„Am Stumpf der alten Eiche“: Positionen vor dem Entscheid

Baugebiet Heerstraße

Ist es Polemik, die geplante Erschließungsstraße „Am Stumpf der alten Eiche“ zu nennen? Der Rat steht jetzt vor einer wichtigen Entscheidung.

Habinghorst

, 04.04.2019 / Lesedauer: 4 min
„Am Stumpf der alten Eiche“: Positionen vor dem Entscheid

Die Eiche kann vor November nicht gefällt werden. Aber die Entscheidung schon. Die Grünen denken sogar über ein Bürgerbegehren nach. © Tobias Weckenbrock

Könnte es demnächst eine neue Anschrift geben, die da lautet: Am Stumpf der alten Eiche? Pure Polemik und Stimmungsmache vor der Sitzung des Stadtrats am Donnerstag, 4. April (17 Uhr), wenn der finale Beschluss fällt über das Baugebiet „Wohnen an der Emscher“? Mithin auch über das Schicksal der 250 Jahre alten Eiche an der Heerstraße, die längst zum Symbol geworden ist?

Fakt ist, dass dieses Thema viele Menschen in unserer Stadt emotional bewegt. Fakt ist auch, dass sowohl Umwelt- als auch Bauausschuss in ihren Sitzungen in der vergangenen Woche mehrheitlich dafür votiert haben, dass die Planungen, die seit dem Beschluss auf Einleitung eines neuerlichen Bebauungsplanverfahrens 2016 vom Investor und der Stadt vorangetrieben wurden, so umgesetzt werden sollen, dass es keine Kehrtwende mehr gibt.

Stadt hätte Investor in die Pflicht nehmen müssen

Vor dem Showdown im Stadtrat haben unsere Redaktion weitere Stellungnahmen und Leserbriefe erreicht, unter anderem von den Heerstraßen-Anwohnern Holger Steiner und Astrid Stoye sowie der FWI-Fraktions-Chefin Annette Korte. Steiner und Stoye schreiben, dass die Stadt den Investoren hätte verpflichten können, die Ökopunkte für den erforderlichen Ausgleich für den Eingriff in die Landschaft vor Ort in Castrop-Rauxel vorzunehmen statt in den Lippeauen.

Das hätte, so ihre Rechnung, statt 195.000 Euro 390.000 Euro gebracht – weil bei uns der Ökopunkt bei 5 bis 6 Euro liege, statt bei 2,50 Euro, von denen SPD-Fraktionschef Daniel Molloisch im Umweltausschuss sprach. „Warum lässt unser Bürgermeister so etwas zu?“, fragen Steiner und Stoye.

Win-Win-Situation für alle Beteiligten

Für die FWI schreibt Annette Korte, der Investor müsse „die beiden für den Erhalt der Eiche notwendigen Grundstücke nicht bebauen, spart also Kosten ein. In der Gesamtrechnung vielleicht ein Verlust von 100.000 Euro.“ Mit einem geänderten Straßenverlauf könnten wegen der Eiche 30 Meter Straße gespart werden.

Wenn der finanzielle Ausfall auf die bleibenden Wohneinheiten umgerechnet würde, ergäbe sich eine Verteuerung von rund 1500 Euro pro Wohneinheit. Die Ersparnis für die Erschließungsstraße käme aber allen Beteiligten zugute. Also eigentlich eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten, sagt Korte. Ob dieses Szenario ein denkbares Modell wäre? Umwelt- und Bauausschuss haben mehrheitlich anders entschieden.

Marc Frese unterschreibt die Petition

Aufwind bekamen die Protagonisten für den Erhalt der Eiche Sonntagabend: Marc Frese, Vorsitzender des Stadtteilvereins Mein Ickern, unterschrieb die Petition für den Erhalt der Eiche ebenfalls und kommentierte: „Fachlich ist keine Frage, was die Experten sagen“, meint Frese. Ihm gehe es um Bürgernähe und die Frage, wie ernst die Politik die Meinung vieler Menschen in Castrop-Rauxel nehme. Es müsse statthaft sein, alte Planungen noch mal auf den Prüfstand zu stellen, statt den Bürgern auf die Füße zu treten.

Für Notburga Henke, Grüne und Vorsitzende des Umweltausschusses, steht fest: „Am Anfang des Bauleitplanverfahrens wird immer betont, es sei alles noch nicht fix. Und dann entwickelt sich mit dem Beschluss zur Aufstellung des Bebauungsplanverfahrens doch alles in die falsche Richtung.“ Das wecke Hoffnungen, man könnte das Verfahren beeinflussen. „Das streut Sand in die Augen der Bürger.“

Melzner enthielt sich im Bauausschuss

SPD-Ratsherr Rüdiger Melzner, der sich im Bauausschuss der Stimme enthielt, war nach eigenem Bekunden davon ausgegangen, dass der Ökoausgleich für das Baugebiet an der Heerstraße in Castrop-Rauxel vorgenommen würde. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt er: „Mir war wichtig, dass der Titel Europastadt im Grünen erhalten bleibt.“ Dass die Ökopunkte woanders berücksichtigt werden sollten, sei ihm nicht klar gewesen. Offensiv kommuniziert worden, sei das auch nicht.

Und nun? Die Grünen denken über ein Bürgerbegehren nach, auch wenn es vielleicht zu spät kommen würde. Sie kritisierten aber, dass es eigentlich überhaupt keinen dringenden Bedarf gäbe für eine Bebauung dieser Fläche und dass man vielleicht auch mal wieder auf einen Investor zur Entwicklung eines Baugebietes verzichten könne.

Balzquartier des Kleinen Abendseglers

Hinter den Kulissen von SPD und CDU ist zu vernehmen, dass sie des Diskutierens müde sind. Der BUND sagt, dass das Artenschutzgutachten die klare Empfehlung gebe, die Eiche zu erhalten. Sie sei reales Balzquartier des Kleinen Abendseglers. Hier liege ein Verbotstatbestand nach Bundesnaturschutzgesetz vor. Für die Fällung hätte eine Ausnahmeerlaubnis beantragt werden müssen. Die fehle.

Gefällt werden kann die Eiche ohnehin frühestens im November, so das Bundesnaturschutzgesetz. Torsten Velhorst von Dreigrund, dem Investoren, sagte vor drei Wochen im Gespräch mit unserer Redaktion, 48 Interessenten fürs Wohnen an der Emscher, erkundigten sich ständig bei ihm, wie es nun weitergehe. Der Straßenname „Am Stumpf der alten Eiche“ ist Polemik – aber die Bezeichnung kursiert in der Politik.

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