Altenheimbewohnerin (79) verrät ihr Rezept gegen Einsamkeit durch Corona

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Senioren gelten in der Corona-Pandemie als anfällig: für das Virus und für Einsamkeit. Eine Heimbewohnerin aus Castrop-Rauxel hat ihr Mittel dagegen gefunden und erlebte am 7. Oktober großes Glück.

Castrop-Rauxel

, 27.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Infektionszahlen sind rasant gestiegen, aus Ruhrgebiet wurde Risikogebiet. Gerade eine Seniorin müsste das doch beunruhigen. „Man kann es ja nicht ändern“, meint Ute Kloß, Bewohnerin der Pflegeeinrichtung St. Lambertus in Castrop-Rauxel. Die 79-Jährige sagt: „Ich habe keine Angst vor dem Coronavirus.“

Selbstverständlich versuche sie sich so gut es geht gegen eine Ansteckung zu schützen. Im Taxi fahre sie zum Arzt, und selbst wenn sie mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin im Auto sitze, trügen sie einen Mund-Nasen-Schutz. „Sonst gehe ich ja nicht groß raus“, meint Kloß.

Coronatests bei leisesten Symptomen

Nur allein kann sich die Bewohnerin des Altenheims nicht schützen. Da wäre zum Beispiel der Kontakt mit den Pflegefachkräften, aber: „Bei den leisesten Symptomen wird getestet – auch wenn es nur ein Schnupfen ist“, erklärt Gabriele Bradtke aus der Verwaltung des Pflegeheims.

Besuche sind weiterhin möglich. Es gibt nur eine „Besucherlenkung“, sagt Annette Beckers, Leiterin der Pflegeeinrichtung. Viele Besucher bleiben draußen, gehen in die Stadt, oder man trifft sich im Café der Einrichtung. Sogar auf den Zimmern ist Besuch gestattet. „Aber es gelten die AHA-Regeln und eine Maskenpflicht, wie für uns Mitarbeiter auch“, so Beckers. Besucher müssen per Unterschrift einwilligen, ehe es rein geht. Auf den Zimmern sei ausdrücklich erlaubt, sich näher zu kommen. „Das ist ja auch wichtig für die Menschen, dass sie eine Intimsphäre behalten und auch körperliche Nähe spüren können“, sagt Beckers.

Ute Kloß (79) und ihre Mitbewohnerinnen haben solche Karten von den Schülern geschenkt bekommen.

Ute Kloß (79) und ihre Mitbewohnerinnen haben solche Karten von den Schülern geschenkt bekommen. © Tobias Weckenbrock

Für Kaffee und Kuchen ist Ute Kloß fast jeden Sonntag bei ihrer Tochter Simone. zu Hause. Sie isst dann mit ihr, ihrem Schwiegersohn Lutz und ihrer Enkelin Amelie auch zu Abend.

Coronalage forderte bereits Besuchsverbot

Eine Situation wie ab Mitte März soll sich nicht wiederholen: Damals kam es aufgrund der steigenden Infektionszahlen zu einem landesweiten Besuchsverbot. Gabriele Bradtke von der Heimverwaltung erinnert sich: „Die Bewohner haben gelitten und wir mit ihnen.“

Dementsprechend groß war die allgemeine Erleichterung, als das Verbot Anfang Mai aufgehoben und die Regeln für einen Besuch Ende Juni weiter gelockert wurden. Für Bewohnerin Ute Kloß ist das die Hauptsache. Sie sagt, sie könne sich an das Besuchsverbot im Frühling gar nicht mehr erinnern.

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Seit fünf Jahren wohnt die 79-Jährige in der Pflegeeinrichtung vor den Toren der Altstadt an der Dortmunder Straße. Zuvor hatte sie immer wieder Schritte unternommen, um in ihrer Eigentumswohnung in Wanne-Eickel bleiben zu können. Sie stellte eine Putzfrau an, ließ sich das Essen bringen, eine barrierefreie Dusche einbauen. Am Ende hatte sie einen Notfallknopf: „Im Normalfall hätte ich gut da wohnen können“, so die 79-Jährige heute. Doch aus dem Normalfall wurde ein Notfall, als bei ihr etwas einsetzte, mit dem viele ältere Menschen zu kämpfen haben: Schwindel.

Nach Krankenhaus und Reha hätte sie in ihr altes Leben zurückkehren können, doch Ute Kloß stellte schnell selbst fest: „Es geht nicht mehr.“ Ihrer Tochter Simone und deren Mann Lutz wollte die Seniorin nicht zur Last fallen. „Die Kinder sollen ihr Leben so führen, wie sie es möchten“, erklärt Kloß. So entschied sie sich, dann doch in ein Alten- und Pflegeheim zu ziehen.

Eine Sache war ihr besonders wichtig: „Ich möchte nach Castrop, damit ihr in der Nähe seid.“ Unter den Kandidaten war für die Seniorin das Altenzentrum St. Lambertus, wegen des schönen Gartens und des vielfältigen Programms, wie sie sagt.


Seniorin wollte Streit vermeiden

Heute sagt Ute Kloß: „Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Ich fühle mich wohl hier.“ Nur der Start in ihr Leben im Altersheim glückte nicht ganz. Zunächst teilte sie sich ein Doppelzimmer mit einer anderen Frau. Pingelig sei die gewesen, findet die 79-Jährige. Aber sie wollte sich nicht streiten und ging deshalb.

Anne-Marie Kemler (l.) ist 92 Jahre alt. Sie spielt jeden Tag mit Ute Kloß Gesellschaftsspiele wie Kniffel, Rummykubb oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht.

Anne-Marie Kemler (l.) ist 92 Jahre alt. Sie spielt jeden Tag mit Ute Kloß Gesellschaftsspiele wie Kniffel, Rummykubb oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. © Tobias Weckenbrock

„Dann hatte ich Glück“, erzählt sie und lacht dabei etwas, in dem Vorwissen, was sie dann sagen wird: „... dass eine Frau gestorben ist und ein schönes Eckzimmer im ersten Stock frei wurde.“ Sie wirkt dabei lebensfroh und ausgeglichen, alles andere als gehässig.

Gemeinsame Zeit mit Anne-Marie

Wenn kein Besuch da ist, verbringt sie die Zeit mit ihrer besten Freundin, der 92-jährigen Anne-Marie Kemler. „Das war wie Liebe auf den ersten Blick“, erzählt Ute Kloß. Mal spielen sie auf ihrem Zimmer Mensch-ärgere-dich-nicht. Mal schauen sie bei Anne-Marie Kemler „Rote Rosen“ oder „Wer wird Millionär?“.

Ute Kloß liebt den schönen kleinen Garten des Pflegezentrums in der Altstadt.

Ute Kloß liebt den schönen kleinen Garten des Pflegezentrums in der Altstadt. © Tobias Weckenbrock

Auch für die Zeit, in der Ute Kloß allein ist, hat sie eine Beschäftigung: Sie bastelt. Gerade ist sie schon in der Weihnachtsproduktion. Aus Papier schneidet sie etwa 15 Zentimeter große Tannenbäume und kleine Kugeln aus. Das sei der Schlüssel: „Solange man irgendwas macht, ist man nicht einsam“, hat die 79-Jährige für sich festgestellt.

Schlüssel gegen die Einsamkeit

Besonders groß war die Freude bei Ute Kloß und Anne-Marie Kemler, als sie am 7. Oktober überrascht wurden. Schüler des Ernst-Barlach-Gymnasiums hatten für jeden Bewohner ein Kärtchen gebastelt. „Sie haben an uns gedacht, weil wir durch das Coronavirus ja eingeschränkt seien“, erzählt Ute Kloß. Auf ihrer Karte steht: „Glück ist, wenn der Verstand tanzt, das Herz atmet und die Augen lieben.“

Gabriele Bradtke weiß, wie viel die Geste der Schüler den Menschen bedeutet: „Noch heute stehen die Kärtchen an vielen Essensplätzen.“

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