Beim Treffen von Politikern, Entscheidern der Stadtverwaltung und Bürgern unter der alten Eiche am Donnerstag ist das Wetter wechselhaft. So wie die Argumente: Platzregen, Sonne, Regenbogen.

Habinghorst

, 08.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Es schüttet wie aus Kübeln, als die Leute gemeinsam auf die wilde Wiese gehen. Die Wiese zwischen der Wohnbebauung an der Heerstraße und der Emscher unter der Hochspannungsleitung, die für Schlagzeilen sorgt. Während des rund 45-minütigen Gesprächs unter einer rund 250 Jahre alten Stieleiche mitten auf dieser Wiese steht die Abendsonne zeitweise tief im Nacken der Zuhörer und in den Gesichtern der Diskutierenden. Als die Diskussion endet, erscheint mit Blickrichtung Osten einer der schillerndsten Regenbögen der vergangenen Jahre. Was will uns das sagen?

40 Bürger sind zum öffentlichen Treffen zweier politischer Ausschüsse gekommen. Darunter sind die Politiker des für Bauen und des für Umweltschutz zuständigen Ausschusses, aber auch Philipp Röhnert, der Leiter des Bereichs Stadtplanung und Bauordnung, und Heiko Dobrindt, der Technische Beigeordnete. Dazu Umweltfreunde sowie Anwohner dieses Stückes Land, das schon seit rund 15 Jahren unter dem Namen erst als Baugebiet „nördlich Heerstraße“, dann als „Wohnen an der Emscher“ als Baufläche in den Plänen ausgewiesen und „abgesichert“ ist, wie Dobrindt sagt. Alle haben regenfeste Kleidung und dicke Stiefel an – die braucht es in jedem Fall.

Argumente- und Wetter-Wechsel unter der alten Stieleiche nördlich der Heerstraße

Die Politik traf sich mit Verwaltungsleuten, Naturschützern und Anwohnern an der alten Eiche. Oliver Lind (CDU, B3-Vorsitzender, l.) hält den Plan hoch, den TBG Heiko Dobrindt (mit Hut) erläutert. © Tobias Weckenbrock

Unter dem Baum angekommen, rollen Oliver Lind und Heiko Dobrindt einen Plan aus. Dobrindt erläutert mit dem Regenschirm als Zeigestock, was er vorsieht. Er weist zusammen mit Röhnert auf die Schwierigkeit hin, die nicht nur darin liegt, dass eine recht lange Straße und Versorgungsleitungen von der Wartburgstraße aus gebaut werden müssten, um verhältnismäßig wenig Fläche zu erschließen.

Jetzt lesen

„Über die Qualität dieses Baumes brauchen wir nicht zu reden“, sagt Dobrindt, als er hochschaut, den dicken Baumstamm, er hat rund drei Meter Umfang, entlang in die noch kahle, aber weitreichende Krone. „Aber man muss im Rahmen einer Abwägung auch die wirtschaftlichen Interessen einbeziehen.“ Gemeint sind die Interessen eines Investors, der Geld in die Hand nimmt, um aus dem Grün erschlossenes Bauland zu entwickeln, das dann in Grundstücke aufgeteilt, verkauft und bebaut werden kann.

Oliver Lind vermutet eine erneute Zeitverzögerung

Am 4. April sei die politische Abwägung über diesen Plan vorzunehmen, sagt Oliver Lind, der Ausschussvorsitzende im B3, der in Bundeswehr-Tarnjacke und Jeans, die in Gummistiefeln stecken, gekommen ist. „Man muss sich klar sein, dass man, wenn man etwas komplett anderes machen möchte, einen Zeitverzug von einem Jahr einkalkulieren muss, weil das komplette Verfahren wieder aufgerollt werden muss“, sagt er. Und: „Wir müssen abwägen, ob es uns das wert ist.“

Dann meldet sich Notburga Henke von den Grünen. „Kann nicht ein Baum auf dieser großen Fläche erhalten bleiben?“, fragt sie, und erhält nach ihren nächsten Sätzen den ersten Applaus aus der Runde: „Vielleicht kann er als Treffpunkt für die Menschen dienen, die hier bauen und leben wollen. Uns kann es auch nicht immer nur darum gehen, dass sich ein Invest lohnt. Dem Ziel können wir doch nicht unsere Umwelt opfern. Es geht doch nur um ein bisschen Rücksicht.“

Dobrindt: Fläche entwickeln, ohne rote Zahlen zu schreiben

Heiko Dobrindt entgegnet: „Es geht nicht um die Frage, ob sich ein Invest lohnt, sondern ob jemand bereit ist, ein Investment vorzunehmen. Das heißt, die Fläche so zu entwickeln, dass er hier keine roten Zahlen schreibt.“ Man habe einst eine Abwägung getroffen, ob dieses Land zum Teil der „urbanen Emscher“ gehöre oder zum natürlichen Teil. „Dabei ist herausgekommen, dass dieser Teil noch der ist, der zur Wohnnutzung dienen soll.“ Man habe nun den dritten Vorhabenträger als Investoren, sagt Oliver Lind. „Jetzt sind wir auf der Zielgeraden. Wir können ihm schlecht sagen, dass die Ziele jetzt wieder ganz andere sind.“

Jetzt lesen

Philipp Röhnert wirft ein: „Man sieht ja an der Zeit, die schon verstrichen ist, wie schwer es ist, diese Fläche zu entwickeln. Es ist teuer, hier zu bauen, weil wir eine relativ lange Erschließungsstraße brauchen. Wir haben hier recht hohe Kosten und relativ überschaubare Erlöse.“ Thomas Krämerkämper vom BUND entgegnet: „Es ist eines der attraktivsten Baugebiete, die wir in Castrop-Rauxel haben. Es ist nicht so, dass wir bei den Investoren nehmen müssen, wer kommt.“

Argumente- und Wetter-Wechsel unter der alten Stieleiche nördlich der Heerstraße

Thomas Krämerkämper vom BUND gab selbst zu, diesen Baum bisher nicht gekannt zu haben. © Tobias Weckenbrock

Der sonst oft als Hardliner bekannte Henrichenburger macht Zugeständnisse: „Es geht gar nicht darum, die Bebauung hier zu verhindern“, so Krämerkämper, der als zweiter Sprecher Applaus bekommt. „Aber die Eiche zu erhalten, das ist doch ein realistisches Ziel.“ Wir seien in einer Marktsituation, zehn Jahre nach der Finanzkrise, in der Investoren händeringend nach Möglichkeiten suchten, ihr Geld in Steine zu investieren. „Wenn wegen der Eiche vielleicht 40.000 Euro Gesamtnachteil für den Investor entstehen, das kann doch seinen ganzen Business-Case nicht kaputt machen.“ Dann müsse seine Berechnung schon wahnsinnig gewesen sein.

Krämerkämper: Opfert man eine Handvoll Bauplätze?

Es gehe um die Frage: „Opfert man zwei, drei Bauplätze oder vielleicht vier oder fünf?“ Damit bezieht er sich auf eine von den Grünen initiierte Handzeichnung, die einen Gegenvorschlag zum bisherigen Plan darstellt – mit einer anderen Straßenführung und unter Erhalt der Eiche. „Wenn man dieses Minimalziel erreichen will, kann man die leichten Veränderungen im Plan schnell umsetzen, ohne dass man ihn in einem langwierigen Prozess ganz wieder aufrollen müsste.“ Es könne nicht Ziel der Stadt sein, einfach eine Fläche zuzupflastern. Die Stadt lebe davon, solch eine 250 Jahre alte Attraktion zu erhalten.

Argumente- und Wetter-Wechsel unter der alten Stieleiche nördlich der Heerstraße

Angelika Kösters aus Habinghorst setzt sich für den Erhalt des Baumes ein. © Tobias Weckenbrock

Angelika Kösters aus Habinghorst, weder Politikerin noch Anwohnerin, sagt: „Es demonstrieren nicht umsonst in dieser Zeit freitags die Jugendlichen. Das geht überhaupt nicht, diese 15 Jahre alten Pläne hier so umzusetzen. Wir erleben den Klimawandel jetzt, das Thema ist mehr ins Bewusstsein der Menschen geraten.“

Verwaltung will Plan unter Erhalt der Eiche prüfen und vorlegen

Dobrindt kündigt an, dass die Verwaltung den Aspekt Erhalt der Eiche für die Vorlage für die politischen Beratungen aufbereiten und prüfen werde. Dann sei es Abwägungssache – für Politik und Investor gleichermaßen. Er bedankt sich für den Besuch der Menschen, denn das sei gelebte Demokratie. Einige unterhalten sich noch, andere gehen heim.

In einer Online-Petition sammeln die Grünen Unterschriften für den Erhalt der alten Stieleiche. Diese wollen sie anschließend an den Bürgermeister übergeben. 500 haben sie als Petitionsziel ausgegeben. Bis Freitagabend unterschrieben mehr als 300 Bürger. Hier kann man sie einsehen und unterzeichnen.

Lesen Sie jetzt