Werders Geschäftsführer Frank Baumann hofft auf mutige Bremer gegen den BVB. © dpa
Interview

Werder-Geschäftsführer Frank Baumann: „Natürlich ist Dortmund der Favorit“

Für Werder Bremen geht es gegen den Abstieg, für den BVB um die Champions League. Im Interview spricht Werder-Geschäftsführer Frank Baumann über das Duell am Sonntag, Druck und eine kuriose Wette.

Herr Baumann, Sie sind zwar Geschäftsführer Fußball bei Werder Bremen. Sie waren einst aber auch Kapitän des SV Werder. Wenn Sie vor dem Spiel am Sonntag in Dortmund in der Kabine stehen würden, was würden Sie der Mannschaft als Kapitän mit auf den Rasen geben?Was wir als Werder Bremen schon immer versucht haben, war, dass wir bei den Top-Teams in Dortmund oder München was mitnehmen wollten. Das war auch damals überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Es ist wichtig, dass man der Mannschaft vermittelt, dass sie mit Überzeugung auftritt und mutig spielt. Mut gehört im Spiel mit dem Ball, aber auch gegen den Ball, dazu. Den Mut brauchen wir am Sonntag. Mut und keine Angst zu haben, das ist gerade in der aktuellen Lage des SV Werder sicher nicht so einfach. Es gab zuletzt Niederlagen in Serie – braucht es im Moment eine besondere Ansprache?

Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht, wobei ich da einen Unterschied zur letzten Saison sehe. Letzte Saison war das definitiv ein Thema bei uns. Durch die lange Niederlagen-Serie hat man gemerkt, dass man kein Selbstvertrauen hatte. Das würde ich jetzt ein Stück weit anders bewerten, obwohl wir die letzten vier Bundesliga-Spiele nicht gewonnen haben. Wir hatten dazwischen einen Pokal-Sieg, auch wenn der gegen einen Zweitligisten war (1:0 im DFB-Pokal-Viertelfinale bei Jahn Regensburg, Anm. d. Red.). Die Leistungen in den letzten Wochen waren nicht desolat. Allein die Tabellensituation gibt aber her, dass wir punkten müssen. Wir wissen, dass es in Dortmund sehr schwer wird. Wir werden aber trotzdem alles versuchen, um dort etwas mitzunehmen.

Sie haben gerade die Situation im letzten Jahr angesprochen. Da war Bremen zum vergleichbaren Zeitpunkt Tabellen-17. mit fünf Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz. Jetzt sind sie zwar 13., aber haben nur vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Wird die Situation aktuell unterschätzt?

Nein, definitiv nicht. Wir haben immer betont, dass wir wachsam sein müssen und dass wir noch nicht gerettet sind. Wenn man den Vergleich zum letzten Jahr zieht, sind wir mit ganz anderen Erwartungen in die Saison gestartet. Wir haben im Jahr davor 53 Punkte geholt, waren im Pokal-Halbfinale und sind knapp an der Qualifikation für Europa gescheitert. Wir wollten den nächsten Schritt gehen. Es war daher überraschend für uns, dass wir so tief in den Abstiegskampf geraten sind.

Vor dieser Saison war klar, dass wir um den Klassenerhalt kämpfen werden. Unser Ziel war, dass wir einen Abstand auf die Abstiegsränge haben wollen. Das ist uns bis hierher soweit gelungen, auch wenn der Abstand zum Relegationsplatz in den letzten Wochen geschrumpft ist. Dennoch haben wir alles in der eigenen Hand und das ist ein großer Unterschied zum letzten Jahr. Wir haben uns aber zu keinem Zeitpunkt sicher in der Liga gefühlt. Die Mannschaft weiß, worum es auch am Sonntag geht.Letztes Jahr hat Werder es durch die Relegation geschafft, in der Liga zu bleiben. Was würde ein Abstieg in dieser Saison für den Verein bedeuten?

Ich möchte mich damit eigentlich nicht zu sehr beschäftigen. Dass wir als Geschäftsführung verschiedene Szenarien durchspielen müssen, ist normal. Das geht Dortmund auf einer ganz, ganz anderen Ebene genauso. Ich kann nur sagen, dass wir auf alle möglichen Szenarien vorbereitet sind. Wir wollen aber mit aller Macht in der Liga bleiben.

Frank Baumann war eins Kapitän von Werder Bremen. © dpa © dpa

Für Bremen geht es gegen den Abstieg. Dortmund müsste alle verbleibenden Spiele gewinnen und auf die Resultate der anderen Teams hoffen, um in der nächsten Saison wieder in der Champions League spielen zu können. Welcher Klub steht Ihrer Meinung nach am Sonntag stärker unter Druck?

Das ist schwer zu vergleichen. Es ist schon richtig, dass beide Klubs einen Sieg ganz gut gebrauchen könnten. Dortmund ist es gewohnt, in der Champions League zu spielen. Für sie ist es wichtig, den Abstand zu den Champions-League-Plätzen zu verringern. Für uns ist es wichtig, den Abstand zu den Abstiegsplätzen zu vergrößern. Für beide geht es um einiges.Der BVB hat sich in dieser Saison mehr ausgerechnet und zählt nicht zu den absoluten Spitzenteams – zumindest, was die Tabelle angeht. Darf sich Werder Bremen am Sonntag deswegen größere Erfolgschancen ausrechnen?

Ich würde das nicht so einschätzen. Wenn man die Champions-League-Saison gesehen hat und bedenkt, dass Dortmund noch im Pokal dabei ist, würde ich sie weiterhin als Spitzenteam in der Bundesliga sehen. Es wird für uns definitiv eine schwierige Aufgabe. Dass es für Dortmund um sehr, sehr viel geht, macht es für uns nicht unbedingt leichter.Dortmund wurde in Champions League zuletzt intensiv gefordert. Kann ihnen das Hoffnung machen, dass den Borussen nach der jüngsten Belastung ein wenig die Kraft fehlen könnte?

Nein, das sehe ich nicht so. Dortmund ist das grundsätzlich gewohnt. Sie haben bis Sonntag genug Zeit, zu regenerieren. Wir erwarten eine frische und hungrige Dortmunder Mannschaft. Natürlich ist Dortmund der Favorit und wird mehr Spielanteile haben. Wir müssen gut verteidigen. Wir werden aber auch versuchen, mit dem Ball Lösungen zu finden, um Nadelstiche setzen zu können.Was wird das Rezept sein für Sonntag: Dortmund den Ball überlassen und selbst auf Konter lauern, oder mitspielen?

Da der BVB natürlich die Ruhr Nachrichten sehr intensiv verfolgt, möchte ich nicht darauf eingehen. Außerdem ist unser Trainerteam für die taktische Ausrichtung und die Aufstellung verantwortlich. Natürlich wollen wir aber auch Ballbesitz haben. Dortmund darf man keinen Raum geben. Wir müssen kompakt verteidigen. Es ist aber auch wichtig, für Entlastung zu sorgen. Sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis es klingelt.

Klingeln ist ein gutes Stichwort. Nach einem Haaland-Schuss hat es schon seit sieben Spielen nicht mehr im Tor geklingelt. Ein Fakt zum Aufatmen für Sie?

Es war in den Spielen gegen City für Dortmund auch nicht einfach, zu vielen Chancen zu kommen und Haaland einzusetzen. Da war es schwierig für ihn, seine außergewöhnlichen Qualitäten zur Geltung zu bringen. Wir müssen aber bei der ganzen Dortmunder Offensive wachsam sein, ich würde nicht nur auf Haaland eingehen.Im DFB-Pokal ist Bremen noch im Halbfinale gefordert. Stört das nicht die Konzentration auf den Abstiegskampf in der Bundesliga?

Wir betrachten jeden Wettbewerb für sich. Wir spielen im Halbfinale nicht unter der Woche, sondern am Wochenende. Von daher kann man nicht von einer großen Mehrbelastung sprechen. Man kann eher sagen, dass man im Rhythmus bleibt – im Gegensatz zu den Mannschaften, die nicht mehr im Pokal dabei sind. Für uns ist jetzt erst einmal Dortmund, und dann die Englische Woche in der Bundesliga relevant. Danach werden wir uns mit dem DFB-Pokal-Halbfinale beschäftigen.Nehmen wir mal an, Werder setzt sich gegen RB Leipzig durch und zieht ins Finale ein. Im DFB-Pokal haben sie in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen mit Dortmund gemacht. Wäre der BVB im Endspiel der Wunschgegner?

Es wäre anmaßend von uns, schon über das Finale zu sprechen. Deswegen bitte ich um Verständnis, dass ich keinen Wunschgegner nenne. Ich kann aber sagen, dass ich davon ausgehe, dass Dortmund in das Finale einziehen wird, und dass wir eine ganz schwere Aufgabe gegen Leipzig haben.2019 haben Sie mit einem Radio-Moderator gewettet, dass Sie die Bremer Kabine putzen, wenn der BVB am letzten Spieltag der Saison noch Meister wird (Dortmund hatte zwei Punkte Rückstand, musste gewinnen und auf eine Niederlage der Bayern hoffen, Anm. d. Red.). Wie kam es zu dieser kuriosen Wette?

Ich habe mit der Morning Show von „Bremen Vier“ wöchentlich ein Interview geführt. Das war häufig etwas lustiger und nicht ganz so bierernst gemeint. Da kam es zu dieser Wette.

Wenn Sie jetzt nochmal eine Wette machen müssten, was wäre Ihr Wetteinsatz dafür, dass der BVB noch die Champions League erreicht? Die Dortmunder Kabine putzen?

Erstmal traue ich den Dortmundern das noch zu. Auch, wenn ich Sonntag hoffe, dass wir in Dortmund punkten können. Wir können uns nach dem Duell mit uns gerne etwas überlegen – wenn ein Wetteinsatz der Ruhr Nachrichten dagegensteht.

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Hat im Mai 2020 in der für den Lokal-Journalismus aufregenden Corona-Zeit bei Lensing Media das Volontariat begonnen. Kommt aus Bochum und hatte nach drei Jahren Studium in Paderborn Heimweh nach dem Ruhrgebiet. Möchte seit dem 17. Lebensjahr Journalist werden.
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Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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