Markus Söder (r.) als CSU-Generalsekretär im Herbst 2006 zusammen mit Edmund Stoiber – wenige Monate vor seiner Rede im Castroper Bürgerhaus. © picture-alliance/ dpa
Rückblick

Als Markus Söder zu Gast in Castrop war – „Die Leute haben gejubelt“

Markus Söder will Kanzlerkandidat für die Union werden. Vor 14 Jahren war der CSU-Politiker zu Gast im Castroper Bürgerhaus – und bekam anschließend unterschiedliche Kritiken.

Nach seiner Festrede im Bürgerhaus an der Leonhardstraße war da noch ein interessantes Detail. Markus Söder, 2007 CSU-Generalsekretär und darum mitten auf der persönlichen Karriereleiter, erklärte freimütig, doch näher am FC Schalke als an Bayern München zu stehen. Mit dem Herzen, versteht sich. „Wir Altmeister müssen zusammenhalten“, betonte der gebürtige Nürnberger und leidenschaftliche Club-Fan seinerzeit – und wusste manchem Castroper damit gewiss zu gefallen.

Söder, der Stimmungsspürer. Der Mann, der weiß, was die Basis hören will. So oder so ähnlich wird er heute allzu häufig beschrieben. Und wie sich Söder während seines Kurzaufenthalts vor rund 14 Jahren in Castrop beim CDU-Neujahrsempfang präsentierte, legt dar, dass er es bereits damals verstand. „Er war ein Polit-Profi, zu dieser Zeit schon“, erinnert sich Karl-Josef Krekeler, ehemals CDU-Stadtverbandsvorsitzender von Castrop-Rauxel.

Söder hält „schlüpfrige“ Rede

Krekeler oblag es an jenem Januartag 2007, die Eröffnungsrede zu halten. Danach kam Söder – „mal mit sanfter Stimme, mal mit wahrem Donnerhall“, so Krekeler. Rüdiger Hagenbucher, ein Vierteljahrhundert bei der WAZ beschäftigt und damals auf einem der Journalisten-Plätze in der letzten Reihe, beschreibt die Söder-Ausführungen als Suada, „wie man sie sonst vom politischen Aschermittwoch oder in Bayern aus dem Bierzelt kennt. Erwartbar für einen CSU-Generalsekretär.“

Zu Teilen, sagt der inzwischen pensionierte Journalist, „war es regelrecht schlüpfrig, was er zum Beispiel über die Familiengründung sagte. Doch die Leute jubelten.“ Ähnlich formuliert auch Krekeler die Stimmungslage in Castrop, wenngleich er kein schlechtes Wort über Söders Rede verliert. Die handelte laut den Aufzeichnungen von Peter Wulle, dem damaligen Redaktionsleiter der Ruhr Nachrichten in Castrop-Rauxel, zuvorderst von Söders „konservativen Wertekanon“.

Söder sprach demnach über Familie und über das Nationalbewusstsein, wobei er sich ausdrücklich über ein Zuviel an Fremdeinflüssen in Deutschland mokierte. Wenn in deutschen Schulen überlegt werde, während des Ramadan die Schulspeisung zu unterlassen, gehe das zu weit. „Mit unseren Sitten und Gebräuchen müssen wir uns nicht nach denen richten, die zuwandern, sondern die, die zuwandern müssen sich nach uns richten“, zitierte Wulle den Redner Söder.

Dass der CSU-Mann, der in den vergangenen Tagen selbst für Intimkenner überraschend heftig um die Kanzlerkandidatur streitet, denn auch noch die Journalisten im Bürgerhaus herabwürdigte, fand derweil keine Erwähnung im damaligen Zeitungsartikel. Wobei sich Wulle wie Hagenbucher noch gut daran erinnern. „Wir“, sagt Hagenbucher, „wurden von ihm direkt angegriffen. Söder sagte, wir seien doch die ersten, die nach Veranstaltungen am Büffet wären. Das ärgert mich bis heute.“

Hat sich in einen Machtkampf mit Armin Laschet begeben: CSU-Parteichef Markus Söder. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Es habe „an dem eigentlich friedlichen Sonntagmorgen irgendwie kriegstreibend“ gewirkt, meint Wulle. Und: „Ich hatte noch nie vom Buffet einer Partei auch nur einen Happen genommen und fühlte mich anders als bei den vielen vorausgegangenen Veranstaltungen der CDU überhaupt nicht willkommen.“ Anders als die vielen Gäste. „Söders Rede ist ausgezeichnet angekommen“, sagt der einstige CDU-Kommunalpolitiker Krekeler.

Für ihn und seine Parteifreunde war der Besuch Söders ein Coup. „Dass ein Franke bei uns zu Gast war und eine Festansprache hielt, war besonders. Das hatten wir unserem inzwischen verstorbenen Bundestagsabgeordneten Philipp Mißfelder zu verdanken“, so Krekeler. Als Bundesvorsitzender der Jungen Union knüpfte Mißfelder einst Kontakte zu Söder – und gewann ihn für die Ansprache in Castrop.

Söders „Skrupellosigkeit, sein Machtbewusstsein und seine Hau-drauf-Mentalität war damals schon erkennbar“, rekapituliert Hagenbucher den 2007er-Auftritt des CSU-Politikers. „Er hat das gesagt, was die Leute hören wollten. Und der hiesigen CDU um Karl-Josef Krekeler hat es auch noch sehr gut gefallen.“ Das habe ihn durchaus „erschüttert“. Söder indes fuhr nach seiner Rede schnell weiter zum nächsten Termin – und nahm nach und nach die nächsten Karrierestufen.

„Er hat ein feines Gespür für Umfragen, für die Basis und die eigene Planung“, sagt Krekeler. „So hat er es immer weiter nach oben geschafft.“ Söder erkannte Stimmungen – und passte sich denen ganz flugs an. Wer hätte 2007 denn gedacht, dass sich dieser CSU-Politiker ein paar Jahre später lächelnd an einen Baum schmiegen, sich auffallend staatstragend verhalten oder freudestrahlend im FCB-Trikot posieren würde?

Söders breitbeiniges Auftreten: Rückfall in alte Zeiten

Der Söder, der vor rund 14 Jahren im Castroper Bürgerhaus mit seiner anscheinend populistischen, definitiv deftigen Rede für Ekstase im Publikum sorgte, wird jedenfalls ganz anders beschrieben. Insofern kann sein bis zuletzt äußerst hartnäckiges Bestreben, Kanzlerkandidat der Union werden zu wollen, durchaus als Rückfall in alte Zeiten gewertet werden.

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Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
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