Beim Freitagsgebet in der Mevlana-Moschee: Der Imam ist ein Fremder in einem fremden Land

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Wer besucht regelmäßig die Ditib-Mevlana-Moschee, wer predigt dort und was wird dort gelehrt? Wir waren dabei und haben Antworten.

Schwerin

, 20.12.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Etwa 100 Gläubige sind während des Freitagsgebets in der Castrop-Rauxeler Mevlana-Moschee, an der Bodelschwingher Straße 70 auf Schwerin. Es sind ausschließlich Männer. Das Durchschnittsalter dürfte zwischen 30 und 40 Jahren liegen. Einige sind im Schulalter, manche dürften Rentner sein und die meisten irgendwo dazwischen. Es ist 12.30 Uhr.

Die Mevlana-Moschee ist eine türkisch-Islamische Ditib-Gemeinde, die man gemeinhin als Hinterhofmoschee bezeichnen würde. Die Muslime sitzen in mehreren Reihen im Schneidersitz. Manche lehnen den Rücken gegen die Wand und stützen ihren Kopf mit den Händen ab. Alle lauschen den Worten des Imams, also des Vorbeters und Predigers, der über die Bedeutung des Bittgebets referiert. Es herrscht absolute Stille.

Der Imam und seine Familie

Der Imam heißt Bunyamin Mirik. Er ist 37 Jahre alt und kommt aus Samsun am Schwarzmeer. Dort und in Ankara hat er sein theologisches Studium absolviert und fortan in drei Moscheen in der Türkei gepredigt. Seit 16 Monaten ist Mirik mit seiner Familie in Castrop-Rauxel.

Er ist verheiratet und hat drei Kinder, die sieben, acht und zwölf Jahre alt sind. Die Jüngeren besuchen die Grundschule und die ältere ein Gymnasium. Mit ihren schulischen Leistungen ist er zufrieden. „Sie kommen alle in der Schule gut mit“, sagt er zufrieden.

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Auch Mirik fühlt sich in der Gemeinde wohl, aber er ist froh, wenn er in dreieinhalb Jahren wieder zurück in die Türkei kann. Die Amtszeit von Ditib-Imamen in Deutschland ist auf fünf Jahre begrenzt.

Der Imam predigt auf Türkisch

Vor seiner Zeit in Castrop-Rauxel ist Mirik, so wie andere Ditib-Imame, auf diesen Auslandsaufenthalt vorbereitet worden. In Seminaren seien neben theologischen Fragen, kulturelle Aspekte in Europa und Mindeststandards in deutscher Sprache vermittelt worden. Für eine Predigt reichen diese längt nicht aus.

Die Ansprache hält der Imam dementsprechend auf Türkisch, so wie üblich in der Mevlana Moschee. Kubilay Corbaci ist Vorstandsmitglied in der Gemeinde und betont selbstbewusst, dass dadurch die türkische Sprache unter den Mitgliedern gepflegt werde. Bisher habe nie jemand darum gebeten, dass auf Deutsch gepredigt werden soll. Wenn es jemand wünschen sollte, dann könne man die Predigt in Ton und Schrift zur Verfügung stellen, so Corbaci weiter.

Einfluss des türkischen Staates in Ditib-Moscheen

Der Imam selbst liest die Ansprache von seinem Smartphone ab. So wird es in etwa 900 anderen Ditib-Moscheen bundesweit gehandhabt. In jeder Gemeinde, die gleiche Predigt. Sie wird von der Diyanet aus der Türkei bereitgestellt und ist online auf Deutsch und Türkisch für jeden einsehbar. Auf die Inhalte haben die einzelnen Imame keinen Einfluss.

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Die Diyanet ist eine staatliche Einrichtung zur Verwaltung religiöser Angelegenheiten in der Türkei und direkt Präsident Recep Tayyip Erdogan unterstellt. Die Diyanet gibt also theologisch die Leitlinien vor.

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hält in einer Auflistung islamischer Organisationen in Deutschland fest: „DITIB ist gemäß Satzung an das staatliche Präsidium für Religiöse Angelegenheiten der Türkei in Ankara (Diyanet) angebunden.“ Die von Diyanet in die DITIB-Moscheen entsandten türkischen Imame werden von den jeweiligen türkischen Generalkonsulaten für die Dauer ihres Aufenthaltes bezahlt.

Wegen des Einflusses der Diyanet ist die DITIB in den vergangenen Jahren immer wieder in die Kritik geraten. Nach dem Einmarsch der türkischen Armee in Nordsyrien im Januar 2018 hatte der Leiter der Diyanet dazu aufgerufen, in Moscheen für den Sieg der Türkei zu beten. In der Folge tauchten auch in der Mevlana-Moschee in Castrop-Rauxel Videos auf, die uniformierte Kinder im Vorschulalter zeigten.

Die heutige Predigt hat mit Politik nichts zu tun

Bei der heutigen Predigt ist davon weder etwas zu hören, noch zu sehen. Es ist ein tief theologisches Thema, frei von politischen Einflüssen. Neben dem Bittgebet, geht es um den Gottesdienst sowie um religiöse Wohltaten im Dies- und Jenseits.

Diese Predigt hätte auch an jedem Ort der Welt gehalten werden können. Es gibt keinen Bezug zum Leben in Deutschland. Mit deutscher Politik beschäftigt sich der Imam nicht, sagt er auf Nachfrage. Er werde jedoch über die Gemeindemitglieder über relevante Themen in Deutschland auf dem Laufenden gehalten. Abgesehen davon, habe Politik hat in der Moschee nichts zu suchen, sagt Bunyamin Mirik.

Frauen sind beim Freitagsgebet Fehlanzeige

Beim Freitagsgebet ist unter den etwa 100 Gläubigen, keine einzige Frau. Das liegt laut dem Imam daran, dass das Freitagsgebet nur für Männer verpflichtend sei. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, ergänzt Corbaci: „Frauen sind die tragende Säule in der Gemeindearbeit. Sie unterstützen bei Festen, sind in der Organisation tätig und geben Korankurse.“

Beim Freitagsgebet in der Mevlana-Moschee: Der Imam ist ein Fremder in einem fremden Land

Nur Männer verrichten das Freitagspredigt in der Moschee. © Said Rezek

Nach der Freitagspredigt ruft der Muezzin zum islamischen Gebetsruf, der im arabischen als Adhan bezeichnet wird. Der Muezzin rezitiert die Worte: „Gott ist groß. Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt, außer Allah. Ich bezeuge, dass Mohammed Allahs Gesandter ist. Eilt zum Gebet. Eilt zur Seligkeit. Allah ist groß. Es gibt keine Gottheit außer Allah.“

Der Imam als Vorbild in der Moschee

Der Imam ist nicht „nur“ ein Prediger und Vorbeter. Aus seinem Selbstverständnis heraus soll er als Vorbild für die Gemeindemitglieder dienen. Außerdem bietet er an jedem Wochenende Islamunterricht für Kinder und Jugendliche an. Wenn es um das Leben in Deutschland geht, sind ihm jedoch die Schüler wahrscheinlich schon um einiges voraus.

Über die Ditib

DITIB, die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“, ist der größte Moscheen-Dachverband in Deutschland. Neben der Zentralmoschee in Köln stehen rund 900 weitere Moscheen unter der Ägide des eingetragenen Vereins. Der Verein hat deutschlandweit rund 800.000 Mitglieder.
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