Apotheken auch in Castrop-Rauxel durch Insolvenz von Dienstleister bedroht

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Weil ein Rezeptabrechner in die Insolvenz gegangen ist, könnten viele Apotheken in ihrer Existenz bedroht sein. Auch in Castrop-Rauxel gibt es Apotheken, die davon betroffen sind.

Castrop-Rauxel

, 01.10.2020, 14:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Insolvenz eines Rezeptabrechners für Apotheken bedroht bundesweit tausende Apotheken. Es geht um mehrere Hundert Millionen Euro. Weil sie ihr Geld nicht bekommen, könnten viele sogar selbst ihre Existenz verlieren. „Es ist grausam für die Kollegen, die es betrifft“, sagt Claus Ehrensberger, Sprecher der Apothekerschaft in Castrop-Rauxel.

Auch in Castrop-Rauxel arbeiten Apotheker mit dem Abrechnungsdienstleister AvP aus Düsseldorf zusammen. Auf unsere Anfrage öffentlich äußern wollten sie sich nicht. Schließlich geht es um viel Geld und damit um das wirtschaftliche Überleben. Claus Ehrensberger ist selbst nach eigenen Angaben nicht betroffen, erläutert aber, was die Insolvenz bedeutet. „Apotheker haften ja mit ihrem Privatvermögen. Und da können schnell auf einen Schlag 100.000 oder auch 250.000 Euro fehlen.“

Wer von AvP im September kein Geld bekommen hat, könne möglicherweise nicht die Rechnungen der Großhändler bezahlen, die Gehälter der Angestellten oder Mieten. „Mein Großhändler hat mich schon angerufen, ob ich betroffen bin“, sagt Claus Ehrensberger, dessen Glückauf-Apotheke an der Dortmunder Straße 144 liegt. Alle seien besorgt und alarmiert.

In NRW sind fünf Prozent aller Apotheken betroffen

Im Gebiet der Apothekerkammer Westfalen-Lippe sind 300 Apotheken betroffen. So schätzt es deren Präsidentin Gabriele Overwiening, die im Kreis Borken fünf Apotheken betreibt, selbst aber mit einer standeseigenen Abrechnungsstelle arbeitet. Sie schließt sich der Forderung des Deutschen Apothekerverbandes nach einer schnellstmöglichen Aufklärung durch Finanzaufsichtsbehörde und Insolvenzverwalter an.

Claus Ehrensberger ist Sprecher der Castrop-Rauxeler Apotheker.

Claus Ehrensberger ist Sprecher der Castrop-Rauxeler Apotheker. © Marcel Witte

Der Apothekerverband Nordrhein hatte eine Markteinschätzung vorgenommen: Demnach sollen in NRW rund fünf Prozent der 3985 Apotheken so stark betroffen sein, dass kurzfristige Schließungen drohen. Bundesweit seien es 3 Prozent der rund 19.000 Apotheken und damit fast 5000 Arbeitsplätze. In Castrop-Rauxel gibt es laut Apothekerverband Westfalen-Lippe 16 Apotheken, im Kreis Recklinghausen 144. Hier hat der Verband gerade eine Umfrage unter seinen Mitgliedern gestartet, um herauszufinden, wie viele Apotheken mit AvP zusammen arbeiten.

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Wie kommt es zu dem Problem? Claus Ehrenberger sagt: „Mein Großvater hat noch mit den Krankenkassen direkt abgerechnet.“ Das sei aber heute nicht mehr möglich. Zu komplex ist das Thema mit Abschlägen, Rabatten, Quoten und viel Bürokratie. Hier kommen die Abrechnungsdienstleister wie AvP ins Spiel.

Apotheker bekommen Geld für Medikamente erst im Folgemonat

Also lösen Apotheker wie Claus Ehrenberger Rezepte ihrer Kunden ein, schicken dann die Daten an den Rezeptabrechner, der sie wiederum mit den Krankenkassen abrechnet. Erst im Folgemonat erhalten die Apotheker ihr Geld. Sie gehen also in Vorkasse. Wenn dann plötzlich wie jetzt im September Zahlungen ausbleiben, entsteht ein riesiges finanzielles Loch.

Gabriele Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe (r.) fordert Hilfen für die von der Insolvenz betroffenen Apotheken.

Gabriele Overwiening, Präsidentin der Apothekerkammer Westfalen-Lippe (r. im Bild in ihrer Apotheke in Heek mit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann und der Landtagsabgeordneten Heike Wermer) fordert Hilfen für die von der Insolvenz betroffenen Apotheken. © Anne Winter-Weckenbrock

Die Abrechnung, so aufwendig sie auch sein mag, ist ja einfach zu kalkulieren. „Das ist ja wie eine Bank“, sagt der Castrop-Rauxeler Apotheker. Gabriele Overwiening hatte es gegenüber unserer Redaktion etwas salopp so ausgedrückt: „So ein Dienstleister schiebt nur Geld hin und her und behält dafür seinen Anteil.“ Wie es zu der Insolvenz kommen konnte, steht noch nicht fest. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Beschuldigte wegen des Verdachts des Bankrotts.

Derweil rufen Apotheker und Apothekerverbände nach einem staatlichen Rettungsschirm. Armin Hoffmann, Präsident der Apothekerkammer Nordrhein, beispielsweise fordert zinslose Überbrückungskredite der Förderbank KfW. „Nur so können wir Versorgungslücken vermeiden und betroffene Apotheken nachhaltig unterstützen.“

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