Castrop-Rauxel: Fotograf Orwat löst sein Archiv auf

50 Jahre Schwarz-Weiß-Fotografie

50 Jahre lang hat Fotograf Helmut Orwat das Ruhrgebiet in all seinen Facetten porträtiert. Landschaften, Straßen, Menschen, Fußball: Tausende Motive hat er fotografiert. Jetzt löst der Castrop-Rauxeler sein Archiv auf. Wir haben ihm dabei über die Schulter geguckt - und uns von seinen spannendsten Aufnahmen erzählen lassen.

CASTROP-RAUXEL

, 13.11.2016, 05:38 Uhr / Lesedauer: 3 min
Eines von Helmut Orwats Lieblingsbildern: Es zeigt drei Obdachlose im Paris der 60er-Jahre.

Eines von Helmut Orwats Lieblingsbildern: Es zeigt drei Obdachlose im Paris der 60er-Jahre.

Jedes Bild erzählt eine Geschichte und Helmut Orwats Haus ist voll davon. Seit mehr als 50 Jahren dokumentiert der Fotograf das Leben im Ruhrgebiet. Aktuell sichtet er sein Archiv und verkauft ausgewählte Aufnahmen an den Landschaftsverband-Westfalen-Lippe (LWL).

Die Wände des kaum zehn Quadratmeter großen Kellerraums sind voller Fotos, Karikaturen, kleiner Notizen und Postkarten mit und ohne Widmung. Aktenordner füllen zwei Steckregale, dazu ein Schreibtisch, ein Stuhl und mittendrin ein anderthalb Meter breites Lichtpult.

Tausende Negativfilme

Helmut Orwat hat hier zuletzt viel Zeit verbracht. Tausende Negativfilme hat er in seinem Arbeitszimmer buchstäblich unter die Lupe genommen, 60 Ordner gesichtet und 4000 Motive für den LWL ausgewählt. 150 Arbeitsstunden habe er dafür benötig, sagt er. Zeit, die er gerne investiert hat.

Denn einfach so weggeben wollte er seine Aufnahmen auch nicht. "Es bringt ja nichts, wenn das dann irgendwer durchgeht und nicht weiß, was interessant ist. Kreisliga-Fußball ist zum Beispiel sofort rausgeflogen."

Geblieben sind die typischen Orwat-Bilder: 50 Jahre Revierrealität in Schwarz-Weiß. "Täglich aufs Neue fühlt sich Orwat von der Landschaft zwischen Duisburg und Dortmund herausgefordert", schreibt der Schriftsteller Josef Reding im Vorwort von Orwats Bildband "Castrop-Rauxel".

"Von der Silhouette der Zechen und dem Netz der Kanäle und Revierstraßen und dem Relief der Schlackegebirge. Die wichtigste Provokation für den Fotografen aber ist nach wie vor der Mensch."

Orwats Aufnahmen zeigen Menschen bei der Maloche, im Kleingarten, beim Fußball, beim Flanieren, beim Feiern oder bei der Taubenzucht. Der 78-Jährige hat für den LWL fotografiert, Szenenbilder für das Westfälische Landestheater gemacht, zehn Kalender und drei Bildbände veröffentlicht und mehrere Tatort-Filme mit Götz George begleitet. Er hat den kürzlich verstorbenen Manfred Krug fotografiert, Prinz Philip, Max Schmeling oder Karin Dor zusammen mit Lex Barker.

Bewegende Motive

Die persönlichen Lieblingsfotos kommen ohne prominente Protagonisten aus. Auf einem sind drei Obdachlose zu sehen, aufgenommen hat Helmut Orwat es in den 60ern in Paris. Einer der Männer liegt auf einem Gully-Schacht, der zur U-Bahn führt. "So haben die sich aufgewärmt", erzählt Orwat. Ein aktuelleres Bild zeigt den Schweriner Kreisel auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Graf Schwerin.

Weil dem Stahlring allein als Motiv etwas fehlte, sprach Orwat Kinder auf einem nahe gelegenen Sportplatz an und ließ sie im Ring klettern. Zu Jan Bormann, von dem der Schweriner Kreisel stammt, hat Orwat über viele Jahre engen Kontakt. In seinem Wohnzimmer steht eine von Borman gefertigte Stele, im Flur ist ein Weihwasserbecken des Bildhauers angebracht.

Langjährige Freundschaften 

Freundschaften sind Helmut Orwat wichtig. Deshalb pflegt er sie, so gut es geht. Seit 30 Jahren besucht er die Benediktinerabtei Gerleve, in der sein Freund Abt Laurentius Schlieker lebt. Noch länger hält die Verbindung zum Dattelner Pater Dr. Erwin Immekus. Der "Schrottpater" oder "Russenseelsorger", wie Immekus genannt wird,  erhielt auf Orwats Initiative das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement in Russland und der Ukraine.

Mit "Bubi" Leuthold kochte Orwat  bei "Castrop kocht über". Bis heute holt Hobbykoch Orwat sich Anregungen bei seinem Freund Thomas Kraus, der sich 1988 als Küchenchef bei Goldschmieding einen Stern erkochte und bei dem Orwat ein einwöchiges Praktikum absolvierte. Überschrift in den Ruhr Nachrichten damals: "Zauberlehrling Helmut Orwat in der Küche."

"Für mich ist digital knipsen und analog fotografieren"

1962 macht der gelernte Tischler sich selbstständig, tauscht Säge und Wasserwaage gegen Leica M und Nikon F4, für Landschaftsaufnahmen nutzt er eine Hasselblad. Nach 22 Jahren als freier Fotograf arbeitet Orwat bis ins Jahr 2000 als Fotoredakteur für die Ruhr Nachrichten.

Als Pressefotograf kommt er irgendwann nicht mehr an der Digitalfotografie vorbei. "Ich kann nicht sagen, dass mir die Umstellung leicht gefallen ist", sagt er. "Ich sehe sofort, ob ein Foto digital aufgenommen ist oder analog. Für mich ist digital knipsen und analog fotografieren."

Und das Besondere an der Schwarz-Weiß-Fotografie? "Man muss umdenken: Wie kommt Rot, wie kommt Blau?" Bei der Farbfotografie müsse man nicht groß überlegen, sagt Orwat. "Ich kann mir nicht vorstellen, Ruhrgebietsmotive in Farbe aufzunehmen. Außer man möchte einen gewissen Kontrast haben."

Fotografieren? Nur für sich selbst und Freunde

Aufträge nimmt er heute nur noch selten an. "In erster Linie fotografiere ich noch für mich", sagt er.  Es sei denn, die Anfrage kommt von einem Freund. "Wenn das ein Bekannter ist und kein Zeitdruck da ist, dann mache ich das auch."

Zeit wird Helmut Orwat demnächst wieder etwas weniger haben. Im Raum direkt neben seinem Arbeitszimmer, in dem sich früher sein Labor befand, stehen noch viel mehr Aktenordner voller Negative. 60 sind geschafft, 30 noch zu sichten. "Irgendwann in den nächsten Wochen mache ich weiter", sagt er. "Dann mit dem Jahr 1981."

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Helmut Orwats Fotos im Kalender 2015

Viele Jahrzehnte hat Helmut Orwat das Leben in Castrop-Rauxel und anderen Ruhrgebiets-Orten fotografisch festgehalten. Diese alten Schwarz.Weiß-Motive stammen aus seinem Kalender 2015.
10.07.2014
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Der erste Radarwagen der Polizei, in Dienst genommen am 9. September 1970 auf der B 235 in Habinghorst.© Foto Helmut Orwat
Kinder beim Kartoffeln-Stoppeln auf einem Feld an der Straße Unterspredey in Obercastrop.© Foto Helmut Orwat
Mit schrägen Melodien von ihren Blechflöten machten früher die Klüngelskerle auf sich aufmerksam.© Foto Helmut Orwat
Grüne Idylle vor dem Förderturm der Zeche Ickern 1/2. Das Stückchen Kleingarten hinter dem Haus war der Stolz vieler Bergmannsfamilien.© Foto Helmut Orwat
Der Castroper Markt mit dem Reiterdenkmal von 1912. Der Wochenmarkt war Treffpunkt der Castroper, sowohl zum Einkaufen wie auch zum Schwatzen.© Foto Helmut Orwat
Diese neugierigen Ziegen fotografierte Helmut Orwat im Jahr 1966 beim Züchter Wilhelm Berkau in Ickern.© Foto Helmut Orwat
In Kneipen gern gesehen: die Soldatinnen der Heilsarmee . Mit Liedern zur Gitarre sammelten sie u.a. für das von ihnen geführte Kinderheim an der Holzstraße.© Foto Helmut Orwat
Winterfreuden in Castrop-Rauxel. Im Bergsenkungsgebiet Beerenbruch, heute Brunosee, wurde Eishockey gespielt.© Foto Helmut Orwat
Winfried Kurrath (l.) und Helmut Orwat mit dem Kalender für 2015. Dessen Titel: "Querbeet".© Foto: Gabriele Regener
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Orwats historische Ruhrgebiets-Aufnahmen

09.07.2009
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Nisssenhütten in Castrop-Rauxel von 1947 bis in die 60er-Jahre© Foto Orwat
Internationales Straßenradrennen "Rund um den Stadtgarten" Castrop-Rauxel von 1969-1992© Foto Orwat
Straßenkicker in Castrop-Rauxel 1965© Foto Orwat
Kinderwagen-Parade in Castrop in den 60er-Jahren© Foto Orwat
Castroper Pferderennen: letztes Rennen am 28. Juni 1970© Foto Orwat
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