25 Prozent Verkehrsanteil: Ehrgeiziges Ziel in Castrop-Rauxel für das Fahrrad

hzRadfahren in Castrop-Rauxel

Mit dem „Radfahrkreuz Habinghorst“ will die Stadt das Alltagsradfahren in Castrop-Rauxel fördern. Dazu soll es Lückenschlüsse auf den großen Achsen geben. Denn es gibt ein großes Ziel.

von Dieter Duewel

Castrop-Rauxel

, 07.04.2019 / Lesedauer: 6 min

Während in und um Castrop-Rauxel attraktive Fahrradtouren zur Verfügung stehen, die das Radeln zum Vergnügen machen, erschweren gefährliche Straßen und Wegstrecken das Alltagsradfahren.

Es ist klar, dass mehr für die Fahrradfahrer im Alltag getan werden muss. Im Interview mit unserem Mitarbeiter Dieter Düwel erklären Bürgermeister Rajko Kravanja und Verkehrsplaner André Sternemann, was Fahrradfahrer in unserer Stadt in Zukunft erwarten können.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtigen Bedingungen für Fahrradfahrer in Castrop-Rauxel?

Kravanja: Meine Bewertung fällt insgesamt gut aus. Ich würde allerdings unterscheiden zwischen innerstädtischem Fahrradverkehr und Freizeitverkehr. Im Freizeitverkehr sind wir schon richtig gut aufgestellt, zum Beispiel durch die „Grüne Acht“. Ich nehme oft an den Fahrradtouren des ADFC teil und bin immer wieder erstaunt, wo man überall Castrop-Rauxel mit dem Fahrrad genießen kann. Beim innerstädtischen Verkehr ist noch Aufholbedarf, da würde ich mit der Schulnote befriedigend antworten. Das haben wir auch erkannt und versuchen, mit den Möglichkeiten, die wir kommunal haben, Verbesserungen zu erreichen. Aber wir sind eingebunden in die verschiedenen Träger von Straßen, wie zum Beispiel den Kreis und Straßen.NRW. Das ist oft ein zähes Geschäft.

„Die Daten des ‚Masterplans Mobilität‘ sind in der Tat recht veraltet.“
Rajko Kravanja

Versucht die Stadt Einfluss zu nehmen auf die Träger von Straßen, die nicht städtisch sind, z.B. Straßen.NRW oder der Kreis?

Kravanja: Wir sind in ständigem Kontakt mit den Trägern von Straßen, aber es ist nicht so einfach, dabei Fortschritte zu machen. Nicht weil die Probleme nicht erkannt worden sind, aber die Straßenbaulastträger haben auch nur begrenzte Budgets und können nicht nur Castrop-Rauxel bedienen. Daher ist es für uns schwierig, „ein Scheibchen abzubekommen“. Es scheitert einfach daran, dass nicht genug Geld da ist, um alles auf einmal zu machen.
Sternemann: Wir stehen in permanentem Kontakt mit der Kreisverwaltung und dem Landesbetrieb, sie kennen unsere Maßnahmen und wir haben turnusmäßige Abstimmungsgespräche. Wir äußern auch immer wieder unsere Wünsche, vor allem eben die Lückenschlüsse. Es kommt aber in letzter Zeit Bewegung in die Sache, insbesondere an der Wartburgstraße.

Was müsste getan werden, um den Radverkehr attraktiver und sicherer zu machen, vor allem auf den beiden wichtigen Nord-Süd-Achsen B235 bzw. Wartburg- und Bahnhofstraße?

Kravanja: Da müssen wir auf jeden Fall etwas tun! Aufgrund der geografischen Voraussetzungen Castrop-Rauxels ist die Nord-Süd-Achse das A und O, wenn es um die innerstädtische Mobilität geht. Es gibt noch einige Lücken, die wir aber Schritt für Schritt schließen werden.
Sternemann: Auf jeden Fall muss der Lückenschluss vollzogen werden, sowohl auf der Wartburgstraße als auch auf der B235. Wir kennen diese Lücken schon länger, wir haben in den letzten Jahren immer wieder versucht, sie abschnittsweise zu schließen. Das ist vor kurzem auf der Wartburgstraße im Norden gelungen, aber es fehlen immer noch Abschnitte, die hoffentlich in den nächsten Jahren geschlossen werden können.

Halten Sie es für wünschenswert, dass sich Castrop-Rauxel um die Aufnahme in die „Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW“ (AGFS) bewirbt?

Kravanja: Wir halten das für sehr wünschenswert, zumal wir ja auch den Auftrag des Rates dazu erhalten haben. Es macht einfach Sinn, sich in einem Netzwerk auszutauschen, gerade wenn es um Förderanträge geht oder um Innovationen, Stichwort Fahrradstraßen. Wir müssen ja nicht, um es mit einem Wortspiel zu sagen, „das Rad neu erfinden“, sondern da können wir einfach „Copy and paste“ machen und versuchen, das Gute von anderen Städten auf uns zu übertragen.
Sternemann: Das grundsätzliche Ziel der AGFS ist es ja, den Radverkehrsanteil am Gesamtverkehr zu erhöhen. Wir haben allerdings aus den letzten Jahren keine nennenswerte Zahl, wie hoch der Anteil in Castrop-Rauxel liegt. Uns liegen Zahlen aus dem „Masterplan Mobilität“ vor, der allerdings schon über elf Jahre alt ist, da belief sich der Radverkehrsanteil auf 4 Prozent. Es gilt für uns die Vorgabe der AGFS, 25 Prozent Radverkehrsanteil zu erreichen. Das ist ein hohes Ziel, aber zur Mitgliedschaft ist es erforderlich, die Bereitschaft zu signalisieren, dieses Ziel irgendwann einmal erreichen zu wollen. Die Erhöhung des Radverkehrs ist sicherlich ein wesentlicher Punkt, dazu kommt aber auch die Entwicklung eines Nahmobilitätskonzepts, das auch die Bedingungen für Fußgänger berücksichtigt. Wir sind gerade dabei, solch ein Konzept zu entwickeln.
Kravanja: Die Daten des „Masterplans Mobilität“ sind in der Tat recht veraltet, aber sie geben immer noch gewisse Richtwerte an, die oft eine Argumentationshilfe bieten, wenn man Bürgerinnen und Bürgern auf Anfragen antwortet. So ist etwa das persönliche Empfinden, wie belastet eine Straße ist, manchmal anders als es in der Realität ist.

Wie ist die Zusammenarbeit der Verwaltung mit Interessenverbänden wie z.B. dem ADFC?

Kravanja: Wir sind natürlich sehr froh, wenn wir von dem Know-how des ADFC profitieren können. Bei den Radtouren, die vom ADFC organisiert werden, sind auch immer Mitarbeiter der Verwaltung dabei. Wir haben eine sehr gute Kommunikation, die Kollegen geben uns auch mal Nachricht, wenn sie irgendwo Probleme entdeckt haben und wir dann reagieren können.

25 Prozent Verkehrsanteil: Ehrgeiziges Ziel in Castrop-Rauxel für das Fahrrad

Stadtplaner Andre Sternemann mit einem Plan des Radfahrkreuzes Habinghorst. Er selbst kam auf die Idee mit der Fahrradstraße auf der Langen Straße, nimmt aber auch die B235 nördlich und südlich davon für Radwege in den Fokus. © Jens Lukas

Der ADFC bemängelt allerdings, dass es keinen Radverkehrsbeauftragten innerhalb der Verwaltung gibt ...

Kravanja: Das wäre wirklich wünschenswert. Wir sind allerdings der Meinung, dass wir so etwas nicht alibimäßig machen wollen, nur um zu zeigen, dass wir einen solchen Radbeauftragten haben. Dafür müsste auch eine Stelle geschaffen werden, erst dann wäre es ein richtiger Radverkehrsbeauftragter. Wir haben momentan zwei Beauftragte für den Radverkehr, Herrn Sternemann und Herrn Waldert, Teamleiter der Verkehrsabteilung. Zwar steht ein offizieller Beauftragter immer wieder in der politischen Beratung an, aber bisher haben wir es nicht geschafft, dafür wirklich einen Stellenanteil freischaufeln zu können. Beim letzten Stellenplan hatten wir 40 Anmeldungen, die wir nicht erfüllen konnten. Da müssen wir natürlich Prioritäten setzen, etwa bei Kindern, Schulen oder in sozialen Bereichen. Aber mit Herrn Sternemann und Herrn Waldert sind wir wirklich hervorragend aufgestellt.

Zum Konzept „Fahrradstraße Lange Straße“: Wie weit ist die Planung? Wann wird das Konzept umgesetzt?

Kravanja: Bei dem Konzept handelt es sich ja um mehr als nur eine Fahrradstraße. Bei dem „Fahrradkreuz Lange Straße“ wird die B235 miteingeschlossen. Wir bewältigen also den Lückenschluss und machen die B235 sicherer für Fahrradfahrer. Das war die Idee von Herrn Sternemann, der gesagt hat, wenn wir’s machen, dann machen wir’s richtig.
Sternemann: Richtig, deshalb sprechen wir auch nicht vom „Fahrradkreuz Lange Straße“, sondern vom „Radfahrkreuz Habinghorst“. Es geht eigentlich um eine Radinfrastruktur für den gesamten Stadtteil. Konkret bedeutet das: Die Lange Straße wird als Fahrradstraße mit Ein- und Ausfahrt an der B235 hergerichtet. Die einzelnen Bausteine (siehe Infokasten, die Red.) könnten nach dem Okay der Politik ab dem Jahr 2020 unabhängig voneinander umgesetzt werden.

Zur Sache
FREIZEITVERKEHR

Und wie sieht es mit dem Freizeitverkehr aus?
  • Da wünscht sich der Bürgermeister mehr attraktive Anlaufstellen für Radfahrer von auswärts, die etwa den Emscherradweg benutzen. Kravanja: „Unser Ziel sollte sein, diese Radfahrer auch in unsere Ortsteile hineinzubekommen. Warum sollte jemand, der beispielsweise von Dortmund nach Oberhausen mit dem Rad fährt, nicht mal einen Abstecher in die Ickerner Straße machen, um ein leckeres Eis zu essen.“
  • Da sind aus Kravanjas Sicht Gastronomie und Einzelhandel gefragt, es sei aber auch eine Herausforderung für die Verkehrslenkung mit Blick aufs Fahrrad. Kravanja: „Ich erhoffe mir noch einiges vom Emscherumbau, das Hochwasserrückhaltebecken mit dem Hof Emschertal ist da ein tolles Beispiel. Das gilt auch für das Wasserkreuz in Henrichenburg, da muss auf jeden Fall das Fahrradfahren mit eingeplant werden.“

Laut AGFS werden Fahrradstraßen dort eingerichtet, wo bereits jetzt viele Radfahrer unterwegs sind, oder auch, wenn dies erst für die Zukunft erwartet wird. Trifft das aus Ihrer Sicht für die Lange Straße zu?

Sternemann: Die Idee zu diesem Projekt ist mir gekommen, als ich vor einiger Zeit die Lange Straße entlanggegangen bin und bemerkt habe, wie viele Fahrradbügel belegt waren und wie viele Radfahrer mir entgegenkamen, obwohl das Wetter nicht gerade fahrradfreundlich war. Da habe ich erkannt, dass da noch mehr Potenzial drinsteckt.
Kravanja: Wir haben uns auch noch mit den Händlern verständigt, die bestätigt haben, dass viele Kunden mit dem Fahrrad zum Einkaufen kommen. Somit können wir davon ausgehen, dass auch das oben genannte zweite Kriterium erfüllt wird. Sowohl aus eigener Beobachtung als auch aus Sicht der Kaufleute und Anwohner ist zu erwarten, dass eine Fahrradstraße Lange Straße den Radverkehr fördern wird.

Ein Aufnahmekriterium der AGFS besagt, dass kommunale Repräsentanten Vorbildfunktion haben sollen. Wie sieht es mit ihrem eigenen Gebrauch des Fahrrads aus? Hat der Bürgermeister ein Dienstfahrrad, z.B. für kurze Wege?

Kravanja: Ich habe ein E-Bike als Dienstfahrrad, gebe aber zu, dass ich es weniger im Alltag benutze. Aber es ist mein Vorsatz für diesen Sommer, es häufiger für meinen Arbeitsweg von der Castroper Altstadt zum Rathaus zu benutzen. Ich bringe jeden Morgen meine zweieinhalbjährige Tochter weg und bin auf Auto und Kindersitz angewiesen. In diesem Sommer soll aber mein Fahrrad mit Kindersitz öfter zum Einsatz kommen. Ansonsten nutze ich das E-Bike oft am Wochenende für kürzere Strecken und Radtouren. Wir haben im Moment Gespräche mit dem Personalrat, wie wir es schaffen können, mehr Dienstfahrräder zur Verfügung zu stellen. Eine gute Idee ist auch, das „Betriebliche Mobilitätsmanagement“ zu verfolgen, das es in einigen Städten bereits gibt, um weitere E-Bikes anzuschaffen.
Sternemann: Ich habe mir auf die Fahne geschrieben, auf meinem Arbeitsweg von Ickern zum Rathaus alle Verkehrsmittel zu benutzen. Ich fahre gerade in den Wintermonaten hauptsächlich mit dem Auto, nutze aber auch regelmäßig mein Fahrrad. Manchmal nehme ich auch den Bus, einfach, um als Verkehrsplaner eigene Erfahrungen mit den unterschiedlichen Verkehrsmitteln zu sammeln.

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Der Plan
Radfahrkreuz Habinghorst

  • In der Fahrradstraße Lange Straße haben Radfahrer Vorrang, dazu müssen die Vorfahrtsregelungen verändert und entsprechende Beschilderungen eingerichtet werden.
  • Die Höchstgeschwindigkeit steigt von derzeit 20 km/h (verkehrsberuhigter Geschäftsbereich) auf 30 km/h.
  • Radfahrer dürfen nebeneinander fahren. Autofahrer müssen sich den Fahrradfahrern unterordnen.
  • Autoverkehr wird durch eine entsprechende Zusatzbeschilderung zugelassen. Das Aufkommen darf 400 Fahrzeuge pro Stunde nicht überschreiten.
  • B 235 zwischen Ohm- und Römerstraße: Die hier noch vierspurige Bundesstraße soll zweispurig werden, um Platz zu schaffen für Radfahrstreifen.
  • B 235 zwischen Europaplatz und Ohmstraße: Auf einer oder auf beiden Seiten soll ein Radweg angelegt werden, der von der Straße durch einen Grünstreifen getrennt ist.
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