Thilo Danielsmeyer, Leiter des Fanprojekts Dortmund, hat die Kampagne „Kick racism out“ gegründet und macht sich seit mehr als drei Jahrzehnten gegen Rechts stark. © Jana Klüh
Borussia Dortmund

Thilo Danielsmeyer: „Die Tribüne war damals eine rechtsfreie Zone“

Das Fanprojekt Dortmund feiert am Samstag das 25-jährige Bestehen von „Kick racism out“. Die Kampagne gegen Rechts hat große Erfolge vorzuweisen. Die Anfänge aber waren hart und steinig.

Seit seiner Gründung im Jahr 1987 engagiert sich das Fanprojekt Dortmund gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Vor 25 Jahren riefen dessen Leiter Thilo Danielsmeyer und Rolf-Arnd Marewski das Projekt „Kick racism out“ ins Leben, das zu einer Erfolgsgeschichte im Kampf gegen Rechts wurde. Am Samstag (9. Oktober, 15.30 Uhr) wird das Fanprojekt Dortmund dessen Jubiläum mit vielen Akteuren der schwarzgelben Fanszene und einem bunten Programm auf der Südtribüne feiern. Im Vorfeld sprach Danielsmeyer mit unserem Redakteur Cedric Gebhardt über die Anti-Diskriminierungsarbeit.

Herr Danielsmeyer, seit 25 Jahren gibt es „Kick racism out“. Inzwischen engagiert sich der BVB selbst auf vielen Ebenen gegen Rechts. Das sah zu den Anfängen des Projekts noch anders aus, oder?

Der BVB hat sich noch bis in die Anfang der 1990er Jahre als reiner Fußballverein verstanden und sich erst nach und nach stärker gesellschaftlich engagiert. Gerade zu Beginn waren wir deshalb noch echte Einzelkämpfer. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre haben wir mit dem harten Kern der Hooligans zusammengearbeitet.

Wie sah die Zusammenarbeit mit den Hooligans aus?

Wir haben sehr viel sozialpädagogisch gearbeitet, haben einigen beim Ausstieg aus der Szene geholfen. Die waren dankbar für unsere Hilfe. Wir haben auch versucht, die Hooligans in andere Gruppen zu integrieren. Wichtig war uns auch, dass wir Jugendliche, die von der Gewalt fasziniert waren, erreichen. Wir haben einen wichtigen Teil dazu beigetragen, dass diese Gruppen im Laufe der 90er Jahre weniger Einfluss hatten.

War es nicht bizarr, wenn Sie zusammen mit Hooligans auf der Tribüne gestanden und deren fremdenfeindlichen Gesänge gehört haben, obwohl Sie genau das, was diese Menschen verkörpern, mit ihrer Arbeit bekämpfen?

Ja, das war es. Früher haben wir mit den Hooligans auf der Tribüne gestanden und in der Halbzeit oder nach dem Spiel sind sie raus aus dem Stadion, um sich mit anderen zu prügeln. Auch da haben wir begleitet. Aber es war wichtig, einen Einblick in die Lebenswelt dieser jungen Leute zu erhalten und eine gewisse Akzeptanz zu erreichen, um mit ihnen sozialpädagogisch arbeiten zu können. Wir sind nicht die Polizei und auch keine Spitzel. Es war und ist wichtig, dass uns die Fans vertrauen. Jetzt begleiten wir seit vielen Jahren die Ultras, die eine völlig andere Art der Fußballkultur ausleben.

Inwiefern hat sich der Rassismus in den letzten 30 Jahren verändert?

Rassismus war in dieser Zeit immer ein Thema. In den 80er Jahren wurde er noch offen ausgelebt. Die Tribüne war damals eine rechtsfreie Zone. Es gab Affenlaute gegen dunkelhäutige Spieler und es wurde auch schon mal „Heil, Hitler“ gerufen. Das wurde nicht geahndet. Anfang der 90er Jahre gab es dann eine Trendwende. Mit dem zunehmenden Erfolg von Borussia Dortmund wurde der Fußball in der Stadt immer stärker gesellschaftsfähig. Es sind immer mehr Frauen ins Stadion gekommen und das Thema war insgesamt mehr in der Öffentlichkeit. Viele Fans und Fanclubs begannen sich nun über den Fußball hinaus sozial und politisch zu engagieren. Der offene, plumpe Rassismus war dadurch im Stadionumfeld zunehmend tabuisiert. Weg war er dadurch natürlich nicht. Häufig wurde er auf den Reisewegen zum Stadion ausgelebt, zum Beispiel mit Gesängen in der U-Bahn.

Ende der 90er Jahre wurden die Hooligans zunehmend abgelöst von der Ultraszene.

Ja, die Ultras hatten mehr und mehr auf der Süd das Sagen. Durch sie kamen viel deutlicher fanpolitische und gesellschaftliche Themen auf. Und durch ihren Support, ihre Banner und die lautstarke Unterstützung tragen sie zu einer positiven Fankultur bei. Durch sie sind auch neue Bündnisse gegen Rechts entstanden. Viele Gruppen, auch die Ultras, haben unseren Slogan „Kick racism out“ übernommen. Seit 2004 hat der BVB auch eine eigene Fan-Abteilung und engagiert sich seither unglaublich stark gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Sexismus. Der Verein hat eine unglaubliche Wandlung vollzogen. Er hat seine wichtige gesellschaftliche Rolle, die er für die Stadt und die Menschen spielt, erkannt und angenommen. Der BVB hat inzwischen eine Vorreiterrolle in Deutschland im Kampf gegen Rechts übernommen.

25 Jahre „Kick racism out“ – was sind die wichtigsten Ziele, die Sie erreicht haben?

Zunächst einmal war und ist es ganz wichtig, dass wir, gemeinsam mit vielen anderen Protagonisten, einen Teil dazu beigetragen haben, eine extrem kreative und sozial engagierte Fanszene mit aufzubauen. Darüber hinaus haben wir dazu beigetragen, dass die Anti-Diskriminierungsarbeit beim BVB sehr ernst genommen wird. Leider hat Dortmund immer noch den Stempel „Nazihauptstadt Deutschlands“. Das schwebt wie ein Damoklesschwert über der Stadt. Dennoch haben wir mit dafür gesorgt, dass es für Rechte in Dortmund zunehmend ungemütlicher geworden ist. Ganz wichtig war auch die Gründung des BVB-Lernzentrums im Jahr 2004. Ein Raum für präventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das war damals etwas ganz Neues, für das wir auch belächelt wurden. Inzwischen gibt es solche Projekte bei 30 Vereinen in ganz Deutschland. Wir haben viele Projekte mit Schulklassen – und das im interessantesten Klassenraum Deutschlands, direkt in der Südtribüne. Wichtig ist aber auch unser Straßenfußball-Projekt, mit dem wir einen wichtigen Zugang zu Kindern und Jugendlichen erhalten.

Auch wenn der Rassismus in Dortmund abgenommen hat und weniger sichtbar geworden ist, ist er noch immer vorhanden. Wie muss sich die Anti-Diskriminierungsarbeit künftig ausrichten?

Das ist richtig, der Rassismus ist noch immer da. Deshalb müssen wir das Thema weiter ernst nehmen und müssen es weiter im Auge behalten. Der Fußball spielt in der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen, die sich gegen Rechts engagieren, künftig noch besser zu vernetzen.

Sie haben von der Politisierung der Fanszene gesprochen. RB Leipzig wird von Teilen der Anhängerschaft sehr kritisch gesehen. Es gibt immer wieder antisemitische geprägte Schmähungen gegen den Klub.

Die Fans brauchen Feindbilder für den Zusammenhalt. Das sind zum Beispiel die Polizei, der Kommerz, Schalke 04 und eben auch RB Leipzig, der in ihren Augen für die totale Kommerzialisierung im Fußball steht. Wir versuchen, das verhärtete Bild in Gesprächen immer wieder aufzuweichen – und zwischen Fans und Polizei zu vermitteln. Das ist manchmal ein ganz schmaler Grat. Aber wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben. Wir haben vielen Jugendlichen eine Perspektive gegeben. Es gibt einige, die in der Phase des Erwachsenwerdens Mist gebaut haben, und mittlerweile auch dank unserer Hilfe den Weg zu ganz normalen Lebensläufen geschafft haben. Diese Beispiele bestätigen uns in unserer Arbeit.

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