BVB-Spieler Marius Wolf wäre einst fast beim VfL Bochum gelandet. © picture alliance/dpa
Fußball

Wie BVB-Profi Marius Wolf beinahe beim VfL Bochum und nicht in Frankfurt gelandet wäre

BVB-Spieler Marius Wolf wurde von Autor Ronald Reng auf seinem Weg vom Talent zum Profi begleitet. In seinem Buch geht es um Englischklausuren, Frisuren und darum, wie Wolf beinahe in Bochum landete.

Die Situation von Marius Wolf in der Sommerpause war sicherlich keine angenehme. Nach Leihen zu Hertha BSC und zum 1.FC Köln gab es nicht wenige, die den 26-Jährigen als Wechselkandidaten auserkoren hatten. Doch Wolf wollte sich unter Trainer Marco Rose durchbeißen beim BVB – wie schon so oft zuvor in seiner Karriere. Denn die verlief alles andere als schnurgerade: Mit 16 wurde Wolf aus dem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des 1.FC Nürnberg geworfen, Jahre später in die zweite Mannschaft von Hannover 96 degradiert.

Wolf ist einer von drei Protagonisten des Buchs „Der große Traum“. Autor Ronald Reng hat drei verheißungsvolle Talente über neun Jahre begleitet und Einblicke geliefert in die Gefühlswelt von Teenagern, die dem Fußball alles unterordnen, seine Ungerechtigkeit aber immer wieder zu spüren bekommen.

Doch Wolf ist einer, der mit Rückschlägen umgehen kann. Das hat er auch jetzt wieder bewiesen: In der laufenden Saison kam er in fünf von sieben Bundesliga-Spielen zum Einsatz, stand gegen Augsburg sogar in der Startelf. Die Fans feiern ihn für seinen unermüdlichen Einsatz, Marco Rose schätzt ihn wegen seines Eifers und seiner Variabilität. Vom vermeintlichen Abstellgleis geht es für Wolf aktuell auf die Überholspur.

Dass der 26-Jährige überhaupt den Weg zum BVB gefunden hat, ist auch dem Zufall zu verdanken. Denn Wolf, der sich in der Frankfurter Pokalsieg-Saison 2018 in den Fokus der Dortmunder spielte, wäre im Jahr zuvor beinahe in Bochum und nicht bei der Eintracht gelandet: Statt Bundesliga und Pokalfinale wäre es für Wolf dann um den Klassenerhalt in der zweiten Liga gegangen.

BVB-Spieler Wolf stand kurz vor Wechsel nach Bochum

Es ist eine der Anekdoten aus Rengs Buch, die zeigen, wie sehr das Geschäft Profifußball einer Achterbahnfahrt gleicht: Marius Wolf steht bei Hannover 96 unter Vertrag, wird von Trainer Daniel Stendel aber selten eingesetzt und in der Saison 2016/17 schließlich in die U23-Mannschaft in die Regionalliga versetzt. Für den damals 21-Jährigen ein herber Schlag.

Für Marius Wolf lief vor seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt nicht immer rund.
Für Marius Wolf lief vor seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt nicht immer rund. © picture alliance / Uwe Anspach/dpa © picture alliance / Uwe Anspach/dpa

Gänzlich unverhofft kommt da das Leih-Angebot des VfL Bochum in der Winterpause. Am 30. Januar, dem vorletzten Tag des Transferfensters, reist Wolf nach Bochum, um dort am Folgetag den Medizincheck zu absolvieren und einen neuen Anlauf zu wagen.

Zur Person: Ronald Reng (*1970) ist Sportjournalist und Buchautor. 2010 schrieb er die Biografie „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“. Sein aktuelles Buch heißt „Der große Traum“.

Am späten Abend – es ist bereits 22 Uhr – checkt Wolf in einem Hotel am Bochumer Hauptbahnhof ein und bezieht sein Zimmer. Dann klingelt sein Handy: Bruno Hübner, Sportdirektor von Eintracht Frankfurt, ist dran. Geschätzte 15 Minuten nach dem Check-In verlässt Wolf das Hotel bereits wieder. Für ihn geht es jetzt doch nicht nach Bochum, sondern zur Eintracht: Innerhalb einer Viertelstunde heißt die Realität nicht mehr Hannover 96 II, nicht mehr Abstiegskampf in der zweiten Liga mit dem VfL, sondern plötzlich Kampf um das internationale Geschäft mit Frankfurt. Für Marius Wolf wird es der große Durchbruch sein.

Reng begleitete Wolf auf all seinen Stationen bis dahin. Er erzählt, wie der damals 12-Jährige mit weißgefärbten Haaren und voller Selbstvertrauen den Fußballplatz betritt. Wie er von Cristiano Ronaldo schwärmt und über die Bundesliga spricht statt für die Schule zu lernen. Wie er mit 16 aus dem NLZ des 1. FC Nürnberg fliegt und seinen Eltern eine Fünf in der Englischklausur verschweigt. Wolf gehörte schon immer zu den Lautsprechern – über eigene Probleme sprach er aber selten, die machte er mit sich selbst aus.

Wolf kickt beim BVB – Reislöhner ist Fliesenleger

Rengs Buch bietet eindrucksvolle Einblicke in die Branche. Wie knallhart im Nachwuchsbereich gearbeitet und aussortiert wird, wie gnadenlos der Fußball sein kann. Und es geht darum, wie ein Alternativ-Weg für die vielen tausend Talente aussehen kann, die es nicht schaffen. Denn anders als Wolf haben Fotius Katidis und Niko Reislöhner, die beiden anderen Protagonisten Rengs, den Sprung nicht gepackt.

Reislöhner entschied sich mit 21 aktiv gegen die Fußballkarriere, als es für ihn in der zweiten Mannschaft des FC Ingolstadt nicht weiterging. Heute ist er Fliesenleger, kickt in der Kreisliga und ist, so Reng, „absolut happy“. Katidis hatte größere Schwierigkeiten, den großen Traum zu begraben. Der heute 24-Jährige probierte es in der Oberliga, anschließend in der Bayernliga. Erst als die Hoffnung auf den Durchbruch endgültig in Verzweiflung umschlug, zog Katidis die Reißleine: Nun arbeitet er als Versicherungskaufmann.

Sein Wegbegleiter Marius Wolf hingegen kickt beim BVB bald wieder vor über 60.000 Fans. Dass Freud und Leid im Fußball nicht viel trennt, ist keine neue Erkenntnis. Rengs Buch aber schildert sie besonders eindrücklich.

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Seit 2019 als freier Mitarbeiter für Lensing Media im Einsatz. Hat ein Faible für sämtliche Ballsportarten und interessiert sich für die Menschen, die den Sport betreiben - von der Champions League bis zur Kreisliga.
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