bestätigt, dass wir es nicht brauchen. Heute können wir sagen, dass es für uns einfach nichts ist. Wir können weiterhin sehr gut ohne soziale Netzwerke leben. Ich find’s immer schön, wenn man mit den Menschen noch persönlich redet und sich nicht alles so virtuell abspielt.

Ex-BVB-Spieler Sven Bender: Ich brauche keinen Schnickschnack

BVB-Reporter Tobias Jöhren (r.) im Gespräch mit Sven Bender. © Mesch

Bewegt sich das Fußballgeschäft da gerade in die falsche Richtung?

Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, was falsch und was richtig ist. Der Fußball entwickelt sich halt weiter. Die Gesellschaft entwickelt sich ja auch weiter. Und wahrscheinlich gehört das alles zur jetzigen Zeit dazu. Ich akzeptiere es auf jeden Fall so, wie es ist. Und in fünf oder zehn Jahren kommt vielleicht etwas ganz Verrücktes. Wer weiß das schon. Das Rad dreht sich jedenfalls immer schneller.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt