Attacke auf Brigitte Dröge trifft Ickerns Lebensnerv – Das Minutenprotokoll eines Opfers

hzÜberfall

Das Lotto-Geschäft von Brigitte Dröge an der Vinckestraße ist am Dienstag von drei vermummten Tätern überfallen worden. Die 62-Jährige wurde mit Waffen bedroht. Nicht der erste Überfall.

Ickern

, 06.12.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Brigitte Dröge (62) ist Dienstagabend in ihrem Lotto-Laden an der Vinckestraße überfallen worden. Sie spricht von drei vermummten Tätern. Irgendwie trägt sie es auch mit Fassung, als wir mit ihr darüber sprechen - obwohl es nicht die erste gegen sie gerichtete Straftat war.

Vor ziemlich genau einem Jahr gab es einen Überfall mit einem Mann, der sie aus einem Kellerloch daheim in Ickern attackierte. Im Herbst des Vorjahres, also 2017, geschah ein dreister Trickdiebstahl aus ihrem Geschäft, als sämtliche Zigaretten aus ihrem Lager geklaut wurden.

„Es reicht wirklich“, sagt die Geschäftsfrau, die den Überfall nicht an die große Glocke gehängt haben möchte. Es ist eigentlich unglaublich: Vor ein paar Stunden noch bekam sie die Pistole vor der Nase gehalten, wurde vom zweiten Täter überdies mit einem Messer bedroht. Am Tag danach steht sie im Laden und wirkt gefasst. „Aber uns schlottern noch die Knie“, sagt sie.

Es war dunkel und die Täter hatten schwarze Klamotten an

Dienstagabend, kurz nach 18 Uhr: Brigitte Dröge will die Tür abschließen - wie jeden Abend, wenn sie im Geschäft hört, dass die Nachrichten angefangen haben. Sie ist allein.

Die vermummten Täter vor der Tür sieht sie nicht, denn der Eingangsbereich ist dunkel. So schnell kann sie sich gar nicht umdrehen, wie sie bedrängt und in den Laden geschoben wird.

Attacke auf Brigitte Dröge trifft Ickerns Lebensnerv – Das Minutenprotokoll eines Opfers

Die Lottoannahmestelle am Vinckeplatz neben der Bäckerei Auffenberg. Seit 20 Jahren ist Brigitte Dröge hier Verkäuferin, aber auch Seelsorgerin. © Tobias Weckenbrock

Alle tragen schwarze Kleidung. Sie sind vermummt. Einer der Täter bleibt draußen, einer bedroht sie mit einer Pistole. „Der hatte ungefähr meine Größe“, sagt sie. Also so 1,70 Meter. Der andere, deutlich größer, hat ein Messer in der Hand. Und eine Tasche mit einem Überschlag.

Sie muss sich unter den Tisch legen

Brigitte Dröge wird aufgefordert, sich unter den Tisch im hinteren Bereich zu legen. Die Männer räumen zwei Kassen aus: die vom Lotto und die andere für all jene Dinge aus ihrem breiten Sortiment. Ein bisschen Kleingeld lassen sie drin.

Schadenshöhe? „Ich weiß es nicht so genau“, sagt Brigitte Dröge. Donnerstag erwartet sie den Mann von der Lotto-Zentrale. Was sie weiß: Sie wird wohl wieder selbst auf einem Teil des Schadens sitzenbleiben.

Attacke auf Brigitte Dröge trifft Ickerns Lebensnerv – Das Minutenprotokoll eines Opfers

Lotto, Tabak, Bürobedarf, Zeitschriften, Tickets für den ÖPNV: Der Laden von Brigitte Dröge und die 62-Jährige selbst sind in Ickern eine Institution. © Schlehenkamp

„Bleib noch fünf Minuten liegen, bevor du die Polizei rufst!“ Das bekommt sie zu hören, als die Täter sich aus dem Staub machen. Nach drei, vier Minuten erst steht sie auf, schließt die Tür ab und ruft die Polizei.

Polizei ist recht schnell vor Ort

Die sei recht schnell vor Ort gewesen, berichtet sie. An diesem Abend wird es später, bis sie daheim ist. Sie schläft wenig bis gar nicht. Und wie es ist, wenn man sich mit einer Pistole vor der Nase konfrontiert sieht, kann wohl nur derjenige nachvollziehen, der jemals in einer solchen Situation war.

Attacke auf Brigitte Dröge trifft Ickerns Lebensnerv – Das Minutenprotokoll eines Opfers

Unbekannte Täter verübten einen Raubüberfall auf die Lottoannahmestelle von Brigitte Dröge an der Vinckestraße. Am Morgen danach gegen 8.45 Uhr ist noch das Polizeisiegel an die Tür geklebt. © Tobias Weckenbrock

Aufgeben aber ist nicht ihrs. „Zwei, drei Jährchen“, sagt Brigitte Dröge, wolle sie eigentlich noch bis zur Rente machen. Im Oktober des vergangenen Jahres lief der angemietete Laden unter ihrer Regie 20 Jahre. So lange durchzuhalten wie ihr Vorgänger - nämlich 30 Jahre - das werde aber nichts mehr werden.

90 Prozent der Kunden sind Stammkunden

„Mensch, auf dich haben sie es aber auch abgesehen“, sagt eine Kundin, die ins Geschäft kommt. Wobei: Der Lottoladen von Brigitte Dröge ist nicht mal eben so nur ein Geschäft. Man kennt sich, man duzt sich, man kommt ins Gespräch. Da bekommt jeder Lotto-Tipp eine persönliche Note.

Und was heißt hier schon Glücksspiel: Am Vinckeplatz geht es um viel mehr, das aus dem Sachsortiment herausragt. „So ein bisschen gelte ich als der Seelsorger von Ickern“, sagt Brigitte Dröge. Sie freut sich darüber. Und darüber, dass 90 Prozent der Leute, die reinkommen, Stammkunden sind.

Pakete, Lottoscheine, Bustickets: wie im Taubenschlag

Beim Besuch unserer Redaktion vor Ort geht‘s zu wie im Taubenschlag. Pakete, Pakete, Pakete - auch hier kann man sie über Hermes loswerden. Lottoscheine abgeben, klar, es ist ja Mittwoch: neben dem Samstag der zweite Tag der Ziehung.

Attacke auf Brigitte Dröge trifft Ickerns Lebensnerv – Das Minutenprotokoll eines Opfers

Kleine süße Seelentröster stehen bei Brigitte Dröge an der Kasse. Die Ickernerin hat immer ein offenes Ohr für ihre Kunden und gilt in Ickern so ein bisschen auch als Seelsorger. © Schlehenkamp

Ein junger Mann kommt rein und möchte ein Vierer-Ticket. Aha, ÖPNV-Schaltstelle also auch. Werden die Tickets im nächsten Jahr teurer? Das möchte der Kunde von Brigitte Dröge wissen. Sie sucht Infos raus. Und: Ja, bis Ende März kann man im Regelfall mit Tickets aus dem Vorjahr fahren. Und die Karten sollen wohl nur im Bus selbst teurer werden. In ihrem Geschäft bleibt der Preis der alte.

Die Angst an der Vinckestraße wächst

Auch der nächste Kunde hat schon von dem Überfall gehört. Man sollte die Gesetze ändern, sagt er. Details, wie das funktionieren soll, nennt er nicht.

An der Vinckestraße wächst jedenfalls die Angst.

Attacke auf Brigitte Dröge trifft Ickerns Lebensnerv – Das Minutenprotokoll eines Opfers

Seit über 21 Jahren feste Anlaufadresse in Ickern: Der Laden von Brigitte Dröge an der Vinckestraße. © Schlehenkamp

Zwischen all den Tankstellenüberfällen in den vergangenen Wochen gab es schließlich auch den Überfall auf den Getränkeladen an der Vinckestraße. „Das ist schon heftig“, sagt Brigitte Dröge. Und sie hätten in der Nachbarschaft noch Witzchen gemacht und gesagt: Nee, die Gangster kommen erst am Abend um 21.30 Uhr. Sie kamen um 18 Uhr, vielleicht auch vorher.

Wenn Zeugen etwas mitbekommen haben, sollten sie sich mit der nächsten Polizeidienststelle in Verbindung setzen.

Jetzt lesen

Die Behörde in Recklinghausen prüft laut Polizeisprecher Michael Franz derzeit, ob dieser Überfall mit den anderen der vergangenen Wochen zu tun hat. Ein Verdächtiger sitzt noch in Untersuchungshaft, zwei andere sind vor einigen Tagen daraus entlassen worden.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt