20.000 Kilometer im Jahr: Warum Volker Willsch (74) nach der Rente weiter arbeitet

hzArbeiten nach der Rente

Arbeiten nach der Rente. Das klingt verrückt. Wozu hat man schließlich jahrelang eingezahlt? Immer mehr Rentner gehen trotzdem weiter arbeiten. Auch Volker-Erich Willsch aus Castrop-Rauxel.

Castrop-Rauxel

, 10.08.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dass immer mehr Rentner arbeiten gehen, sei „voraussehbar“ gewesen, sagt Jürgen Jentsch, Vorsitzender der Landesseniorenvertretung. Denn immer mehr Rentner könnten nicht mehr durch ihre Arbeit einen entsprechenden Rentenanspruch erwerben. Die Schuld dafür sieht Jentsch im Niedriglohnsektor – und die Zahl der Rentner, die eben nicht in den Ruhestand gehen und weiterarbeiten müssten, werde weiter steigen.

Auch Volker-Erich Willsch arbeitet noch, obwohl er schon 74 Jahre alt ist und seit dem 1. Mai 2007 Rente bezieht. Allerdings: Mit Altersarmut hat das für Willsch nichts zu tun. „Ich bin einfach kein Couchpotato. Das mag mancher ungemütlich finden. Ich find’s gut“, sagt Willsch, der im Auftrag einer Marktforschungsfirma auch mit Mitte 70 noch in ganz Deutschland unterwegs ist.

„Wir hatten viel vor“

Erst vergangene Woche in Norddeutschland zu einer Kundenbefragung für einen Energieversorger. Das heißt: Beschwerden aufnehmen, dokumentieren und dem Auftraggeber übergeben.

In seinem „echten“ Beruf, also bevor er Rentner wurde, war Willsch 20 Jahre für Rütgers tätig, wechselte dann zur Schwesterfirma Bakelite in Letmathe. Druck im Beruf kannte Willsch gut, wie er sagt. „Als die Firma von Amerikanern übernommen wurde, ist der Druck immer mehr geworden.“

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Als Willsch noch vor der Rente stand, hatte er sich seinen Lebensabend anders vorgestellt - zusammen mit seiner Frau. „Wir hatten viel vor.“ Aber dazu kam es nie. Denn sie starb zwei Wochen, bevor Willsch aufhörte zu arbeiten.

Unterkriegen lassen hat der langjährige Obercastroper (heute Castrop) sich davon nicht. „Ich habe erst einmal alles gemacht, was wir uns vorgenommen hatten.“ Viele Reisen. Zwei Jahre lang. Dann drohte die Leere. Denn auch wenn Willsch drei erwachsene Kinder und auch Enkel hat, sie leben weit zerstreut, die Tochter etwa in den USA.

Kampf gegen die Langeweile

Sie war es auch, die ihrem Vater sagte: „Du musst was tun, sonst gehst du ein.“ Also suchte Willsch sich den Nebenjob bei der Marktforschungsfirma eines Freundes. Als Freiberufler war er auch 2018 noch unterwegs. 20.000 Kilometer sei er gefahren. Von Müdigkeit keine Spur. „Ich mache das, solange ich noch kann.“

Druck machen lässt er sich dabei keinen. „Ich bin selbstständig und deshalb flexibel. Ich kann auch mal einen Auftrag ablehnen.“ Zum Beispiel, um seinen Enkel zum Highschool-Abschluss in Amerika besuchen zu können.

Witwerrente „ist ein Witz!“

Kritiklos am deutschen System bleibt aber auch Willsch nicht. Denn nicht nur sein Gehalt muss er versteuern, sondern auch seine Rente. „Für die Rente habe ich doch schon Steuern bezahlt“, sagt er. Und die Witwerrente „ist ein Witz!“ Immerhin hat auch Willschs Frau 40 Jahre lang gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt.

Klagen möchte Willsch aber nicht zu viel. „Mir geht es persönlich gut und ich nage ja nicht am Hungertuch.“

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