Castrop-Rauxel besitzt nur noch wenig Ökopunkte für Eingriffe in die Natur

hzAlte Eiche

Seit dem Kampf um die alte Eiche ist das Stichwort Ökopunkte in den Fokus gerückt. Fest steht: Castrop-Rauxel hat nur noch wenig Ausgleichsflächen für Eingriffe in die Natur.

Castrop-Rauxel

, 10.05.2019 / Lesedauer: 4 min

So ist das also: Castrop-Rauxel hat kaum noch Ökopunkte. Oder eben zu wenig, um den ökologischen Ausgleich zu schaffen für einen derart gravierenden Eingriff in Flora und Fauna wie beim Neubaugebiet „Wohnen an der Emscher“. In der eigenen Stadt wohlgemerkt.

Das Bauprojekt nördlich der Heerstraße mit seinen geplanten rund 70 Einheiten soll bekanntlich in den Lippeauen ausgeglichen werden. Ein Umstand, der noch immer die Politiker der kleinen Fraktionen FWI, Grüne und Linke, die im Aktionsbündnis „Rettet die alte Eiche“ zusammengeschlossenen Protagonisten und andere Umweltschützer auf die Palme bringt. Wir haben Fragen und Antworten dazu.

? Ist Castrop-Rauxel so zugebaut, dass wir innerhalb der Stadtgrenzen keinen Ausgleich finden können?

Dieser Eindruck könnte nur von der Rechnung auf Papier her stammen. Zum Glück sieht die Realität anders aus. Bei uns ist es immer noch schön grün, was auch dem Flächennutzungsplan von 2012 zu verdanken ist, der auf weiteren Flächenfraß verzichtet hat. Politisch beschlossen ist aber, dass die Kommune für den neuen Regionalplan 20 Hektar Mehrbedarf angemeldet hat.

? Um wie viel Ökopunkte geht es da überhaupt?

Die Rede ist von rund 20.000 Ökopunkten, die Castrop-Rauxel noch zur Verfügung als Ausgleichsfläche habe. Für das Bauprojekt „Wohnen an der Emscher““ sollen rund 78.000 Ökopunkte nötig sein. Für diese Zahlen und dafür wie es mit der Generierung künftiger Ökopunkte aussehen könnte, kriegen wir keine Bestätigung oder eine Losung aus dem Rathaus, was auch daran liegt, dass der zuständige Mann oder die zuständige Frau dafür fehlt.
Grünflächenmanager Christoph Hörsting, in dessen Aufgabenfeld das Umweltmonitoring fiel, hat die Stadtverwaltung Ende Juni 2018 verlassen und einen besser dotierten Job angetreten. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hat die Stadtverwaltung trotz mehrmaliger Ausschreibung bislang nicht finden können.

? Was sind denn die Ursachen, dass Castrop-Rauxel nur noch so wenig Ökopunkte hat?

Nach dem Biotopkataster müssen ja alle baulichen Eingriffe in Natur und Fläche ausgeglichen werden. Ganz viel Punkte gefressen haben bei uns die Kanalarbeiten. „Aber etwa auch so ökologisch sinnvolle Bauten wie die Errichtung des Windrads auf Schwerin müssen ausgeglichen werden“, sagt SPD-Fraktionschef Daniel Molloisch. Hier zur Hälfte von der Stadt (über die Stadtwerke), zur anderen von Windkraftpionier Wilhelm Kremerskothen.

? Noch mal zurück zum „Wohnen an der Emscher“. Wieso der Ausgleich in den Lippeauen?

Die Dreigrund Development als Investor hatte sich an den Kreis Recklinghausen gewandt, nachdem klar war, dass es hier nicht genug Ökopunkte gibt. Und auch der habe abgewunken, sagt der Technische Beigeordnete der Stadt, Heiko Dobrindt. Und den Ausgleich in den Lippeauen befürwortet.
Der Kreis soll seine Ökopunkte selber brauchen, zum Beispiel für den NewPark und die Straßenbauprojekte wie die B 474n. In Sachen Umweltmonitoring und Ökopunkte möchte Dobrindt jetzt mit den beteiligten Bereichen des Immobilienmanagements auf den Sachstand bei den Informationen gucken und überlegen, was zu tun ist.

? Wie sieht denn der Idealfall fürs Schaffen neuer Ausgleichsfläche aus?

„Wenn wir aus einem Mais-Acker eine Streuobstwiese machen können“, sagt Klaus Breuer, Leiter des Bereichs Stadtgrün und Friedhofswesen. Weil bei uns so viele Flächen schon oder noch grün sind, ist das Aufpimpen so schwierig. Und der Landwirtschaft etwas wegzunehmen, gehe nicht an. „Wir müssen da kreisweit eine Lösung finden“, ist Breuer überzeugt. Viel profitiert in Sachen Ökopunkte hat Castrop-Rauxel übrigens vom Golfplatz-Gelände in Frohlinde.

? Kommt das Ausgleichsthema in die Politik?

Ja. In der nächsten Sitzungsrunde der kommunalpolitischen Gremien wird das auf der Tagesordnung stehen. Mit einem ersten Aufschlag in der Sitzung des Umweltausschusses am Dienstag, 25. Juni. „Es wird einen Antrag der SPD-Fraktion dazu geben“, kündigt Daniel Molloisch an. Mit dem Auftrag an die Verwaltung, ein Konzept zur Ausweisung neuer Ausgleichsflächen im Castrop-Rauxeler Stadtgebiet zu erarbeiten.
„Dadurch soll ein Ausgleich zukünftiger Eingriffe in die Natur auf unserem Stadtgebiet sichergestellt werden“, so Molloisch. Bereits in der entscheidenden Ratssitzung am 4. April, als der Beschluss zum Neubaugebiet nördlich der Heerstraße fiel, hatte SPD-Ratsmitglied Rüdiger Melzner nach einem solchen Konzept gefragt.

? Haben auch andere Städte Probleme mit dem Ökokonto?

Ja. In Oberschwaben etwa haben 14 Gemeinden in zwei Landkreisen 2014 eine GmbH gegründet und generieren ihre Ökopunkte gemeinsam. Dabei betreibt die Regionale Kompensationspool GmbH, kurz Reko, Handel mit Ökopunkten. Das Konzept soll überall anwendbar sein, müsse nur an die regionalen Gegebenheiten angepasst werden, sagen die Protagonisten.

Die Gemeinden kommen zu dem Unternehmen, wenn sie Ökopunkte für Gewerbegebiete oder Neubauten benötigen, die sie selbst nicht generieren können. Die Reko sucht nach Projekten für den Naturschutz, die für neue Ökopunkte sorgen. Das Stammkapital der Gesellschaft ist nach vier Jahren auf fast das Doppelte angestiegen. Kritik dazu gibt es auch: Der Nabu befürchtet, dass Zusammenschlüsse dieser Art zu einem Ungleichgewicht führen. Und es für Kommunen leichter werde, Flächen zu verbrauchen.

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