Castrop-Rauxeler findet Möhren, Pralinen und Brote in den Containern der Supermärkte

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Ein Lebensmittelaktivist erzählt von seinen Erfahrungen beim Containern. Gemeint ist das Retten von Lebensmitteln aus Mülltonnen der Supermärkte. Eine Lösung sei das jedoch letzlich nicht.

Castrop-Rauxel

, 12.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Eine Mülltonne eines Supermarkts in Castrop-Rauxel ist zur Hälfte voll mit Aprikosen und Mangos. Reif, aber nicht schimmelig. Warum sie dort gelandet sind, ist fraglich: Viele, aber nicht alle Supermärkte in Castrop-Rauxel kooperieren mit der Tafel, dennoch sind die Mülltonnen regelmäßig voll. Die Lebensmittelhändler bezeichnen die Ware, die darin landet, als „nicht mehr verkehrsfähig“. Was das heißt ist - wir sind schließlich in Deutschland - gesetzlich geregelt. Umgangssprachlich würde man „etwas oll“ sagen. Manchmal, nicht immer, ist auch das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen.

Fakt ist: Wer sich an dieser Mülltonne bedient, begeht Diebstahl. Steht die Mülltonne in einem eingezäunten Bereich auch Hausfriedensbruch und ist die Mülltonne abgeschlossen und man bricht das Schloss auf, auch Sachbeschädigung. Containern ist und bleibt verboten. Hamburgs Justizsenator Till Steffen wollte das Retten von Lebensmitteln aus den Mülltonnen der Supermärkte kürzlich legalisieren und ist mit seinem Vorhaben gescheitert. Das hält manche Aktivisten nicht davon ab, es dennoch zu tun.

Wie stehen die Supermärkte dazu?

Auf Nachfrage bei allen großen Supermarkt-Ketten in Castrop-Rauxel äußerte sich einzig Real: „Es kann vorkommen, dass ein Hersteller einen Rückruf für ein Produkt durchführt. In dem Fall ist es möglich, dass dieses Produkt dann vom Einzelhändler entsorgt werden muss und entsprechend in den dafür vorgesehenen Müllcontainern landet. Diese Produkte sind aber aus genannten Gründen nicht mehr verkehrsfähig und nicht zur Nutzung geeignet.“

Die abgeschlossenen Container seien deshalb noch durch einen Zaun geschützt beziehungsweise abgesperrt. Containern sei bei Real daher nicht möglich. So die offizielle Aussage von Pressereferent Frank Grüneisen.

Gegen die Verschwendung einsetzen

Ein 27-jähriger Castrop-Rauxeler ist zu seiner Studentenzeit in Bochum regelmäßig in die Tonnen diverser Supermärkte getaucht: „Ich wollte den Läden eins auswischen“, erklärt er. Seinen Namen möchte er aus Gründen - siehe oben - nicht nennen. Wer sein Essen in der Mülltonne findet, müsse es nicht einkaufen. Er findet die Überproduktion der Lebensmittel paradox und möchte sich gegen die Verschwendung einsetzen. Es gebe so viele Lebensmittel und die Preise werden immer hoch gehalten, das mache keinen Sinn. Dabei denkt der Castrop-Rauxeler nicht nur an sich, sondern an alle.

Sein Lebensmotto ist grundsätzlich, dass er im besten Fall nicht für Geld, sondern für Menschen arbeitet. Seine Beute hat er also nicht alleine verzehrt, sondern geteilt. Als „Lebensmittelretter“ hat der Castrop-Rauxeler in Bochum spezielle Fairteil-Schränke der Organisation Foodsharing befüllt, aus denen sich alle bedienen konnten. „Oft waren das Menschen in Not, Menschen, die aus der Gesellschaft herausgefallen sind.“ Dort landeten dann auch Lebensmittel, die er auf den Wochenmärkten „gerettet“ hat, indem er die Beschicker gefragt hat, was sie mit den Resten machen und ob sie diese zur Verfügung stellen.

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In Castrop-Rauxel ist Foodsharing nicht etabliert, Fairteiler-Schränke sucht man vergeblich. Was es aber gibt sind Mülltonnen - an jedem Supermarkt. Manchmal stehen sie offen, manchmal in den Gebäuden hinter Rolltoren, manchmal hinter Zäunen. „Schlösser geknackt habe ich nie, über Zäune geklettert bin ich schon“, so der 27-Jährige. Bevor es losgeht checkt er die Lage: „Ich kundschafte aus, wo die Tonnen stehen, ob es eine Kameraüberwachung gibt, wann die Läden ihre Lieferung bekommen.“ In der Nacht davor sei das Containern meist am erfolgreichsten, weil das Lager geleert werden müsse. Dann könne er auch sichergehen, dass die Ware in der Tonne frisch ist - so frisch wie sie in einer Mülltonne nunmal sein kann.

Anbieten würden sich auch die Wochenenden und Tage vor und nach Feiertagen. In Castrop-Rauxel hat die Tafel nur an Wochentagen geöffnet und holt auch nur dann Ware bei den Supermärkten ab. Samstags, sonntags und an Feierabend bleibt die Ausgabe geschlossen.

Sechser-Karton Olivenöl

Manche Läden würden quasi zum Containern einladen, die Ware steht in Kisten auf den frei zugänglichen Mülltonnen. So habe sich der Lebensmittelaktivist manchen Gang zum Bäcker gespart. Erfolgreich war eine Tour, bei der er einen Sechser-Karton Olivenöl fand. Eine Flasche war zerbrochen, der Karton somit nicht mehr verkehrsfähig. Die kaputte Flasche hat er in der Tonne gelassen, den Rest mitgenommen. Andersherum würden manche Einzelhändler Lebensmittel in die Tonne werfen und dann Waschpulver darüber streuen - als Abschreckung.

Ein paar Regeln hält der 27-Jährige ein:

  • „Ich nehme nie etwas, das auf dem Boden liegt oder die Wände berührt.“
  • Fleisch und Milchprodukte seien mit Vorsicht zu genießen, die verderben schnell und machen dann Gesundheitsprobleme.
  • Im Sommer ist keine Container-Saison, da sei es zu warm, die Lebensmittel verderben zu schnell, Maden machen sich breit.
  • Am besten sei Ware, die noch verpackt ist, dazu zählen auch Bananen. Brot, das auf Brot liegt, sei ebenfalls unbedenklich, obwohl es nicht verpackt sei. Ob es frisch ist, könne man schnell anhand des Härtegrads kontrollieren.
  • Gecheckt werde die obere Schicht, die Tonne bleibt stehen und wird nicht ausgekippt.

Castrop-Rauxeler findet Möhren, Pralinen und Brote in den Containern der Supermärkte

Das ist die Beute des Lebensmittelaktivisten aus Castrop-Rauxel von einer Container-Tour, die er in Bochum unternommen hat. © privat

Meistens seien Obst, Gemüse und Backwaren in den Tonnen, dazu gehören auch Schokocroissants und Brote. Nach Weihnachten habe er mal eine Ladung Adventskalender und Likörpralinen gefunden. „Das war alles noch haltbar“, so der Lebensmittelaktivist. Alkohol nimmt die Tafel nicht an. Da bleibt den Einzelhändlern außer der Tonne nicht viel Auswahl. Auch Kleidung, Hundefutter und Blumen zählt der 27-Jährige zu seiner Beute: „Die Blumen brauchen nur Wasser, dann gehen die wieder.“

„Es muss eine andere Lösungen geben“

Trotz der Erfolgsgeschichten betont er, dass man sich nicht ausschließlich von Container-Essen ernähren sollte, das würde zu Mangelerscheinungen führen. Je älter die Produkte, desto mehr Nährstoffe gingen verloren. Und beim Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung müsse es andere Lösungen geben.

Er glaubt, wenn das Containern legalisiert werden würde, würde die Verschwendung nicht gehemmt, sondern es würde sich lediglich die Art derselben ändern: „Viele würden dann gar nicht mehr einkaufen und es würde noch mehr weggeschmissen“, oder Menschen würden die Packung im Laden heimlich aufreißen und sie somit verkehrsunfähig machen und abends würden sie dieselben Sachen aus dem Container ziehen. Oder die Tonnen würden alle komplett weggeschlossen werden.

Spenden statt wegschmeißen: Vorbild Frankreich

Der 27-Jährige glaubt, dass effektivere Methoden angewandt werden müssten, wenn es ein Umdenken geben soll. Am liebsten wäre ihm, wenn gar nichts in den Tonnen zu holen wäre. In Frankreich verpflichtet ein Gesetz Supermärkte, Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum zu spenden. Essen wegzuschmeißen ist sozusagen verboten.

Der Lebensmittelaktivist glaubt, dass Lebensmittelretten in Castrop-Rauxel nicht etabliert ist, weil es wenige Studenten gibt. „Es gibt bestimmt genügend Menschen, die das annehmen würden, aber wenige, die die Energie haben, Foodsharing oder Ähnliches anzuleiern.“

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