Als die Heringshappen und Rollmöpse noch von Kürpick aus Merklinde kamen

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20 Jahre hat Wilfried Kürpick in Spanien gelebt. Hat Sonne, Meer und die Leichtigkeit des Seins genossen. Jetzt ist er zurück in Castrop-Rauxel, wo vor 60 Jahren seine Feinkostfabrik öffnete.

Castrop-Rauxel

, 26.07.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Er war der Herr der Rollmöpse und Heringshappen: Wilfried Kürpick gehörte einst die gleichnamige Feinkostfabrik in Merklinde. Doch im Alter zog es den Unternehmer nach Spanien.

20 Jahre lang haben er und seine Frau Monika dort gelebt und dann entschieden, nach Castrop-Rauxel zurückzukehren. „Man kennt uns noch“, hat er hier erfreut festgestellt. Und mit einem Lächeln sagt er: „Ich habe genug für drei Leben erlebt.“ Davon erzählt er gerne.

Wilfried Kürpick wurde geboren, als Hitler Reichskanzler wurde. Er hat die NS-Zeit, den Krieg und das Kriegsende miterlebt. Gerne möchte der agile 87-Jährige davon der Jugend berichten, in Schulen zum Beispiel. Wenn er darüber redet, wie er heute den wachsenden Rechtsextremismus erlebt, wird er laut: „Das macht mich wütend.“ Auch, weil er Parallelen zu der Zeit sieht, als er jung war.

Alte Fotos zeigen, wie es in der Feinkostfabrik Kürpick aussah.

Alte Fotos zeigen, wie es in der Feinkostfabrik Kürpick aussah. © Kürpick

Doch weiter zum zweiten Leben, zurück zu den Anfängen in Castrop-Rauxel, wo die Familie vor 50 Jahren ihre Feinkostfabrik ansiedelte. 1961 eröffnete Vater Wilfried Kürpick sie an der Merklinder Straße auf dem Grund des ehemaligen Bauernhofes Sibbe. Er kam aus Essen, wo sich seine Mayonnaise-Fabrik nicht vergrößern konnte.

Die Stadtspitze feiert gelungene Wirtschaftsförderung

Im Gästebuch haben Oberstadtdirektor Dr. Grossmann und Stadtdirektor Bangel damals in Schönschrift ihre guten Wünsche niederschrieben. Die Neuansiedlung feierte die Stadtspitze als Erfolg der Wirtschaftsförderung. Vor allem für Frauen sollten hier viele Stellen geschaffen werden.

Heute steht auf dem Gelände nur noch das alte Bauernhaus, drumherum wurden später Häuser gebaut.

Mayonnaisen, Fischsalate, Fleischsalate und Feinkost, wie sie die Deutschen im Wirtschaftswunderland begehrten, stellte die Feinkostfabrik Kürpick her. Anfangs mit 30 Angestellten, in den besten Zeiten waren es 80. Immer dabei Wilfried Kürpick, später auch seine Frau Monika. „Ich habe alles gemacht“, erinnert er sich. Fuhr er anfangs Waren aus, erfand er später neue Salate.

Alte Fotos zeigen, wie es in der Feinkostfabrik Kürpick aussah.

Alte Fotos zeigen, wie es in der Feinkostfabrik Kürpick aussah. © Kürpick

1968 sahen alle Menschen zu den Olympischen Spielen nach Mexiko. „Karstadt war einer unserer Hauptkunden. Sie sagten damals: Herr Kürpick, wir müssen was machen.“ Und Wilfried Kürpick machte. Sein Mexiko-Salat kam gut an, genauso wie der fruchtige Florida-Salat. Neben Karstadt waren die anderen großen Kaufhäuser Kunden: Horten, Hertie, Kortum – bundesweit wurden Kürpick-Produkte verkauft.

500 Rollmöpse werden in der Stunde gewickelt

Die 70er-Jahre waren die Hochzeit der Feinkostfabrik. Aber es war auch eine Zeit schwerer körperlicher Arbeit. „Fische einlegen ist Handarbeit“, sagt Wilfried Kürpick, „wenn man Fisch aus 150 Kisten mit jeweils 40 Kilo gewaschen und eingelegt hat, ist das sehr kraftraubend.“

Zeitungsartikel im Gästebuch berichten, wie der Fisch von Dänemarks Fischerei-Häfen nach Merklinde kam und dort auch zu Rollmöpsen verarbeitet wurde. 500 bis 700 Stück habe eine Arbeitskraft in einer Stunde geschafft.

Alte Fotos zeigen, wie es in der Feinkostfabrik Kürpick aussah.

Alte Fotos zeigen, wie es in der Feinkostfabrik Kürpick aussah. © Kürpick

Er sei ein Optimist, erzählt Wilfried Kürpick, das habe ihn manche Krise überstehen lassen. Leicht war es nicht gegen die Konkurrenz der großen Firmen Nadler und Homann. „Wir konnten uns nur mit Qualität und gutem Service behaupten.“ Ironie des Schicksals: Wilfried Kürpick Senior hatte nach dem Krieg beim Aufbau der Firma Nadler geholfen.

Ein Schicksalsschlag hat den Kürpicks 1987 die Sendung „Monitor“ versetzt. Dort wurde über Nematoden berichtet, also Fadenwürmer, die sich bundesweit in Frischfischen und Marinaden finden würden. „In 30-facher Vergrößerung wurden sie gezeigt, das sah schon eklig aus“, erinnert sich Monika Kürpitz.

Im Fischgeschäft steckt der Wurm

Die Folgen: Der Umsatz brach vollkommen ein, Angestellte musste entlassen werden. „Dabei finden sich die Nematoden nur in den Innereien, und wir kauften nur ausgenommene Fische ein“, sagt Wilfried Kürpick. Die ganze Branche war damals betroffen.

Von diesem Einbruch hat sich die Firma wohl nie mehr ganz erholt. Der Rest ist schnell erzählt. Wilfried Kürpick verkaufte an die Firma Homann, wo er selbst einstieg und fünf Jahre die Großkunden betreute. „Das waren die schönsten Jahre“, sagt er heute. „Die Aufgabe blieb, ich hatte aber keine Verantwortung mehr.“ 58 Jahre war er, fünf Jahre später ging er in Rente.

Ein neues, ein drittes Leben begann in Spanien in einem Dorf nahe der Costa Blanca. Zufällig stieß er dort auf eine Finca, verliebte sich spontan und kaufte das Haus mit Swimmingpool und großem Garten. „Das war das erste Mal, dass ich nicht gehandelt habe“, erzählt er und lacht. „Und das erste Mal, dass ich übers Ohr gehauen wurde.“

Leben wie in einem Paradies

Egal. Das Leben dort macht Freude. Das Ehepaar findet schnell Anschluss. Man feiert am Strand, genießt das Leben draußen, segelt. Viele Deutsche und Engländer leben dort so wie die Kürpicks. Nur Weihnachten geht es für einen Urlaub in die Heimat. Irgendwann wird er Präsident im Nachbarschaftsverein Campoverde mit 600 Mitgliedern. Er vertritt den Ortsteil beim Stadtrat oder beim Bürgermeister. Seit er 80 ist, ist er Ehrenpräsident.

„Es war ein kleines Paradies“, sagt der 87-Jährige. Doch seit knapp einem Jahr sind sie wieder zurück in Castrop-Rauxel. Auch wenn das Leben in Spanien günstig ist, die ärztliche Versorgung gut und viele Angebote für Senioren kostenlos sind: Zwei Haushalte waren auf Dauer nicht zu halten. Und für Monika Kürpick stand fest: „Im Alter wäre ich dort vereinsamt.“ Also machen sie es nun andersherum: Die Costa Blanca ist jetzt Urlaubsziel.

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