Die Stadt Castrop-Rauxel lässt das öffentliche Leben vorerst pausieren: Alle städtischen Veranstaltungen bis zum 1. Mai sind seit Freitag abgesagt. Die Schulen gehen in verlängerte Osterferien.

Castrop-Rauxel

, 13.03.2020, 21:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Solch eine Ausnahmesituation gab es in Castrop-Rauxel vermutlich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr: Das öffentliche Leben wird in den kommenden Wochen weitgehend ruhig gestellt. Die Ausbreitung des Coronavirus soll verlangsamt werden, indem man die Zahl der Kontakte auf die notwendigsten beschränkt. Dadurch sollen sich weniger Menschen gleichzeitig anstecken.

Die Schulen und Kindertagesstätten gehen in verfrühte Osterferien: Sie sind ab sofort generell geschlossen und öffnen frühestens nach den Osterferien wieder. Für Eltern, die auf eine Betreuung angewiesen sind, gibt es vorerst an jeder Schule und Kita eine Notbetreuung. Für die Abiturienten dieses Jahres war damit der Freitag der letzte Schultag ihres Lebens.

„Wir setzen auf den gesunden Menschenverstand“

„Wir setzen auf den gesunden Menschenverstand“, sagte Bürgermeister Rajko Kravanja am Freitagmittag. „Wir werden abfragen, wer zwingend arbeiten muss, damit das öffentliche Leben weiter gehen kann. Dann werden wir sehen, wie wir die Betreuung sicher stellen.“

Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vergangenen Sonntag empfahl, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abzusagen, klang das für viele wie eine übertriebene Entscheidung. Eine Woche später ist inzwischen fast allen Experten klar: Es müssen nicht nur Großveranstaltungen gestrichen werden, sondern alle.

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Dieser Empfehlung der Fachleute kommen die Städte im Kreis Recklinghausen in einer abgestimmten Strategie nach: Bei einer Bürgermeisterkonferenz am Donnerstag im Kreishaus stimmte man sich auf ein gemeinsames Vorgehen ab, nach dem bis einschließlich 1. Mai keine öffentlichen Veranstaltungen mehr stattfinden sollen. Jetzt ist die Rede von maximal 30 Teilnehmern.

Das Rathaus wird ab Montag nur sehr eingeschränkt geöffnet sein: nur noch über den Eingang B vom Europaplatz und nur noch auf Termin. Das gelte für alle Bereiche – das Jobcenter, andere soziale Einrichtungen der Stadtverwaltung, das Bürgerbüro. Am Standesamt werden die vereinbarten Eheschließungen weiter stattfinden, allerdings auf 30 Gäste beschränkt.

Hallenbad, Bücherei, VHS: geschlossen

Das Hallenbad, die Stadtbibliothek, die Volkshochschule, auch das WLT schließen. Die Kirchen- und Moscheegemeinden würden zwar vermutlich an ihren Gottesdiensten festhalten, aber man empfehle dort den Besuchern, einen ausreichenden Abstand zueinander zu halten – und eigentlich, ließ Bürgermeister Rajko Kravanja am Freitag bei einer Pressekonferenz durchblicken, wäre man mit einer Absage auch der Gottesdienste glücklicher.

Auf der Pressekonferenz im Rathaus um 12 Uhr verbreitete die Verwaltungsspitze zwar eine angespannte, aber keine Krisenstimmung: Die Stadtverwaltung sei nicht im absoluten Krisenmodus, sagte Kravanja, aber man werde alles herunterfahren. Man setze Teile eines Pandemieplanes um, bewusst aber noch nicht alle. Das werde tages- und wochenaktuell aufgrund der Entwicklung der Lage entschieden.

Der EUV-Stadtbetrieb, sagte Vorstand Thorsten Werth-von Kampen, habe hingegen seinen Pandemieplan am Freitag ausgelöst: „Wir unternehmen alle Maßnahmen, um die öffentliche Daseinsvorsorge sicherzustellen“, sagte er und nannte die Müllabfuhr und die Abwasserbeseitigung als Stichworte. Man wolle eine Personalreserve schaffen, indem man Mitarbeiter in den Stand-by-Modus versetze. Damit soll gewährleistet werden, dass sie sich nicht gegenseitig anstecken und nicht in einigen Tagen alle auf einmal ausfallen. Veranstaltungen wie die Kirmes und Platzverweis dem Dreck fallen aus.

Nach dem gleichen Prinzip verfährt die Stadtverwaltung. Mitarbeiter sollen von zu Hause aus arbeiten, wo das möglich ist.

Feuerwehr-Chef verbreitet Gelassenheit

Feuerwehr und Rettungsdienst seien guter Dinge, sagte Feuerwehrchef Ulrich Vogel, der unterstrich, dass man gelassen sei: „Die Stimmung bei uns ist zurzeit gut, das Thema ist für uns nicht neu. Wir werden uns nicht abmelden, ebenso wenig wie die Polizei und Krankenhäuser.“ Man habe nun die Chance, zu schauen, „wo unsere Strukturen gut sind und wo wir noch Potenzial haben, uns zu verbessern“.

Ab Montag soll es eine tägliche Lagebeurteilung und tägliche Mitteilungen von der Stadt geben. „Ich hätte vor drei Tagen nicht gedacht, dass ich heute alle Veranstaltungen absage“, so Bürgermeister Kravanja. Man könne nicht den ersten Tag mit dem zehnten vergleichen.

Er riet davon ab, allzu große Aufregung zu verbreiten: „Unsere Aufgabe ist, besonnen und konsequent zu handeln und fachlich damit umzugehen.“ Angesprochen auf Hamsterkäufe in den Läden der Stadt schon vor einigen Tagen, die nun noch zunehmen könnten, sagte er: „Wir rufen noch nicht den Stab für besondere Ereignisse ein, um die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung sicher zu stellen. Nein! Wir brauchen keine Hamsterkäufe. Auch morgen wird noch jemand an der Supermarktkasse sitzen, morgen wird jemand den Müll abholen, die Feuerwehr kommt, wenn es erforderlich ist. Die Normalität geht weiter – mit Einschränkungen.“

„Angst ist kein guter Ratgeber“

Feuerwehrchef Ulrich Vogel sagte: „Angst ist kein guter Ratgeber. Wir haben kein Problem mit der aktuellen Lage. Wir stehen unseren Mann und unsere Frau. Wir sollten Haltung zeigen und Angst ausblenden.“

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An dieser Stelle werden wir auch in der neuen Woche über alle Entwicklungen zum Coronavirus in Castrop-Rauxel berichten. Kostenlos. Seit Sonntagnachmittag gibt es in der Stadt 10 Infizierte. Von Tobias Weckenbrock, Thomas Schroeter, Marcel Witte, Jessica Hauck, Iris Müller

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