Wettbewerbsverzerrung für den BVB? Der Leipziger Weg ist das Ziel!

hzKommentar

BVB und DFL hoffen auf eine schnelle Rückkehr der Zuschauer. Der Leipziger Vorstoß stößt auf keinerlei Kritik, das Wort Wettbewerbsverzerrung wird gemieden. Tobias Jöhren kommentiert.

Dortmund

, 03.09.2020, 18:16 Uhr / Lesedauer: 3 min

Christian Seifert hat am Donnerstagnachmittag viele nachvollziehbare Worte gesprochen. Der Chef der Deutschen Fußball Liga sagte, man dürfe nicht leichtsinnig im Umgang mit dem Coronavirus umgehen, aber man dürfe sich auch nicht von der Angst vor dem Virus lähmen lassen. Er wünsche sich einen „aktiven“ Umgang mit dem Virus, es brauche „Mut und Besonnenheit“ und „sehr viel Energie“.

Profiklubs sehnen sich nach der Rückkehr der zahlenden Besucher

Die meisten dieser Worte zielten darauf ab, und das ist aus Sicht eines Managers, der die Interessen von 36 Profiklubs vertritt, völlig legitim und nur verständlich, für die Rückkehr von Zuschauern in den Stadien der ersten und zweiten Bundesliga zu werben. Die Vereine, auch und insbesondere ihre mehr oder weniger leeren Kassen, sehnen sich nach zahlenden Besuchern in ihren vergeisterten Arenen, selbst wenn es für den Anfang erst einmal nur ein paar Tausend sein mögen. Und so verwundert es auch nicht wirklich, dass sich keiner der DFL-Klubs am Donnerstag auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung darüber beschwerte, dass ausgerechnet RB Leipzig, gewiss nicht der beliebteste der 36 Vereine unter dem Dach der DFL, am ersten Spieltag aller Voraussicht nach vor 8.500 Zuschauern gegen den 1. FSV Mainz 05 spielen wird, während andernorts die Tribünen noch leer bleiben.

Seifert sagte, der Begriff „Wettbewerbsverzerrung“ sei in der Diskussion der Leipziger Pläne überhaupt nicht gefallen. Man solle daher das „scharfe Schwert der Wettbewerbsverzerrung mal stecken lassen“. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hatte RB Leipzigs Vorstoß bereits am Dienstag als „mutigen, aber gleichzeitig wohl überlegten Schritt“ gelobt – und Watzke ist gewiss kein ausgewiesener Fan der sogenannten „Roten Bullen“.

Fans zurück ins Stadion: Der Leipziger Weg ist das Ziel

Doch in der Not frisst der Teufel nun mal auch Fliegen, und am Ende verhält es sich vermutlich so: Niemand möchte in einem leeren Stadion spielen, während in Leipzig schon wieder Zuschauer zugelassen sind, aber die Hoffnung ist halt groß, und deswegen schluckt man die Kröte, ohne mit der Wimper zu zucken, dass davon unter dem Strich alle profitieren. Denn der Leipziger Weg beziehungsweise der des Bundeslandes Sachsen erhöht den Druck auf andere Bundesländer und örtliche Gesundheitsämter, er ist das Ziel. Wenn die Infektionszahlen, das ist die Grundvoraussetzung, gering und die Konzepte der Klubs gut sind, warum soll dann nicht auch außerhalb Sachsens Bundesliga-Fußball an der frischen Luft vor zumindest einigen Tausend Zuschauern möglich sein? Und zwar so schnell wie möglich? Das sind die zentralen Fragen – und die Vereine stellen sie verständlicherweise und auch zu Recht.

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Ein paar Ungereimtheiten auf der anderen Seite der Medaille bleiben trotzdem. Zum einen stellt sich die Frage, warum sich die Bundesliga und ihre Klubs mal wieder nicht auf eine bundeseinheitliche Linie einigen können – oder wollen. Das klappte schon nicht, als die Bundesligisten vor der Wiederaufnahme des Spielbetriebs im vergangenen Mai quer durch die Republik unterschiedlich früh ins Mannschaftstraining einstiegen. Und es klappt auch jetzt nicht. Solidarität ist augenscheinlich eben meistens nur so lange super, bis sie tatsächlich mit Leben gefüllt werden muss.

Solidarität? Der Langsamste gibt das Tempo vor – eigentlich

Dabei wäre der einfachste Weg tatsächlich sehr einfach: Der Langsamste gibt das Tempo vor – wie bei einer gemütlichen Radtour mit Freunden, niemand reißt aus, man startet zusammen, man erreicht gemeinsam das Ziel, in diesem Fall irgendwann wieder ausverkaufte Stadien. Das wäre in Zeiten des bröckelnden Ansehens und im Sinne der sportlichen Fairness sowie vielleicht sogar im Grundgedanken des Sports deutlich vermittelbarer und sympathischer als ein wildes Wettrennen mit ein paar durchgewinkten Frühstarts, in dem jeder für sich kämpft und an dessen Ende mal geschaut wird, wer zuerst wieder die Hütte voll bekommt.

Und zum anderen ist da die Frage, warum RB Leipzig und das Land Sachsen ausgerechnet zu Beginn dieser Woche vorgeprescht sind, obwohl sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder erst am vergangenen Donnerstag dafür ausgesprochen hatten, die Bundesliga bis mindestens Ende Oktober vor leeren Zuschauerrängen stattfinden zu lassen, auch wenn die DFL die Ergebnisse der Bund-Länder-Konferenz ausdrücklich nicht als „generelle Absage“ für eine zeitnahe Zuschauer-Rückkehr in der Bundesliga bewertet. Deutlich waren die Aussagen der Politik trotzdem, und viel Interpretationsspielraum ließen sie eigentlich nicht zu. So hatte etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor einer Woche erklärt, es sei „nicht sinnvoll, im September mit Zuschauern zu starten“. In Zeiten steigender Infektionszahlen sei es schlicht „ein falsches Signal“. Seifert wollte am Donnerstag lieber von einem „positiven Zeichen“ aus Sachsen sprechen, verwies auf den Föderalismus in Deutschland und die Zuständigkeit der örtlichen Gesundheitsämter.

DFL und die Politik: König Fußball regiert

Und so bleibt bei allen guten Ideen und Konzepten, die Klubs und Liga ausgearbeitet haben, doch der Beigeschmack, dass zwar sehr gerne darauf verwiesen wird, dass die Politik einen herausragenden Job erledige und selbstverständlich immer das letzte Wort habe, aber bitteschön vielleicht doch nur so lange, wie die Entscheidungen auch nach den Wünschen des Profifußballs getroffen werden. Man „respektiere und akzeptiere“ die Entscheidungen der Politik, sagte Christian Seifert am Donnerstag noch einmal, und man habe freilich auch großes Interesse an einer bundeseinheitlichen Lösung. Zweifel, ob das wirklich für alle Lösungen und Entscheidungen der Politik gilt, oder nur für solche, die der DFL und ihren Klubs auch zusagen, scheinen nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Es ist wohl der Preis des Lobbyismus.

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