25 Jahre Sonnenuhr auf Schwerin: So entstand einer der schönsten Orte Castrop-Rauxels

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Die Sonnenuhr auf der Bergehalde Schwerin ist als Landmarke im Ruhrgebiet ausgewiesen. Unzweifelhaft ist es einer der schönsten Orte der Stadt. Wir erzählen die Geschichte dazu.

Schwerin

, 27.08.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine der Wegbereiterinnen war sicherlich die Bürgerwerkstatt, die im Jahr 1993 über die Bühne ging. Eine Bürgerwerkstatt auf dem Nährboden der Internationalen Bauausstellung, im Auftrag der Stadt Castrop-Rauxel. Mit Bürgern, Künstlern, Fachleuten. Wobei die Begrifflichkeiten hier durchaus Schnittmengen aufweisen.

Jan Bormann, längst vom Regionalverband als „Vater der Halden-Kunst“ geadelt, sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Es war eine unheimlich aktive Zeit damals“. Auch viele junge Leute seien dabei gewesen. Und einen kleinen Moment wird der heute 80-jährige, der zu den renommiertesten Söhnen Castrop-Rauxels gehört, ganz kribbelig. Erinnert sich an jede Menge Details, an teils verrückt anmutende Ideen, an Szenarien der Fantasie, die Landschaft, Hinterlassenschaft des Bergbaus, mit künstlerischem Ansatz und planerischem Mut zu einer Einheit zu verschmelzen.

25 Jahre Sonnenuhr auf Schwerin: So entstand einer der schönsten Orte Castrop-Rauxels

Ob sich da jemand an der Sonnenuhr im Zählen oder Nummerieren üben wollte, ist nicht bekannt. © Schlehenkamp

Ja, sagt Bormann, mit Nachdruck und lächelt: „Die Halde Schwerin ist tatsächlich die erste gebaute Landmarke im Ruhrgebiet“. Jene in Waltrop, die auch Bildhauer Bormanns Handschrift trägt, ist vor Schwerin geplant worden, aber fünf Jahre jünger. Bormann erzählt vom Spurwerkturm in Waltrop - ich muss gestehen, die Halde in der Nachbarstadt kenne ich nicht.

Aber so wie mir mit Waltrop ergeht es tatsächlich auch manchen Bürgerinnen und Bürgern, die ihren Fuß noch nie auf die Halde an der Bodelschwingher Straße gesetzt haben. Ob es nun 149, 150 oder 151 Meter sind, die zum höchsten Punkt der Stadt Castrop-Rauxel führen, ist eher zweitrangig.

Es gibt halt unterschiedliche Quellen. Eine Berechnung soll sogar nur auf 147,3 Meter kommen. 1996 hielt Hermann Büchte auf einer Schautafel an einer Ecke einer von mehreren Rundwegsecken fest, dass es 151 Meter sind.

Der Schatten der Diagonale zeigt die Uhrzeit an

Wer oben ist, kann probieren, für sich selber festzustellen, dass die Sonnenuhr richtig tickt. Nun ja, Ticken, es geht hier um den Schatten, den die am 8. August 1994 eingeweihte Sonnenuhr wirft. Jene 24 Stahlrohre, die sechs Meter hoch sind und bei der der Schatten der Diagonale exakt die Uhrzeit anzeigt.

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Manchmal hat die Sonnenuhr, die neben dem Reiterbrunnen auf dem Altstadtmarkt und vielleicht dem Agora- und Kulturzentrum in Ickern, dem Schiffshebewerk in Henrichenburg, dem Rathaus mit seinen Hallen und dem Schloss Bladenhorst zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten gehört, freilich auch seltsame Gäste. Die meinen, ihr Mütchen an einem Stahlrohr kühlen oder das ein oder andere mit einem Aufkleber versehen zu müssen.

Oder der völlig missglückte Rangierversuch bei einer Übung der Dortmunder Feuerwehr vor 15 Jahren, als ein Stahlrohr tatsächlich ersetzt werden musste.

Halde Schwerin ist erste realisierte Landmarke der IBA

Aber zurück in jene wild bewegte Zeit, als die Internationale Bauaustellung (IBA) die Weichen dafür stellte, dass bedeutende Bauwerke aus dem Arbeitsleben heute unter ganz anderen Vorzeichen weiterwirken und Geschichte erzählen. Also ganz genau, sagt Jan Bormann, war das damals so: Nach seinem Entwurf für den Spurwerkturm in Waltrop im Juni 1993, die erste entworfene Landmarke, hat er im September 1993 die Sonnenuhr für die Bergehalde auf Schwerin auf Papier gebannt.

25 Jahre Sonnenuhr auf Schwerin: So entstand einer der schönsten Orte Castrop-Rauxels

Jan Bormann © Regener

„Die Halde Schwerin ist tatsächlich die erste gebaute Landmarke im Ruhrgebiet.“
Jan Bormann

Mit dem „Geokreuz“, dem Stufenachsenkreuz als Vierfach-Diretissima mit den Materialien der Region - mit Brammen, Eisenbahnschienen, Grubenrundholz und Eisenbahnschwellen. Da war der letzte Pütt Castrop-Rauxels - Erin - immerhin schon fast zehn Jahre platt. Und Bormann erinnert sich hier auch an die Weggefährten, die dafür sorgten, dass aus der Idee und dem Entwurf nicht mal ein Jahr später Wirklichkeit wurde. Bormann zählt auf: Natürlich Professor Karl Ganser, den Iba-Chef, Städtebauminister Christoph Zöpel, Martin Oldengott und Bernhard Lammers fürs Team des städtischen Grünflächenamts. Wobei die erste Idee zur Gestaltung der Halden schon aus 1986 stammt, als sich Bormann erstmals mit dieser Geschichte an den Kommunalverband gewandt hatte.

Navi-Adresse in Castrop-Rauxel lautet „Zur Sonnenuhr“

Ein bisschen aus der Feinkostabteilung von des Künstlers Ansatz: Die Süd-Nord-Achse ist die „Naturachse“ mit dem Thema „Vom Baum zum Holz“, die Ost-West-Achse ist die „Industrieachse“. Sie beginnt mit einem Achttonnen-Massivstahlblock vom Werk Phoenix-West und führt mit Stahlbrammen, die von der Hoesch-Westfalenhütte stammen, als Rohstahlstufenelement zur Sonnenuhr.

Die Stufen der Westachse bestehen aus Eisenbahnschienenpaketen. Die vierte Treppe (und mein Favorit) machen Eichenrundhölzer aus, die Bormann vor einigen Jahren bei der notwendigen Sanierung dieses Aufgangs wieder in Dortmund besorgen konnte. Mit dem Geokreuz und den Heckenrosen, Schlehen und dem Sanddorn als Kontrast zur Geometrie bildet die Sonnenuhr ein außergewöhnliches Ensemble.

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Wo rohe Kräfte sinnlos walten. Leider auch an der Sonnenuhr auf der Bergehalde Schwerin zu finden, wo eine ziemliche Delle hinterlassen wurde. © Schlehenkamp

Die Sonnenuhr, sagt der Künstler, sei notwendigerweise auf die Nordasche ausgerichtet und damit zeige sie den höchsten Sonnenstand in Castrop-Rauxel an. 12 Uhr wahre Ortszeit, die MEZ liegt 33 Minuten früher, wenn die Sonne in Görlitz am höchsten steht, weiß Bormann.

Längst hat der Haldeneingang übrigens auch eine eigene Navi-Adresse. „Zur Sonnenuhr“ eben in der Stadt Castrop-Rauxel. Dafür hat Bormann mit Hartnäckigkeit bei der Stadt geworben. Mit derselben Hartnäckigkeit wahrscheinlich, die er an den Tag legte, als der Birkenbewuchs auf der Halde den Blick versperrte auf das Geokreuz und zum Teil in die Weite des Reviers. Wobei bei gutem Wetter das Erkennen etwa des Tetraeders in Bottrop keinerlei Probleme bereitet - also zumindest etwas jüngeren Augen.

Über zehn Jahre ist es her, dass Bormann richtig sauer war und öffentlich in einer Zeitung fragte: „Darf über unsere Industriedenkmäler einfach Gras wachsen?“ Teil eines langen Ringens um den „richtigen“ Weg.

Wassertempel soll auf Vordermann gebracht werden

Und immer geisterte im Hinterkopf, dass das Abraummaterial, über dem sich schon nach kurzer Zeit die Natur ihren eigenen Weg suchte, beileibe nicht schadstofffrei ist. Zumal da schon klar war, dass sturmreichere Zeiten bevorstehen und damit das Risiko einherging, dass Bäume entwurzelt und kontaminiertes Material an die Luft befördert werden könnte.

Die Idee eines Niederwalds fand schließlich Zustimmung. Am Abstimmungsprozess waren die unteren Landschaftsbehörde des Kreises, der Regionalverband als Besitzer, die Stadt Castrop-Rauxel und Jan Bormann beteiligt. Als die ersten Birken in großem Stil fielen, waren längst nicht alle Bürgerinnen und Bürger auf Schwerin begeistert. Der Sturm der Empörung verebbte nach kurzer Zeit.

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Seit über zehn Jahren liegt die Kümmerpflicht für die Halde jetzt bei der Kommune. Aber da ist bekanntlich das Geld mehr als knapp. Die Sinus-Pergola, die beim Wettbewerb der Bürgerwerkstatt mit dem dritten Platz ausgezeichnet worden war, ist Anfang dieses Jahres endlich erneuert worden, indem die arg ramponierten Hölzer ausgetauscht wurden.

Der Wassertempel von Peter Strege, damals auf dem zweiten Platz gelandet, hätte auch mal wieder dringend eine Auffrischungskur nötig - auch das geht ins Geld, ist aber von der Stadt zugesagt worden. Leider ist der Zauber jener Aufführung des Westfälischen Landestheaters von Shakespeares Sturm im Jahr 2005 auf der Halde mit den Stationen am Hammerkopfturm, am Wassertempel und der Sonnenuhr nie wieder entfacht worden. Es ist ein-malig geblieben.

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