Eine Thermografie-Aufnahme der Rathaus-Fassade zeigt eine der Schwächen des Bauwerks. Dessen Sanierung wird viele Millionen Euro verschlingen. Verwaltung und Rat gehen damit sehr entspannt um. Zu entspannt, wie unser Auto findet. © Stadt

Beim Rathaus geht es um Millionenbeträge: Wo bleibt die Transparenz?

Das Rathaus wird ein Multi-Millionen-Fall. Der Bürgermeister hält es lange nicht für nötig, Summen zu nennen. Und die Politik schläft selig. Wird schon. Ein Desaster, findet unser Kommentator.

Stellen Sie sich einmal das folgende Szenario vor: Ihr Haus samt Wintergarten und Garage, von einem Star-Architekten geplant und 1970 für teuer Geld gebaut, erweist sich 2014 als Quasi-Ruine. Fachleute sagen Ihnen, dass sie wohl genau so viel Geld, wie beim Hausbau vor 45 Jahren ausgegeben, noch einmal in die Hütte stecken müssen. Nicht in Mark allerdings, sondern in Euro.

Was würden Sie als Privatmann machen? Was würden Sie tun, wenn es um Ihr Büro, Ihren Laden oder Ihre Firma ginge? Würden Sie in aller Ruhe ein Gutachten in Auftrag geben, sieben Jahre lang mal hin und mal her rechnen und sich mit Ingenieuren austauschen, Ihrer Ehefrau oder Ihrem Geschäftspartner, die für das Geld gerade stehen müssen, aber über die genaue Summe nichts erzählen? Und zwar mit der Begründung, dass die ja auch mal fragen könnten?

Stellen Sie sich einmal vor, es ginge um Ihr Haus

Würden Sie andererseits als Ehefrau oder Geschäftspartner des Hausherren in aller Ruhe abwarten, was der so tut, bloß nicht nachbohren oder sich Kontoauszüge zeigen lassen in dem Glauben: Das wird er schon alles richtig machen. Es geht ja auch bloß um unser Haus. Würden Sie in all den Jahren, in denen das Haus immer mehr bröckelt, ruhig schlafen können?

Ich unterstelle einmal, dass Sie ziemliche viele meiner Fragen mit Nein beantworten würden. Denn hier in diesem fiktiven Fall ginge es ja auch um Ihr Geld, Ihre Zukunft, Ihre Existenz.

Im Falle des Rathauses und des gesamten Stadtmittelpunktes können alle Beteiligten offenbar sehr ruhig schlafen und tun das seit 2014 auch. Der Bürgermeister, der seit Jahren die horrenden Summen kennt, die eine Totalsanierung des Ensembles kosten würde. Und der Rat, den das alles nicht so wirklich zu interessieren scheint. Sind ja auch nur zig Millionen Euro, um die es geht.

Bürgermeister und Rat bleiben ganz entspannt

Es geht eben, und das ist eine immer wiederkehrende Krux, nicht um das eigene Geld von Rajko Kravanja, Michael Breilmann, Bert Wagener und all den anderen Herren und Damen, die da im Rat und in den Ausschüssen sitzen und das Thema offenbar ganz entspannt angehen. „Daher freue ich mich auf einen weiteren zielgerichteten Austausch in der Sache in den nächsten Jahren und freue mich auf ihre Ideen und Vorschläge.“ Das schrieb der Bürgermeister jetzt an die Fraktionen. Sorgen hören sich anders an.

Ob die Freude beim Steuerzahler in Castrop-Rauxel und in NRW, der das gesamte Dilemma mit seinen hart verdienten Kröten eines Tages berappen darf, ebenso groß ist? Ob der auch ganz entspannt ist, wenn da Millionen und Abermillionen in einen Bau versenkt werden (müssen), der schon bei seiner Errichtung als Mahnmal für größenwahnsinnige Kommunalpolitiker und Bürgermeister kritisiert wurde.

Um es klar zu sagen: Niemand unterstellt, dass der Bürgermeister nicht das Beste tut, um die Kosten nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Niemand, der heute in Verwaltung oder Rat sitzt, hat das Rathaus zu verschulden. Aber warum geht die Verwaltung, warum geht der Bürgermeister, der sich vor der Wahl dick die Bürgerbeteiligung auf die Fahnen geschrieben hatte, nicht transparent mit den Zahlen um? Warum sagt er nicht: Experten befürchten üble Kosten, aber wir tun alles, um das im Rahmen zu halten? Wir nehmen euch mit, wir halten euch auf dem Laufenden.

Dass wir in unserem ersten Bericht von 75 Millionen Euro möglichen Kosten sprachen, die eine Gesamt-Sanierung kosten würde (die Summe nannte Kravanja übrigens in einer Pressemitteilung) sei „irreführend“, schreibt der Bürgermeister stattdessen auf Facebook. „Der Prozess dauert noch Jahre, sind noch total viele Fragen offen. Daher, noch ein paar Jahre Geduld“, heißt es bei ihm weiter. Und dann folgt ein Zwinkersmiley.

Für die Politik gibt es wichtigere Probleme

Natürlich. Einfach abwarten, was die Stadt macht. Das tut mit Ausnahme von FDP-Mann Nils Bettinger auch die gesamte Politik. Es geht ja nur um Millionen Euro öffentlicher Gelder. Da kann man doch noch ein paar Jahre weiter warten (bis zur nächsten Wahl ist es jetzt lange hin), in aller Ruhe weiter schlafen oder sich in einer Interfraktionellen Runde Gedanken über „das“ zentrale Castrop-Rauxeler Problem machen: die Kanadagänse.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1961 geboren. Dortmunder. Jetzt in Castrop-Rauxel. Vater von drei Söhnen. Opa. Blogger. Interessiert sich für viele Themen. Mag Zeitung. Mag Online. Aber keine dicken Bohnen.
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