Murat Vural hat es vom Hauptschüler zum Gründer der Chancenschule in Castrop-Rauxel geschafft

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Einige Lehrer haben Murat Vural nicht viel zugetraut oder ausgelacht. Seit 16 Jahren hat er tausenden Schülern geholfen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie er. Und es werden immer mehr.

Castrop-Rauxel

, 03.03.2020, 14:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vom Hauptschüler zum Diplom-Ingenieur. Das ist kein Traum, sondern das Leben von Murat Vural. Der 44-jährige Castrop-Rauxeler besuchte einst die Hauptschule an der Uferstraße „Als ich der Direktorin damals sagte, dass ich Elektro-Ingenieur werden möchte, hat sie mich ausgelacht“, sagt Vural und ergänzt: „Diese Erfahrung werde ich niemals vergessen“.

Während viele Schüler bei solch einer Aussage resigniert hätten, strengte sich Vural umso mehr an. Mit einem Notendurchschnitt von 1,5 ist er Stufenbester geworden und schaffte den Sprung auf das Ernst-Barlach-Gymnasium.

Deutsch-Lehrerin: „Sehen Sie zu, dass Sie in anderen Fächern keine fünf bekommen.“

Dort ließ ihn die Deutschlehrerin bereits in den ersten beiden Wochen wissen, dass er in den nächsten drei Jahren immer eine fünf erhalten werde und gab ihm noch einen gut gemeinten Ratschlag: „Sehen Sie zu, dass Sie in anderen Fächern keine fünf bekommen.“

So demotivierend diese Aussage auch damals für ihn war, umso mehr bemühte er sich in Deutsch - vergeblich. Er stand tatsächlich durchgehend fünf, aber in anderen Fächern glänzte er. „In Mathe und Physik hatte ich durchgehend eine Eins plus“, sagt Vural mit einem gewissen Stolz in der Stimme.

Castrop-Rauxel als Erfolgsmodell für das ganze Land

Er schaffte sein Abitur, absolvierte ein Elektroingenieurs-Studium und war auf dem besten Wege zu promovieren, bis seine Schwester, Serife Vural, die studierte Sozialpädagogin ist, auf ihn zukam und sagte: „Bruder, wir müssen was tun“. Die Schwester meinte, dass es zu viele Kinder gebe, die im Schulsystem untergehen, weil die Lehrer nicht an sie glauben würden, so wie es Vural ergangen ist.

Genau aus dem Grund begann er 2004, an der Janusz-Korczak-Gesamtschule ehrenamtlich Nachhilfe anzubieten. Dort etablierte er das Konzept der Lernkaskaden. Es beruht auf dem Prinzip „Geben und Nehmen“. Vural unterrichtete sechs ältere Schüler. Als Gegenleistung unterstützen sie wiederum jüngere Schüler.

In Castrop-Rauxel ließ der Erfolg auf sich warten

An die Stelle von Vural sind bundesweit etwa 500 Lehramtsstudenten gerückt. Diese betreuen an etwa 90 Schulen, in 37 Kommunen und 11 Bundesländern Lernkaskaden, mit etwa 4000 Schülern.

Entstanden ist das Nachhilfeinstitut Chancenwerk mit über 500 Mitarbeitern, von denen 40 fest angestellt sind. Ehrenamtlich ist das Ganze schon lange nicht mehr. Das Nachhilfeinstitut wird vor allem über Stiftungsgelder und Unternehmen finanziert, darunter von der Haniel-Stiftung oder der RAG. Vurals Promoton blieb angesichts dieser Dynamik auf der Strecke, denn er investierte seine gesamte Kraft in das Chancenwerk.

Zwei Studenten unterrichten in der Chancenschule.

Zwei Studenten unterrichten in der Chancenschule. Die Schüler werden das Wissen eines Tages weiter geben. © Said Rezek

Murat Vural ist sogar von Ashoka, einer weltweit führenden Organisation zur Förderung von Social Entrepreneurs, zum Sozialunternehmer des Jahres ausgezeichnet worden.

Während die Lernkaskaden bundesweit große Erfolge verbuchen, hatte das Chancenwerk ausgerechnet in Castrop-Rauxel Schwierigkeiten Fuß zu fassen. Laut Murat Vural blockten die Schulen und da dachte er sich: „Wenn uns die Schulen nicht reinlassen, dann machen wir es selbst.“

Für Murat Vural ist ein Traum wahr geworden

Er gründete in seiner Heimatstadt 2017 die Chancenschule, mit zwei Standorten. Am Berliner Platz am Castrop-Rauxeler Bahnhof ist ein reines Verwaltungsgebäude und am Simon-Cohen-Platz in der Innenstadt liegt das Nachhilfeinstitut. Dort werden mittlerweile 130 Schüler unterrichtet.

Aufgrund des großen Bedarfs werden die Föderplätze verdoppelt. Die erhöhte Nachfrage ist aus Sicht des Sozialunternehmers ein Zeichen dafür, dass sich die Qualität in der Chancenschule herumgesprochen habe. Für Murat Vural ist ein Traum wahr geworden: „Mein Ziel ist es, den Schülern etwas von der Bildung zurückzugeben, die ich genossen habe, sonst würde ich mich schuldig machen.“

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