Wunsch nach Veränderungen im Fußball - und die Rolle der BVB-Fanszene

hzBorussia Dortmund

„Unser Fußball“ will den Profifußball grundlegend verändern. Die aktive BVB-Fanszene ist eine der treibenden Kräfte hinter der Initiative. Die Frage ist: Wie viel lässt sich bewegen?

Dortmund

, 17.07.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jan-Henrik Gruszecki ist mit dem Wort Bündnis, das so oft zu lesen ist, in diesem Fall nicht wirklich einverstanden. „Unser Fußball“, sagt er, sei eher eine Initiative oder schlichtweg eine Petition. Gruszecki, ein ziemlich bekannter Mann in der aktiven BVB-Fanszene, ist einer der Sprecher von „Unser Fußball“. Er und seine Mitstreiter waren umtriebig in den vergangenen Wochen: Insgesamt über 2.300 Fangruppen oder Fanclubs und zusätzlich über 12.200 Einzelpersonen haben die Erklärung von „Unser Fußball“ mittlerweile unterzeichnet, seit sie am 24. Juni im Internet veröffentlicht wurde.

Die letzte Chance für grundlegende Veränderungen im Profifußball?

Mit so viel Zuspruch habe niemand gerechnet, als vor einigen Monaten die Idee für die Initiative entstand, sagt Gruszecki im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten. „Wenn wir alle Einzelpersonen zusammenzählen würden, die bei uns unterzeichnet haben, dann kämen wir mittlerweile auf über eine halbe Million Menschen“, sagt er. Das sei mehr als die Besucherzahl an einem ausverkauften Bundesliga-Spieltag - und es zeige, „dass wir hier nicht nur über ein Thema der Ultras oder der Stehplatz-Liebhaber reden“.

„Seit Jahren beobachten wir viele Entwicklungen des Profifußballs mit Sorge.“ So beginnt die Erklärung von „Unser Fußball“. Die Zeit sei gekommen, den Profifußball grundlegend zu verändern, heißt es weiter. Weitermachen wie vor der Krise dürfe keine Option sein. „Wir wollen nicht zurück zu einem kaputten System.“ Die Fan-Initiative stellt klare Forderungen an den Profifußball und seine Entscheider, wohlwissend, dass die Gelegenheit gerade günstig ist. „Vielleicht ist es aber auch die letzte Chance, um noch einmal etwas zum Guten zu ändern“, sagt Gruszecki. Im Kern der Erklärung geht es darum, dass der Profifußball einen faireren Wettbewerb ermöglichen, seiner gesellschaftlichen Vorbildfunktion gerecht werden, demokratisch und wirtschaftlich nachhaltig sein, Fan-Interessen in Entscheidungsprozesse einbinden sowie der 50+1-Regel die Treue schwören soll.

DFB-Präsident Keller präsentiert einen Fünf-Punkte-Plan

Zumindest die Versprechungen einiger ranghoher Fußball-Funktionäre während der Corona-Krise lassen die Fans auf Besserung hoffen. DFL-Chef Christian Seifert hat eine „Task Force Zukunft Profifußball“ - so heißen Arbeitsgruppen heutzutage - angekündigt, die spätestens ab September darüber beraten soll, was im Fußball alles besser werden muss. DFB-Präsident Fritz Keller hat einen „Fünf-Punkte-Plan für mehr Nachhaltigkeit im Fußball“ erstellt, um den „Fußball wieder näher an die Menschen“ heranzurücken. Horst Heldt, der Geschäftsführer des 1. FC Köln, hat öffentlichkeitswirksam gefordert, es müsse zukünftig wieder mehr auf die Fans eingegangen werden.

Wunsch nach Veränderungen im Fußball - und die Rolle der BVB-Fanszene

© imago / Zink

Jan-Henrik Gruszecki (36) ist von Kindesbeinen an Fan von Borussia Dortmund. Seit Jahren engagiert sich der Autor und Produzent gegen die Kommerzialisierung des Fußballs.

Die Frage ist, wie viel von den Worten, die den Fans Hoffnung auf Veränderungen schenken, am Ende übrig bleibt. Die Meinung in der Dortmunder Fanszene ist geteilt. Es gibt Optimisten, es gibt Pessimisten, und es gibt die, denen der Fußball in den vergangenen Jahren schlichtweg egaler geworden ist. Gruszecki gehört noch zu den Optimisten. „Wenn die Entscheidungsträger in den Vereinen und Verbänden jetzt nicht verstanden haben, was die Stunde geschlagen hat, dann weiß ich nicht, was noch passieren soll, damit ein Umdenken einsetzt“, sagt er. „Und wenn wir nicht wirklich daran geglaubt hätten, etwas bewegen zu können, dann hätten wir „Unser Fußball“ nicht ins Leben gerufen. Wir haben alle auch so genug zu tun in unserer Freizeit.“

Dortmunder Fanszene als treibende Kraft von „Unser Fußball“

Von den rund 950 BVB-Fanclubs oder Fangruppen haben bisher gut 150 die Erklärung von „Unser Fußball“ unterzeichnet, alle drei Dortmunder Ultra-Gruppen gehören zu den Erstunterzeichnern, auch alle 30 Mitgliedsorganisationen des BVB-Fanrats sind dabei. Obendrauf kommen noch knapp 1.000 Einzelpersonen aus dem BVB-Umfeld, die ebenfalls unterschrieben haben. Im Durchschnitt rechnet Borussia Dortmund mit 60 Mitgliedern pro Fanclub, in Summe lassen sich also wohl gut 10.000 Unterstützer in BVB-Fankreisen finden. Die aktive Dortmunder Fanszene gilt auch, aber nicht nur aufgrund dieser Zahl als eine der treibenden Kräfte von „Unser Fußball“. In der Bundesliga-Tabelle nach „Unser Fußball“-Unterzeichner liegt der BVB hinter Borussia Mönchengladbach und Bayern München auf Platz drei.

Von den rund 950 BVB-Fanclubs oder Fangruppen haben bisher gut 150 die Erklärung von „Unser Fußball“ unterzeichnet.

Von den rund 950 BVB-Fanclubs oder Fangruppen haben bisher gut 150 die Erklärung von „Unser Fußball“ unterzeichnet. © Unser Fußball

Das heißt allerdings nicht, dass im BVB-Umfeld zwangsläufig Ambitionen gehegt werden, ab September in der „Task Force Zukunft Profifußball“ mit am Tisch zu sitzen. Weder bei den Vereins- noch bei den Fan-Vertretern. Man würde sich nicht dagegen wehren, aber als Einladungsgesuch soll die Erklärung von „Unser Fußball“ nicht verstanden werden. Vielmehr gehe es jetzt darum, wirklich etwas zu verändern, nicht nur zu reden. Die Standpunkte zwischen allen Parteien seien zur Genüge ausgetauscht. „Es ist ja nicht so, dass in den vergangenen Jahren zu wenig miteinander gesprochen worden ist“, sagt Gruszecki, „es ist unter dem Strich nur zu wenig dabei rumgekommen, das ist spätestens in der Corona-Krise ja für jeden ersichtlich geworden.“

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